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Berlinale will europäischen Film in der Pandemie unterstützen

Interview mit Berlinale-Leiter Carlo Chatrian

Berlin (epd). Die Internationalen Filmfestspiele Berlin können in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht wie gewohnt stattfinden. Das Konzept für das wichtigste Filmfestival Deutschlands sieht zwei Ausgaben vor: ein Industry-Online-Angebot vom 1. bis 5. März, das nur für Branchenvertreter und Journalisten zugänglich ist, und eine Publikums-Berlinale im Sommer, vom 9. bis 20. Juni, über die Stadt verteilt in Kinos und Freiluftkinos. Carlo Chatrian, im zweiten Jahr Künstlerischer Leiter der Berlinale, sieht im Festhalten an dem Festival eine wichtige Unterstützung der Branche in schwieriger Zeit.

 epd: Sie haben lange Zeit auf einen klassischen Festivalbetrieb hin geplant und, als klar war, das wird nicht gehen, sehr lange mit der neuen Form des Festivals gerungen. Was waren die schwierigsten Entscheidungen?

 Carlo Chatrian: Nun, der schwierigste Aspekt ist immer noch, bis heute, die Unsicherheit, wie sich die Pandemie weiterentwickeln wird. Das erschwert und kompliziert jede Entscheidung. Die Stärke der Berlinale liegt darin, dass sie neue und alte Filme zusammenbringt, zugleich Publikumsfestival und Marktplatz ist. Als im November klarwurde, dass das in dieser Form auf keinen Fall stattfinden kann, hatte jede Option ihre Vor- und Nachteile. Erschwerend kam hinzu, dass niemand verlässliche Prognosen für die nächsten Wochen und Monate stellen kann, also jede Entscheidung auf unsicherem Grund gebaut ist.

epd: Wie schwer war es denn, die Produzenten für eine digitale Veranstaltung zu gewinnen?

 Chatrian: So schwer war das gar nicht, auch weil wir ja im März ein Industry Event haben und dann allen Filmen des Wettbewerbs die Möglichkeit einer Kinovorführung im Juni bieten; zumindest planen wir das so. Geholfen hat uns sicher, dass wir dem Markt eine starke Plattform bieten, dass wir den wichtigen Zeitraum am Anfang des Jahres halten und dass wir für das Summer Special im Juni keinen Premierenstatus fordern, die Filme also für Kinostart oder Festivalauftritte nicht blockiert sind. Die Mehrheit der Produzentinnen und Produzenten, mit denen wir in Kontakt standen, hat sich entschieden, bei uns zu bleiben.

 epd: Haben Sie angesichts all dieser Unwägbarkeiten und Schwierigkeiten in Betracht gezogen, das Festival in diesem Jahr ganz ausfallen zu lassen?

 Chatrian: Natürlich war das auch eine Option. Aber bevor es so weit kommt, wollten wir alle anderen Möglichkeiten durchspielen: nicht nur weil wir unsere Filmauswahl präsentieren wollen, sondern auch weil wir wissen, wie wichtig es für die Filme ist, eine Plattform zu finden. Sicher, nicht in der gewohnten Weise, aber das ist immer noch besser als gar nichts. Die Alternative, die wir jetzt bieten, ist teurer und riskanter, dank der Unterstützung der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), ist sie möglich. In Kultur zu investieren, auch wenn es keine wirtschaftlichen Sicherheiten gibt, darum geht es in einer Kulturinstitution.

 epd: Wie schätzen Sie die Bedeutung der Berlinale für die Filmbranche einerseits und für das kulturell interessierte Publikum andererseits ein?

 Chatrian: Mit dem Filmmarkt und der Filmauswahl unterstützt das Festival die gesamte Filmbranche, besonders relevant ist das in diesem Jahr für den europäischen Film. Das Festival ist ein Forum für den Austausch, viele Projekte werden da zum ersten Mal präsentiert, können Aufmerksamkeit wecken und hoffentlich auch Käuferinnen und Käufer überzeugen. Gerade im ersten Viertel des Jahres, wenn das System gestartet wird, ist das besonders wichtig. Aber auch kulturell haben Festivals eine besondere Bedeutung. Die Auswahl der Filme erfolgt nach kuratorischen Gesichtspunkten. Gerade in diesem Jahr ist das ein starkes Argument. Wir können ein ganz anderes Bild der Welt zeigen, als es auf den gängigen Plattformen zu finden ist. Glücklicherweise sind wir in der kuratorischen Arbeit sehr unabhängig. Natürlich wollen auch wir viele Zuschauerinnen und Zuschauer erreichen, aber es ist nicht das entscheidende Kriterium. Wir sind als Kulturevent nicht in derselben Weise von Quoten abhängig wie eine Streamingplattform, das Fernsehen oder andere gewinnorientierte Firmen. Der große Publikumszuspruch, immerhin 330.000 verkaufte Tickets im Vorjahr, bestärkt uns.

 epd: Ein hoher Anteil der Filme im Wettbewerb, genau ein Drittel, kommt dieses Jahr aus Deutschland, viele davon erzählen Berlin-Geschichten: Wird die Pandemie da zum Heimvorteil, oder sind die Filme so stark, dass sie auch in einem anderen Jahr wettbewerbsfähig gewesen wären?

 Chatrian: Ganz sicher sind sie das. Trotzdem ist jede Auswahl ein Resultat der verfügbaren Filme, auch im letzten Jahr hatten wir übrigens drei wichtige Filme mit Berlin-Fokus auf der Berlinale. Dass die deutsche Präsenz in diesem Jahr stärker ist, hat sicher auch damit zu tun, dass die Filmwirtschaft hier sehr aktiv ist und mit ihren Projekten früh an uns herangetreten ist, auch weil Venedig und das Sundance Film Festival in den USA weniger Filme gezeigt haben und viele Festivals im Herbst ausgefallen sind. Und wenn man nach Cannes schaut - die hatten im letzten Jahr auch mehr französische Filme, das ist eine Konsequenz der Pandemie, alle bauen stärker auf den heimischen Markt. Dennoch haben wir die Filme für den Wettbewerb ausgewählt, weil sie künstlerisch stark sind.

 epd: Zum ersten Mal gibt es in diesem Jahr keinen einzigen Film aus den USA im Wettbewerb. Woran liegt das?

Chatrian: Sie haben sicher auch bemerkt, dass außerhalb des zentralen Wettbewerbs amerikanische Filme laufen, auch in der zweiten Wettbewerbsreihe Encounters. In diesem Jahr haben wir ganz bewusst den internationalen Wettbewerb auf 15 Filme beschränkt, um das Programm in dem kurzen Zeitraum von fünf Tagen nicht zu überladen. Für diese Version schienen uns andere Filme besser geeignet. Gerade mit amerikanischen Filmen weckt man bestimmte Erwartungen, zu denen neben dem künstlerischen Anspruch auch die Anwesenheit von Stars gehört. Im letzten Jahr hatten wir zwei amerikanische Filme, die keine Weltpremieren waren, was in einem normalen Jahr völlig in Ordnung ist. Aber in der besonderen Form dieses Festivals, das in der ersten Hälfte ein reines Branchenevent ist, dachten wir, dass Filme, die hier als Weltpremiere laufen, stärker profitieren können. Wir hatten mehrere amerikanische Filme im Blick, gegen einige davon haben wir uns entschieden, anderen haben wir einen Platz in einer anderen Sektion angeboten, und einige haben sich für ein anderes Festival entschieden.

 epd: Wir beneiden natürlich die Jurymitglieder sehr, weil sie die Filme im Kino sehen dürfen. Wie entstand die Idee, die Jury mit Bären-Gewinnern zu besetzen?

Chatrian: Das hat mehrere Gründe: Für eine außergewöhnliche Berlinale brauchen wir eine außergewöhnliche Jury. Dann dachten wir, es sei eine schöne Geste, wenn die Filmemacherinnen und Filmemacher, die einen Bären gewonnen haben, ihre Kolleginnen und Kollegen unterstützen. Dazu ist es ein Tribut an die jüngere Geschichte der Berlinale. Und wenn man eine Jury zusammenstellt, möchte man Menschen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund. Diese Filmemacherinnen und Filmemacher arbeiten auf sehr unterschiedliche Weise, und glücklicherweise sind es drei Männer und drei Frauen, was auch ein wichtiger Aspekt ist.

epd-Gespräch: Anke Sterneborg

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# epd-Service

## Info
Eine Langfassung des epd-Gesprächs ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "epd Film" (3/2021) zu lesen.

## Internet
www.berlinale.de