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Christian Stäblein: Beschränkungen dürfen sich nicht verselbstständigen

Der Berliner Bischof sieht neuen gesellschaftlichen Konsens in der Corona-Krise

Im November 2019 wurde Christian Stäblein (52) als neuer Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ins Amt eingeführt. Wenige Monate später steht er an der Spitze einer Landeskirche, in der keine Gottesdienste mit Gläubigen stattfinden und die in der Corona-Pandemie täglich vor neuen Herausforderungen steht. Mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) sprach er über Krisenmanagement, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Leistungen für Menschen in systemrelevanten Berufen.

 epd: Dass Sie in den ersten sechs Monaten Ihrer Amtszeit einen solchen Ausnahmezustand wie die Corona-Pandemie erleben würden, hätten Sie sich gewiss nicht träumen lassen?

 Stäblein: So ist es. Daran sieht man auch, was Jahresvorhaben mitunter wert sind. Kein Mensch hat sich bei unseren Planungen für dieses Jahr vorstellen können, in welcher Lage wir jetzt stecken.

 epd: Fühlen Sie sich als Krisenmanager?

 Stäblein: Wir haben ein großes Team in der Landeskirche, mit dem wir zusammen managen, was zu tun ist. Insofern bleibe ich lieber Bischof als Krisenmanager.

 epd: Dennoch - Sie kommen gerade aus der Sitzung des Krisenstabes. Was wird dort besprochen?

 Stäblein: Mit Beginn der Corona-Krise haben wir einen Kreis leitender Personen versammelt, der sich um die täglichen Sorgen und Erfordernisse in der Landeskirche kümmert. Wir besprechen uns täglich zu fester Uhrzeit. Die drei Generalsuperintendentinnen berichten aus ihrem Sprengel, die Präses der Landessynode ist immer mit dabei, ebenso, wenn möglich, die Diakonie-Direktorin. In den ersten Tagen der Krise haben sich fast täglich Veränderungen ergeben. Anfangs haben wir noch überlegt, ob Gottesdienste bis zu 50 Personen möglich sind. Wir hatten dann in schneller Folge neue Vorgaben der Länder Berlin, Brandenburg und Sachsen, die wir verantwortungsvoll umzusetzen hatten und bei denen wir uns fragen mussten, wie geht das vor Ort? Da sind für die Kirche elementare Fragen, etwa: Wie können Gemeindekirchenräte Entscheidungen treffen, wenn sie nicht zusammentreten können? Wir mussten sowohl für die juristischen als auch die ganz praktischen Aspekte angemessen und schnell Lösungen finden.

 epd: Wie lange hält unsere Gesellschaft einen Shutdown durch?

 Stäblein: Nach Ostern wird die Debatte weiter Fahrt aufnehmen, wie es zu Lockerungen kommen kann. Auch innerkirchlich wird darüber diskutiert werden, wie sich unsere gemeindlichen Angebote entfalten lassen. Vielleicht haben wir in den ersten Tagen, als es darum ging, in angemessener Weise zu reagieren, auch nicht deutlich genug unseren Schmerz darüber zum Ausdruck gebracht, dass wir momentan unsere Gottesdienste nicht in der gewohnten Gemeinschaft feiern können. Die jetzige Situation fällt uns allen nicht leicht. Aber wir üben Verzicht, weil wir unbedingt verantwortlich sind für die Schwächsten in unserer Gesellschaft, es geht darum, Menschen vor Ansteckung zu schützen. Das ist uns bewusst, diese Verantwortung haben wir. Und trotzdem bleiben Schmerz und Verzicht. Das muss jede Woche neu abgewogen und diskutiert werden. Wir müssen immer wieder schauen, ob es noch richtig ist, was wir gerade tun. Das kann sich ja nicht von selber verstetigen. Wir möchten, sobald es wieder möglich ist, Gottesdienste feiern, wenn vielleicht auch erst einmal nur in kleiner Gemeinschaft.

 epd: Droht in der jetzigen Krise ein Abbruch kirchlicher Angebote, trotz aller digitalen Angebote der Gemeinden?

 Stäblein: Von Abbruch würde ich wirklich nicht sprechen. Uns fehlen nach der kurzen Zeit noch die Erfahrungen, um alle Wirkungen abschätzen zu können. Ich sehe, dass wir eine verstärkte Nachfrage nach Seelsorge haben, etwa bei unserem Corona-Seelsorgetelefon. Und ich erlebe beispielsweise, dass Mitarbeitende in den Gemeinden über Telefon in engem Kontakt sind mit ihren Gemeindegliedern. Aus vielen Gemeinden höre ich, dass die neuen Angebote sehr gut angenommen werden. Die Verkündigung im digitalen Raum erlebt einen regelrechten Schub. Wir probieren gerade viele neue Formen aus und erreichen dadurch Menschen, die wir bisher nicht erreicht haben. Wir werden neue Erfahrungen und Fähigkeiten aus dieser Krise mitnehmen. Aber auch die Einschnitte derzeit sind offenkundig. Wer etwa im Chor singt, merkt jetzt, was es heißt auf diese Ursprache kirchlichen Miteinander verzichten zu müssen.

 epd: Welche wirtschaftlichen Folgen haben die Kirchen zu erwarten?

 Stäblein: Erste, und wirklich nur Schätzungen gehen von einem möglichen Rückgang der Kirchensteuer von 10 bis 15 Prozent aus. Das liegt bei einer abhängigen Steuer in der Natur der Sache bei einer Rezession. Auch bei den Kollekten ist ein Rückgang zu verzeichnen. Diese kommen ja oft diakonischen Zwecken zugute, daher ist der Einbruch sehr bitter. Ich denke, wir werden als Kirche in angemessener Weise damit umzugehen haben. Viele Effekte werden sich auch erst mit zeitlicher Verzögerung zeigen. Wir versuchen uns wie die Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft auf Zeiträume einzustellen, die nicht nur dieses Jahr umfassen.

 epd: Wenn Geld auch bei der Kirche infolge der Corona-Krise knapper wird - wo könnte gespart werden?

 Stäblein: Wir sind durch die Projektionen der Freiburger Studie schon im vergangenen Jahr in Debatten eingetreten, die sich mit der Frage nach der Konzentration kirchlicher Arbeit beschäftigen. Diese Diskussion wird nach der Corona-Krise noch deutlich an Schwung gewinnen müssen. Wir müssen wahrscheinlich schneller als bisher gedacht zu Lösungen kommen. Das soll allerdings wie bisher im guten, synodalen evangelischen Miteinander und in Mitsprache der vielen geschehen und kein Verteilungskampf zwischen kirchlichen Aufgaben werden. Ich bin zuversichtlich, dass uns das weiterhin gelingt.

 epd: Gibt es Parallelen zwischen der gegenwärtigen Corona-Krise und der Botschaft des Osterfestes?

 Stäblein: Darauf würde ich so erst einmal nicht kommen. In der Corona-Krise geht es um Leben und Tod. Sowie beim Osterfest auch, aber dort geht es um die umgekehrte Reihenfolge, nämlich Sterben und Leben. Das ist Gottes Botschaft am Osterfest, dass er die Reihenfolge dieser Welt und den Kreislauf von Leben und Sterben durchbricht und einen neuen Anfang setzt. Dass in diesen Tagen in Erinnerung zu rufen, ist eine Herausforderung. Es kann ja jetzt nicht darum gehen, vollmundig über die Lebensrealität hinwegzureden. 'Ostern ist stärker', sagt sich leicht. Aber wir sind in unsere Realität gerufen - mit den Krankenbetten und dem Tod, den wirtschaftlichen Existenzängsten und allem, was zur aktuellen Krise gehört. Trotzdem dürfen wir an dieser Zusage Gottes festhalten, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

 epd: Wie werden Sie persönlich das Osterfest verbringen, angesichts der Einschränkungen im Gemeindeleben und im Privaten?

 Stäblein: Ich halte mich an die Regeln, an die sich alle im Moment halten sollen. Es ist auch ein bisschen unser aller Aufgabe, mit gutem Beispiel voranzugehen und damit auch die anderen zu stärken.

 epd: Nach dem Sterbehilfe-Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Ende Februar sagten Sie, die Urteilsbegründung des Gerichts habe Sie verstört. Worin besteht diese "Verstörung"?

 Stäblein: Das Gericht hat sehr stark auf die Autonomie des Menschen abgehoben und erklärt, dass Sterben gehöre so wie das Leben jedem Einzelnen. Vor dieser Haltung habe ich Respekt und ich finde sie aus säkularer Perspektive nachvollziehbar. Als glaubender Mensch muss ich dann aber auch dagegenhalten dürfen, dass Leben und Sterben eben nicht mir allein gehört, sondern dass das Leben ein Geschenk Gottes ist, bis zum letzten Atemzug. Es stellt sich die Frage, ob der Mensch wirklich so autonom ist, wie er denkt. Meine 'Verstörung' rührt daher, dass alle Sorge dafür tragen müssen, dass weder privater, noch gesellschaftlicher oder ökonomischer Druck auf alte und kranke Menschen entstehen darf. So gilt es nach Wegen zu suchen, mit denen wir Recht und Anspruch einer säkularen Gesellschaft erfüllen können und gleichzeitig Menschen davor schützen, dass der Tod zum Handel wird.

 epd: Was muss Kirche an dieser Stelle für die Betroffenen tun?

 Stäblein: Wir müssen sterbende Menschen ausreichend begleiten und unterstützen. Sterbende werden nicht dadurch getröstet, dass man ihnen eine christliche Dogmatik am Sterbebett vor die Nase hält, sondern dass man sie in dem Prozess des Sterbens tatsächlich begleitet und offen für sie da ist.

 epd: Müssen Berufe, die Dienst am Anderen tun, besser honoriert werden?

 Stäblein: Ich hoffe sehr, dass dies nicht nur ein frommer Wunsch bleibt, der in der Krise geboren wird, weil das im Moment allen vor Augen steht, wie wichtig diese Berufe sind, und danach womöglich schnell wieder vergessen ist. Auch der Pflegenotstand ist ja schon seit Jahren bekannt.

 epd: Wird die jetzige Krise dazu beitragen, die Spaltung der Gesellschaft zu mildern?

 Stäblein: Sie zeigt zumindest, wie einig wir uns dann doch in bestimmten Grundfragen sind. Das Miteinander in dieser Krise beweist, dass die vielbeschworene Spaltung nicht so stark ist wie gedacht. Die Krise führt uns vor Augen, dass es offensichtlich doch gemeinsame Dinge gibt, die uns mehr tragen als es uns manchmal bewusst ist. Und das ist gut so.

Das Gespräch führte Jens Büttner