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In unserer Zukunft scheint die Sonne

26.01.2021

„In unserer Zukunft scheint die Sonne.“ Steht auf einem Stück Holz geschrieben. Dieses Stück Holz steht wiederum im Schaufenster eines Geschäftes. Ist also eins von diesen typischen Dekorationsdingen für zu Hause, nett anzusehen. Das Geschäft selbst macht dagegen einen etwas trostlosen Eindruck. Es ist ja seit Wochen geschlossen. Ich komme immer mal daran vorbei und sehe dann nur kurz aus den Augenwinkeln, dass „in unserer Zukunft die Sonne scheint“. Mir fallen dann weniger die kommenden, mehr die gewesenen Sonnenmomente ein. Die, die ich schon erlebt habe. Dazu gehören zum Beispiel die Sommeraugenblicke unter einem Dach aus Weinranken. Es war so was wie eine kleine Weinlaube vor dem alten einfachen Ferienhaus, das uns verzaubert hatte. Ganz in der Nähe des Mittelmeers. Wenn ich die Augen schließe, kommt all das wieder: die stille Mittagshitze des Tages und die frische Kühle im Schatten dieser raschelnden Weinblätter. Die Melonenstückchen auf dem Tisch. Eine salzige Brise vom Meer rüber geweht. Zu schön, um es nur einmal zu erleben. Kostbar jedes Mal die Erinnerung daran. Wie Sommersekunden im Januar – dieses Aufblitzen von Sonne und Weinblattrascheln. So eine Art Friedensmoment. Von Jahr zu Jahr tragen mich – und ich bin damit wirklich nicht allein – solche erinnerten Friedensmomente. Von Jahrhundert zu Jahrhundert tragen die Menschen solche Friedensmomente. Sie schreiben sie auf, erzählen sie weiter, halten sich Generation für Generation daran fest. Der Friedensmoment unter dem eigenen Weinstock wie unter einem Dach aus Weinlaub, nicht mit Melonenstückchen, aber mit süßen, reifen Feigen auf dem Tisch, davon wird seit biblischen Zeiten geträumt. Das klingt dann so: „Und alle werden unter ihrem Weinstock wohnen und unter ihrem Feigenbaum – und niemand wird sie aufschrecken.“ So geht der Traum des Propheten Micha vom Friedensmoment weit über den eigenen Gartenzaun hinaus. Mehr als ein privates Glück. Sicherheit für alle, Auskommen zur Genüge, in Frieden mit dem Nachbarn rechts und links. Der Traum hat die Kraft der Jahrhunderte, auch wenn er schon oft verlacht worden ist. Und Schlimmeres. - Gerade wird er wieder neu geträumt – gemeinsam. Es heißt ja auch nicht: In MEINER Zukunft, sondern in UNSERER Zukunft scheint die Sonne.

Letzte Änderung am: 19.10.2020