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Kirchenbau in der NS-Zeit

Im Rahmen der Ausstellung „Neue Anfänge 1945?" gibt es am 10. Februar eine Online-Veranstaltung zum Kirchenbau in Berlin 1933-1945 " vor – im Gespräch mit Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur

NS-Täter und Kriegsverbrecher im Schutz der Kirche
Ausschnitt von Thema 3
Besucher im Ausstellungsraum
Kleine Führung unter Pandemiebedingungen
Historiker vor Ausstellungstafel
Stephan Linck erklärt die Ausstellung.
Originalfoto
Der ehemaliger Berliner Nazi-Pfarrer Joachim Hossenfelder geht beschwingt zur Trauung im norddeutschen Ratekau.
Frau und Mann im Ausstellungsraum
Kuratorin Stefanie Endlich mit Historiker Stephan Linck
Auszug Text
Auszug aus der EKD-Ostdenkschrift von 1965
Antikommunismus und Diffamierungen
Thema 6 der Ausstellung
NS-Täter und Kriegsverbrecher im Schutz der Kirche
Ausschnitt von Thema 3
Besucher im Ausstellungsraum
Kleine Führung unter Pandemiebedingungen

Im Rahmen der Ausstellung "Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“ wird es eine weitere Online-Veranstaltung geben: Am 10. Februar um 18 Uhr stellt Mit-Kuratorin Beate Rossié ihre Dissertation "Kirchenbau in Berlin 1933-1945" vor – im Gespräch mit Pfarrerin Marion Gardei, der Beauftragten für Erinnerungskultur der EKBO.

Die Ausstellung selbst ist in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zu sehen. Am Beispiel der Nordkirche zeigt sie den Umgang der Kirche mit ihrer NS-Vergangenheit. Während sie des Widerstands in den eigenen Reihen gern gedenkt, ist der lange Weg zum echten Schuldanerkenntnis der Kirche immer noch wenig bekannt. Es ist eine Geschichte voller Widersprüche. Die Ausstellung macht offenkundig, wie nicht nur effektive Flüchtlings- und Aufbauarbeit, sondern auch unterlassene Nächstenliebe, fortwirkender Antisemitismus, Täterhilfe und Verdrängung die evangelische Kirche nach 1945 prägten. Über 100.000 Besucher haben die Schau bereits gesehen, es gab mehr als 200 Veranstaltungen. Ihre 39. Station macht die Wanderausstellung nun in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand (GdW) in Berlin.

Beispielhaft ist zu sehen, wie es um den „Neuanfang“ in der evangelischen Kirche bestellt war – beispielhaft im zweifachen Sinne: „Wir wollen damit auch den evangelischen Kirchengemeinden in Berlin und Brandenburg zeigen, wie der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit thematisiert werden kann“, erklärte GdW-Leiter Johannes Tuchel anlässlich der Eröffnung. Anders als nach 1945 vielfach gewünscht, gab es demnach „eine vielfältige Gemengelage aus nationaler Begeisterung, dadurch ausgelöster Nachfolgebereitschaft gegenüber dem neuen Regime nach 1933, vielfältigen Anpassungsprozessen und nur bei einzelnen anzutreffender Bereitschaft zum Widerstand.“ Es sei zuerst um den Erhalt der kirchlichen Strukturen gegangen. Und: „Viele Christen waren fasziniert von der so genannten Volksgemeinschaft.“

Unterlassene Nächstenliebe für "Ausländer"?

Die evangelische Kirche spielte bei der Integration der Flüchtlinge aus den Ostgebieten „eine zentrale Rolle“, erklärt Kuratorin Stefanie Endlich anlässlich einer coronabedingt nur intern zugänglichen Führung. Als einzige Institution habe die Kirche flächendeckend, „mit Filiale, Büro, Verwaltung in jedem Dorf“ über intakte Strukturen verfügt, meint der Historiker Stephan Linck, auf dessen Forschungen die Ausstellung basiert. Die Nordkirche habe bei der Flüchtlingsversorgung Großes geleistet – allerdings nur bei Angehörigen der ehemaligen „Volksgemeinschaft“. „Für die Überlebenden der Lager hingegen engagierte sich die evangelische Kirche nicht“, sagt Endlich. Die NS-Opfer, darunter viele so genannte Displaced Persons – Russen, Polen, Ukrainer – wurden laut Linck „verachtet von der deutschen Mehrheitsbevölkerung“. Sie lagen der deutsch-evangelischen Nächstenliebe deutlich ferner. „Die Gesellschaft wollte die Ausländer nicht“, meint Linck. Die Logik „Deutsche für Deutsche“ habe sich fortgesetzt. Viele Opfer lebten auch nach 1945 weiter unter unwürdigen Bedingungen, oft in Lagern.

„Das erschreckende Desinteresse“ der Kirche betraf nach Stefanie Endlich auch das Ausmaß der Judenverfolgung und das Leid der jüdischen Überlebenden. „Es gab keine Empathie“, befindet Linck. Antisemitische Überzeugungen wirkten fort, wobei jedoch deutliche Unterschiede zwischen Land und Stadt festzustellen seien, bereits vor 1945: Anders als in Hamburg hatte man in Holstein Christen jüdischer Herkunft aus der Kirche ausgeschlossen. Nach 1945 erhielten sie dann mit dem Kirchensteuerbescheid Kenntnis davon, dass sie wieder aufgenommen waren… Die Kirche übernahm keine Verantwortung für die eigene Verstrickung in der NS-Zeit – wobei der Historiker das gern gebrauchte Wort „Verstrickung“ noch zu milde findet, da es ein Nicht-anders-Können suggeriert. „Mittäterschaft“ sei in allzu vielen Fällen der passendere Begriff.

"Erschreckendes Desinteresse"

Um die Täter aus den eigenen Reihen kümmerten sich die Kirchenleitungen engagiert. Bischof Wilhelm Halfmann tat sich hierbei besonders hervor. Er war sowohl führendes Mitglied der Bekennenden Kirche gewesen als auch bekennender Antisemit. Mit seinen Gnadengesuchen für NS-Verbrecher hatte der Bischof oft Erfolg.

Evangelische Schuldbekenntnisse nach dem Krieg trafen dagegen nicht die Stimmung an der kirchlichen Basis. Man verwies auch in Norddeutschland abwehrend auf alliierte Kriegsverbrechen und deutsche Opfer. Zur Sühne schien zunächst kaum ein Christ bereit. Der unreflektierte und ungesühnte eigene Antisemitismus konnte weiter wirken. 1947 gab es erste Friedhofsschändungen in Norddeutschland. In den 1950er-Jahren breitete sich der antijüdische Vandalismus aus. Synagogen wurden mit Hakenkreuzen beschmiert. Für die Kirche blieb der Antisemitismus und der Umgang mit den getauften Juden „ein verschämtes Thema“, wie Stephan Linck es ausdrückt.

Beerdigung von KZ-Opfern wird zum Akt des Widerstands

Doch es ging auch anders. In Ladelund hatte der dortige Pastor Johannes Meyer, selbst NSDAP-Mitglied, die KZ-Opfer auf Geheiß des SS-Kommandanten verscharren müssen. Er tat dies jedoch in einem Akt des Widerstands nach christlicher Tradition auf kirchlichem Land und verzeichnete an den Gräbern und in den Kirchenbüchern die Namen der Toten. Nach dem Krieg lehnte auch dieser Pastor zwar die Entnazifizierung ab, bemühte sich jedoch, die Angehörigen der Opfer ausfindig zu machen. Er schrieb Briefe und begann so eigenverantwortlich mit der Versöhnungsarbeit. Und er kümmerte sich darum, dass die Gräber gepflegt wurden. „1950 kamen die ersten aus den Niederlanden, sie stellten die größte Opfergruppe“, erzählt Linck. Bis heute träfen sich in Ladelund zum Volkstrauertag die Angehörigen mit ansässigen Christen, um gemeinsam Kränze niederzulegen und der Toten zu gedenken.

Solch tätige Sühne bei vollem Eingedenken der Schuld war zunächst eher selten, meint Linck. Erst die EKD-Ostdenkschrift von 1965 habe bundesweit dafür plädiert, Schuld und Sühne zu verbinden – und nicht mehr auf der Rückgabe der Ostgebiete zu beharren. Innerhalb der Kirche gab es heftigen Widerspruch, letztlich habe die Schrift jedoch der Ostpolitik Willy Brandts den Boden bereitet.

Alle sechs Themen der Ausstellung - Heimatvertriebene, Flüchtlinge und ‚Displaced Persons‘; Antisemitismus und neue Begegnungen; NS-Täter und Kriegsverbrecher im Schutz der Kirche; Streit um Schuld und Mitverantwortung; Haltung zu Krieg und Wiederaufrüstung; Antikommunismus und Diffamierungen – erscheinen im politischen und gesellschaftlichen Kontext von Nachkriegsdeutschland bis 1985. Der kirchliche Antikommunismus, die Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz oder die Verfolgung von linken Pfarrern im Kalten Krieg sind ebenso anschaulich dargestellt wie die Diskussion zur Wiederbewaffnung.

Und was hat das mit Berlin-Brandenburg zu tun?

Interessant sind Bezüge zur hiesigen Landeskirche, nicht nur im erinnerungskulturell mahnenden Sinne, sondern auch personell. So kam etwa der Deutsch-Christ Joachim Hossenfelder auf Empfehlung von Bischof Otto Dibelius im Norden unter. Auf einem Foto von 1958 sieht man ihn beschwingt im Talar vor einem Hochzeitspaar hergehen. Hossenfelder war bereits 1929 in die NSDAP eingetreten, predigte ab 1931 an der Berliner Christuskirche, unterlag bei den Flügelkämpfen der nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ und stand dann ab 1939 in der Potsdamer Friedenskirche auf der Kanzel. In Brandenburg konnte der Antikommunist nach 1945 nicht recht Fuß fassen. Er beantragte politisches Asyl im Westen.

Auf Empfehlung von Bischof Otto Dibelius nahm ihn 1954 nahm der Eutiner Bischof Wilhelm Kieckbusch auf. Kieckbusch hatte sich in der NS-Zeit als „Stahlhelmpastor“ und „nationaler Hetzer“ antisemitisch profiliert und gehörte zu denen, die das Stuttgarter Schuldbekenntnis ablehnten. 1961 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Eutin. Im selben Jahr tagte der Evangelische Kirchentag in Berlin nicht nur unterm Jerusalemkreuz, sondern auch unterm Davidstern – Neuanfang nach 1945? Statt echter Brüche bestimmen eher Widersprüche das Bild. „Das Ausmaß kirchlicher Mittäterschaft ist erschreckend“, sagt Linck.

Info

Bis zum 28. Februar 2022 ist die Ausstellung zu sehen:

Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Stauffenbergstraße 13 - 14
10785 Berlin-Tiergarten
1. Etage, Sonderausstellungsbereich

Öffnungszeiten:
Mo bis Fr 9 bis 18 Uhr
Sa, So und an Feiertagen 10 bis 18 Uhr
Telefon: 030/26 99 50 - 00

Per Livestream: Livestream: Am 10. Februar um 18 Uhr stellt Mit-Kuratorin Beate Rossié ihre Dissertation "Kirchenbau in Berlin 1933-1945" vor – im Gespräch mit Pfarrerin Marion Gardei, der Beauftragten für Erinnerungskultur der EKBO.