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Bischof Stäblein: „Ich bin erschüttert und fassungslos über das Geschehen“

Landeskirche bedauert Beisetzung eines Holocaust-Leugners auf der ehemaligen Grabstätte des Musikwissenschaftlers Max Friedlaender auf dem evangelischen Südwestkirchhof in Stahnsdorf bei Berlin

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Am 8. Oktober 2021 um 15 Uhr wurde Henry Hafenmayer auf dem evangelischen Südwestfriedhof bestattet, und zwar auf der ehemaligen Grabstätte des Musikwissenschaftlers Max Friedlaender (1852-1934), der als Mitglied der evangelischen Kirche dort beerdigt worden war. Die Brisanz des Vorgangs, an der Stelle eines jüdisch-stämmigen Protestanten einen Rechtsexremen beizusetzen und den rechtsgerichteten Trauergästen eine Art Bühne zu bieten, wurde im Vorfeld nicht erkannt. Die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) teilte dazu mit:

„Es war eine Beisetzung ohne evangelische Begleitung. Die Entscheidung, die Anfrage nach einer Grabstätte nicht abzulehnen, wurde im Konsistorium der EKBO getroffen. Leitend ist dabei im Grundsatz, dass jeder Mensch ein Anrecht auf eine letzte Ruhestätte hat. Der erste Grabstättenwunsch ist von der Friedhofsleitung abgelehnt worden, trotzdem war auch die Auswahl der ehemaligen Grabstätte Max Friedlaender ein Fehler. Diesen Fehler prüfen wir zurzeit."

Der Bischof der EKBO, Christian Stäblein, äußerte sich so:

"Die Bestattung eines Holocaust-Leugners auf der Grabstätte von Max Friedlaender ist ein schrecklicher Fehler und ein erschütternde Vorgang angesichts unserer Geschichte", sagte Bischof Christian Stäblein. "Wir müssen umgehend schauen, ob und was wir rückgängig machen können.“

Christian Stäblein besuchte am 12. Oktober 2021 zudem die Grabstätte auf dem evangelischen Südwestfriedhof und sagte:

„Ich bin erschüttert und fassungslos über das Geschehen. Ich möchte alles daran setzen, diese Schändung des Grabes von Max Friedlaender aufzuarbeiten. Ich werde alle rechtlichen Schritte prüfen, die den Vorgang rückgängig machen könnten. In jedem Fall werde ich dafür Sorge tragen, dass wir ein ehrendes Gedenken für Max Friedlaender auf diesem Friedhof bewahren.“

Fragen und Antworten:

 

Am Freitag, dem 8. Oktober, wurde Henry Hafenmayer auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf beerdigt. Auf der Grabstelle, in der er bestattet wurde, lag bis 1980 Max Friedlaender, ein Musikwissenschaftler, dessen Religion auf der Beerdigungsanmeldung von 1934 mit evangelisch angegeben war.

Max Friedlaender, geboren 1852 in Brieg, verstarb 1934 an einem Gehirnschlag.

Seit 1980 ist die Grabstätte abgelaufen und seitdem gab es keine Nachfragen oder Interesse an dem historischen Grab. Die Friedhofsverwaltung stellt von sich aus keine Nachforschungen an. Das Grab stand somit zur Wiederbelegung frei.

Wenn eine Grabstätte abgelaufen ist, kann sie von der Friedhofsverwaltung abgeräumt und eingeebnet werden, Aschereste befinden sich dann nicht mehr in dem Grab. Die Grabstätte ist dann aufgelöst.

Ja, die Beerdigung fand auf der historischen Grabstätte statt.

Hafenmayer, ein Holocaustleugner, hatte sich eine zentrale Grabstelle gewünscht. Diesem Anliegen kam die Friedhofsverwaltung nicht nach, da in dem anvisierten Bereich viele Gräber jüdischer Verstorbener liegen. Mit der Auswahl einer abgelegenen dezentralen Grabstelle soll der Bildung einer Anlaufstelle für Rechtsextreme vorgebeugt werden. Die Freigabe für Henry Hafenmayer erfolgte auf Basis des Bestattungsregisters, das Max Friedlaender mit evangelischer Konfession führte.

In Deutschland besteht die Möglichkeit, den Friedhof frei zu wählen. Herr Hafenmayer wählte den Südwestfriedhof Stahnsdorf.

Die Anmeldung der Bestattung erfolgte für die ursprüngliche und später von der Friedhofsverwaltung wieder entzogene Grabstätte am 31.08.2021.

Die Grabstelle wurde durch den Bevollmächtigten Hafenmayers, Uwe Meenen, erworben. Eine Patenschaft über eine Grabstelle des Südwestfriedhofs liegt nicht vor.

In der Kapelle auf dem Friedhof fand eine nichtkirchliche Gedenkfeier statt. Herr Hafenmayer wurde im Anschluss an eine Gedenkfeier beerdigt.

Die Beisetzung fand ohne evangelische Begleitung statt. Zugegen war das Friedhofspersonal.

Der Grabstein wurde durch die Friedhofsverwaltung verhüllt. Das entspricht dem üblichen Vorgehen bei Bestattungen auf Grabstätten, auf denen sich ein historischer, noch nicht umgearbeiteter, also mit der alten Inschrift versehener, Grabstein befindet.

Der Südwestkirchhof steht als Gesamtanlage unter Denkmalschutz. Miterfasst sind auch die historischen Grabsteine, die deshalb grundsätzlich vor Ort verbleiben sollen, aber einer neuen Zweckbestimmung zugeführt werden dürfen.

Veränderungen fanden unmittelbar nach der Beerdigung statt. Das Friedhofspersonal entfernte politisch provokative Schleifen und Dekoration, eine Schärpe gehörte nicht dazu. Inzwischen sind alle Kränze beseitigt.

Vor Ort sicherten Polizisten in Uniform und in zivil, es waren Staatsschutz, LKA und BKA anwesend. Die Polizei wurde im Vorfeld von der Friedhofsverwaltung informiert.


Die Friedhofsverwaltung hat nach der Bestattungsanmeldung am 31.08.2021 Kenntnis erlangt und das Konsistorium der EKBO, also die kirchliche Verwaltung, informiert. Dieses entschied nach Beratung am 21. September 2021 trotz des Hintergrundes von Herrn Hafenmayer aus dem Grundsatz heraus, dass jeder Mensch ein Anrecht auf eine letzte Ruhestätte hat. Die Grabstellenvergabe selbst erfolgte hingegen unmittelbar durch die Friedhofsverwaltung.

Auf diesem Friedhof gibt es viele Kriegsgräber und in rechtsextremen Kreisen sind auch die Stellen bereits eigeebneter Gräber bekannt. Die Friedhofsverwaltung arbeitet eng mit der Polizei zusammen und so konnten in den vergangenen Jahren Aufmärsche unterbunden werden.

Der rechtliche Rahmen für eine Umbettung wird derzeit geprüft. (Geändert am 14. Oktober, 10:30 Uhr)

Der rechtliche Rahmen für eine Umbettung wird derzeit geprüft. Wir haben keine weiteren aktuellen Informationen. (Stand 18.10.2021, 10.00 Uhr)

An der konkreten Umsetzung eines Gedenkortes für Max Friedlaender wird derzeit gearbeitet.

Mit der Forschung sollen Experten auf dem Gebiet beauftragt werden.

Bitte beachten Sie, dass diese Website fortlaufend aktualisiert wird.

Letzte Änderung am: 18.10.2021