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Progressiver Theologe mit konservativer Grundstruktur

Er war Theologieprofessor, Kirchentagspräsident, Bischof und EKD-Ratsvorsitzender. Jetzt wird Wolfgang Huber 80 Jahre alt

Wolfgang Huber. Foto: Martin Weinhold / Wikimedia

Von Franziska Hein (epd)

Eigentlich sei es verwunderlich, dass er sich nicht schon früher eingehender mit der Digitalisierung befasst habe, sagt der evangelische Theologe und Ethiker Wolfgang Huber. Der ehemalige Berliner Bischof, der am 12. August 80 Jahre alt wird, hat nun seiner langen Publikationsliste zu ethischen Fragen ein Buch über die Ethik der Digitalisierung hinzugefügt. Es zeigt, dass Huber noch immer eine „intellektuelle und moralische Instanz“ ist, wie sein Biograf Philipp Gessler ihn einmal genannt hat.

Die Beschäftigung mit ethischen Fragen aus theologischer Perspektive verbindet den in Straßburg geborenen und im Schwarzwald aufgewachsenen Huber mit dem NS-Widerstandskämpfer und evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der 1945 im Konzentrationslager ermordet wurde. Dessen Einfluss bezeichnet Huber nicht nur für seine Theologie, sondern auch in der Lebenshaltung als prägend. Mit Bonhoeffers Schriften kommt Huber schon als christlicher Pfadfinder in Kontakt. Nach dem Theologie-Studium und Vikariat kehrt er zurück in die akademische Theologie und arbeitet an einer Neuedition von Bonhoeffers Werk.

Sein Interesse für den NS-Widerstand entspringt auch der Vergangenheit von Vater Ernst-Rudolf Huber, einem NS-Verfassungsrechtler. Zu ihm hatte er trotz dessen Unterstützung des NS-Staates eine enge, liebevolle Bindung, wie er erzählt. Der Vater, der nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur Lehrverbot erhält, kümmert sich um die fünf Söhne, während seine Frau, Hubers Mutter Tula, als Anwältin das Familieneinkommen erwirtschaftet.

1980 wird Huber Professor für Sozialethik in Marburg, 1984 wechselt er an die Universität Heidelberg. Es sei sein Verdienst, dass sich das Fach als theologische Teildisziplin etabliert, sagt der Huber-Biograf Gessler. Heute sei die Kirche bei ethischen Themen am ehesten gefragt. Das sei es, was von der Kirche erwartet werde.

Von 1983 bis 1985 - während der Nato-Nachrüstungsdebatte - ist Huber Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, der größten christlichen Laienbewegung in Deutschland. 1994 kehrt er der Hochschule den Rücken und wird Bischof der Landeskirche Berlin-Brandenburg. Für das Amt sagt er eine SPD-Bundestagskandidatur ab, wozu ihm seine Frau, die Lehrerin Kara Huber-Kaldrack, rät, erzählt er. Mit ihr hat er zwei Söhne und eine Tochter.

In seine erste Amtszeit als Bischof fällt ein strikter Spar- und Reformplan. 1997 beschließt das evangelische Kirchenparlament, 56 Millionen im Haushalt binnen eines Jahres zu sparen, unter anderem durch die Entlassung von rund 1.000 Mitarbeitenden und die Verringerung der Zahl der Gemeinden von 1.700 auf 1.400.

Seine Ideen für eine zukunftsfähige Kirche - trotz Mitgliederschwund und schrumpfender Einnahmen - bringt Huber ab 1997 auch im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein, dessen Vorsitzender er 2003 wird. Die Medien erkennen in ihm nach seiner Wahl zum obersten Repräsentanten der EKD einen ehemals friedensbewegten Linksprotestanten mit „konservativer Grundstruktur“. So schreibt es die „Süddeutsche Zeitung“ im November 2003.

2006 stellt er den EKD-weiten Reformprozess „Kirche der Freiheit“ vor, der unter anderem vorsieht, die Zahl der Landeskirchen von damals 22 auf 8 bis 12 zu reduzieren. Das Impulspapier sei „ein mutiger Schritt“ gewesen, sagt Gessler, mit dem Huber sich jedoch auch Feinde gemacht habe. Die Ideen seien zu neoliberal, sagten Kritiker. Es zeuge von Integrität, sich davon nicht beirren zu lassen, so Gessler.

Doch nicht nur als Reformer, sondern auch als streitbarer Theologe tritt Huber in Erscheinung. „Die Kirche mischt sich um Gottes Willen politisch ein“, sagte er in seiner Antrittsrede als Ratsvorsitzender. Enttäuscht zeigt er sich vom Vatikan, der die Kirchen der Reformation nicht als „Kirchen“ ansieht. Dennoch fällt in seine Amtszeit der erste ökumenische Kirchentag 2003 in Berlin. Er lehnt den EU-Türkei-Beitritt ab und verweist auf die Lage der Christen in dem Land. In der Finanzkrise 2008/9 legt er sich mit dem damaligen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann an und kritisiert exorbitante Manager-Boni.

In der Friedensethik bleibt der rhetorisch versierte Huber fest in seiner Position, dass Krieg nur als „ultima ratio“ legitim ist. So lehnt er 2003 den Irak-Krieg mit demselben Argument ab, mit dem er 2022 Waffenlieferungen für die Ukraine befürwortet. Zweimal ist er ernsthaft als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch - 2010 und 2012.

Nach dem altersbedingten Ende seiner Amtszeit als Bischof und Ratsvorsitzender kehrt Huber in die universitäre Lehre zurück, ist theologischer Schriftsteller und arbeitet ehrenamtlich in unterschiedlichen Funktionen. „Ich bin solidarisch mit meiner Kirche und engagiere mich gerne weiter ehrenamtlich“, sagt Huber.

Letzte Änderung am: 09.03.2022