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Es ist höchste Zeit, sich bei den Ehrenamtlichen zu bedanken, die sich seit Jahren unermüdlich für Geflüchtete engagieren – die EKBO möchte DANKE sagen, und zwar mit drei großen Ehrenamtsfesten, die unter dem Motto stehen: „Gemeinsam helfen. Gemeinsam danken. Gemeinsam feiern. Drei Tage. Drei Orte. Ein Ziel.“ Am Samstag, dem 4. März, steigt nun das DANKE-Finale in Hoyerswerda. 

In Hoyerswerda war man vor drei Jahren gut vorbereitet. Als im Januar 2014 die ersten Geflüchteten ins neu eröffnete Asylbewerberheim einzogen, standen die ehrenamtlichen Helfer schon bereit. „Noch bevor der erste Flüchtling ankam, war unser Bürgerbündnis fertig gegründet und steckte mitten in der Arbeit“,  erzählt Jörg Michel. Er ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt und Mitinitiator des Bürgerbündnisses „Hoyerswerda hilft mit Herz“. Gut 90 Ehrenamtliche gestalteten Newsletter, organisierten Gesprächsrunden für die Einheimischen und bereiteten einen „Tag der offenen Tür“ im Flüchtlingsheim vor – damit die „Hoyerswerdsche“, wie die Stadtbewohner heißen, die Neuankömmlinge kennenlernen und sich nicht überrumpelt fühlen.

Nie wieder rechte Attacken gegen Flüchtlingsheime

Denn eins war den aktiven Bürgern klar: Nie wieder sollte es zu solchen fremdenfeindlichen Ausschreitungen kommen wie im September 1991. Fünf Nächte lang griffen damals hasserfüllte Rechtsextreme die Flüchtlingsheime in Hoyerswerda an, warfen Steine und Molotowcocktails, sodass die Polizei die Bewohner evakuieren musste – und die Bevölkerung sah dabei zu. Jörg Michel kam erst nach den Ausschreitungen, 1993, von Görlitz nach Hoyerswerda. Schon 2006, als bei einer großen Demonstration 400 Rechtsradikale aufmarschierten und das „15jährige Jubiläum“ der Gewaltattacken feiern wollten, gründete er die „Initiative Zivilcourage“. Die ganze Gesellschaft war damals aufgerufen, Stellung zu beziehen – Bürger, Politiker, Menschen des öffentlichen Lebens. Und sie taten es – und tun es noch immer.

„Man hilft hier nach wie vor auch gegen Widerstand“

Hier hat 2014 niemand blauäugig gedacht, dass es keine Spannungen geben werde, wenn ein neues Flüchtlingsheim eröffnet wird. Hier war keiner so naiv zu denken, dass sich alle Bürger über die neuen Nachbarn freuen werden. „Wir Hoyerswerdsche haben nun mal diese Geschichte. Das hat aber dazu geführt, dass sich die Stadt zum Positiven verändert: Man muss eine aktive Rolle einnehmen, klar Position beziehen“, weiß der Pfarrer. Die Rolle der Ehrenamtlichen, das Zeichen, sich zu engagieren, ist hier besonders wichtig. Und nicht immer einfach: „Man hilft hier nach wie vor auch gegen Widerstand: Zu Anfang wurden Ehrenamtliche verspottet, belächelt und angegangen.“ Auch wenn der Ort keine Nazi-Hochburg ist – eine kleine rechte Bewegung gibt es. Die marschierte auch 2015 bei „Hoygida“ auf, einem Ableger von Pegida. „Beim ersten Mal kamen 300 Leute, auch von auswärts – nach einem halben Jahr liefen da nur noch zwölf Leute mit“, so Michel. 

Dazu haben auch die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer beigetragen. Sie haben zusammen mit Pfarrer Michel Gesprächsabende zum Thema Demokratie in der Kirchengemeinde, dem (sehr bezeichnend) Martin-Luther-King-Haus organisiert, sie haben Begegnungscafès eingerichtet und sie haben mit Geflüchteten Schulen und öffentliche Einrichtungen besucht, damit man sich gegenseitig kennenlernt. Sie haben Schulmaterialien und Kleiderspenden gesammelt – es kam so viel zusammen, dass man manches an andere Bedürftige weitergeben konnte. Lehrer, die bereits im Ruhestand waren, gaben Deutschunterricht – erst neun Monate später wurden endlich die gesetzlichen Sprachkurse eingeführt. Noch immer begleiten Freiwillige Geflüchtete zu Ämtern, helfen bei der Suche nach einem Kindergartenplatz oder einer Wohnung. Natürlich sind dafür eigentlich Sozialarbeiter eingestellt – aber die kommen mit der Arbeit kaum hinterher.

Mittlerweile hilft man sich gegenseitig

In Hochphasen lebten über 700 Flüchtlinge in der Stadt mit ihren knapp 34 000 Einwohnern. Mittlerweile konnte die Notunterkunft geschlossen und einige Bewohner „dezentral“, also in Wohnungen, untergebracht werden. Heute leben noch etwa 500 Geflüchtete im großen AWO-Wohnheim in Hoyerswerda und helfen sich auch gegenseitig. Ein syrischer Vater, der in seiner Heimat deutsche Touristen durchs Land geführt hat, kann hervorragend bei Übersetzungen helfen. Und ein Tunesier, der in Deutschland studiert hat, ist eine großartige Unterstützung bei vielen Amtsangelegenheiten.

Jörg Michel hält es für selbstverständlich, sich in Hoyerswerda so stark für Toleranz und Zivilcourage, für Fremdenfreundlichkeit und Menschlichkeit zu engagieren: „Man kann ja schlecht im Martin-Luther-King-Haus arbeiten – und nichts dergleichen tun.“ Dass in seiner Gemeinde nun sämtlichen Ehrenamtlichen, die sich für Geflüchtete engagieren, gedankt werden soll, kam für die Flüchtlingshelfer selbst völlig unverhofft.

Doch nicht nur sie sind am Samstag von der EKBO ins Martin-Luther-King-Haus gebeten, um sich beim Buffet auszutauschen, um Filme von syrischen Künstlern anzuschauen, einer Swing-Band zuzuhören, zu tanzen – und um an der Diskussion „Rund ums Ehrenamt in der Flüchtlingsarbeit“ teilzunehmen, bei der auch Jörg Michel auf dem Podium sitzen wird. Sämtliche Flüchtlingshelfer in der schlesischen Oberlausitz, zum Beispiel in Görlitz, Weißwasser, Rothenburg, aber auch in Bautzen und Kamenz (eigentlich Teil der Sächsischen Landeskirche) sind herzlich eingeladen. Gerade in Bautzen, wo 2016 ein Flüchtlingsheim angezündet wurde, ist es eben keine Selbstverständlichkeit, sich für Neuankömmlinge zu engagieren. Über hundert Ehrenamtliche haben sich bereits zur Feier am Samstag angemeldet – und auch der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich kommt, um sich bei ihnen zu bedanken.

Text: Barbara Behrendt

Letzte Änderung am: 04.03.2017