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"Es wäre ein Fehler, auf das zu setzen, was ich schon kann, oder wo es für mich bequem ist"

Interview mit Vikar Christopher Schuller

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1. Was motiviert Sie, den Pfarrberuf anzustreben?

Nicht nur als Marburger Master-Absolvent bin ich Quereinsteiger: ich bin nicht in der evangelischen Kirche aufgewachsen, sondern bei der römischen Konkurrenz. Als junger Erwachsener habe ich mich nach vielen kirchenfernen Jahren bewusst für diese Kirche entschieden. Sie ist für mich nicht eine Art Elternhaus des Glaubens, in dem ich mich schon immer geborgen gefühlt habe; ich sehe sie vielmehr als gesellschaftliche Bewegung, der ich mich inbrünstig angeschlossen habe.
Als Pfarrer will ich meine Stimme erheben und die mir gegebenen Privilegien und Vorsprünge als Hebel nutzen, um die Würde anderer Menschen zu stärken und zu schützen. Ich will eine direkte, sprachlich entstaubte Theologie treiben, die meine Gemeinde und die Kirche herausfordert, aber auch unterstützt und wachsen lässt.
In den letzten Jahren an der Gedächtniskirche habe ich die große Vielfalt der Persönlichkeiten im Pfarrberuf gesehen und bin überzeugt, dass es auch für mich darin Platz gibt, und dass ich meine Arbeit für Menschen und für Gerechtigkeit auch im neuen Beruf fortsetzen kann, wenngleich in anderen Zusammenhängen auf anderen Ebenen.
 
2. Worauf freuen Sie sich im Vikariat besonders?

Beantwortet ist für mich die Frage, ob ich Pfarrer werden will. Im Vikariat muss man sich fragen: was für einer? Eines dazu weiß ich schon: es wäre ein Fehler auf das zu setzen, was ich schon kann oder wo es für mich schon bequem ist. Vieles aus Verwaltung und Liturgie kenne ich; als Jurist und Oxford-Absolvent habe ich schon diverse schwarze Talare im Kleiderschrank. Ich freue mich eher auf die Situationen, in denen ich nicht weiter weiß, oder den Mentor fragen muss, oder als Rückmeldung ein „ähm, das hätte besser laufen können“ bekomme und aus dieser Erfahrung heraus einen Schritt hin zu dem großen Generalisten mache, der jeder Pfarrer sein muss. Predigen, Seelsorge, Arbeit mit Jugendlichen – das wird für mich alles absolutes Neuland sein.

3. Wovor haben Sie am meisten Respekt?

Was sind die zähsten Verhandlungen in irgendeinem UN-Gremium gegen die beharrlichen existenziellen Fragen eines Achtjährigen? In Genf war ich im Palais des Nations häufig im dunklen Dreiteiler unterwegs; ich gehe davon aus, dass ich mich in der Grundschule ab September noch wärmer werde anziehen müssen.

Christopher Schuller wurde 1985 geboren und studierte Rechtswissenschaft an der Universität Oxford. Nach fünf Jahren in der Wissenschaft arbeitet er seit 2013 am Deutschen Institut für Menschenrechte als Senior Policy Adviser im Bereich Wirtschaft und Menschenrechte. Ab 2016 studierte er nebenberuflich evangelische Theologie in Marburg, das Studium schloss er mit dem Master-Abschluss im April 2019 ab. Ehrenamtliche kirchliche Tätigkeiten hatten es ergänzt: Schuller ist seit drei Jahren Mitglied im Gemeindekirchenrat der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde und im Kuratorium der Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Letzte Änderung am: 02.09.2019