Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
InstagramRSSPrint

44. Kabinettausstellung - Miguel Rothschild: Camera Chiara

Am 6. Februar hat Bischof Markus Dröge die 44. Kabinettausstellung auf der Bischofsetage im Evangelischen Zentrum Berlin eröffnet – sein Grußwort zur Eröffnung können Sie hier nachlesen. Unter dem Titel "camera chiara" sind Arbeiten des argentinischen Künstlers Miguel Rothschild zu sehen, die durch kunstvolle Perforationen entstanden sind: Fotografien von Kirchenfenstern, Heiligenfiguren und Landschaften werden zu licht- und blickdurchlässigen Gebilden, deren Bildpunkte wie Konfetti in den Bilderrahmen fallen. Auf diese Weise werden die Bilder gleichsam zu Lochkameras und der Ausstellungsraum zur hellen Kammer: "camera chiara".

Die Arbeiten auf der Bischofsetage begleiten die große Passions-Ausstellung "De profundis" in der St. Matthäus-Kirche, in der Miguel Rothschild eine großformatige textile Rauminstallation zeigt: In der alten Tradition des Fastentuches verhüllt Miguel Rothschild den Altar der St. Matthäus-Kirche mit einem textilen Relief, das an die Wasseroberfläche des Meeres erinnert - das Meer als Metapher für den Ruf des Psalmbeters: "Aus der Tiefe, Herr, rufe ich zu dir!"

Miguel Rothschild, 1963 in Buenos Aires geboren, ist ein argentinischer Künstler, der heute in Berlin lebt und arbeitet. Er war Meisterschüler von Rebecca Horn. Seine Arbeiten werden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen weltweit gezeigt.

Eine Kooperation mit der Galerie kuckei-kuckei, Berlin

Öffnungszeiten der Ausstellung: Mo-Fr, 9 bis 17 Uhr
Ort: Evangelisches Zentrum 
Berlin, Georgenkirchstraße 69, 10249 Berlin, Haus 2, 4. Etage
Der Eintritt ist frei

Weitere Informationen: 
Pfarrer Hannes Langbein, Geschäftsstelle der Stiftung St. Matthäus; info@stiftung-stmatthaeus.de
www.stiftung-stmatthaeus.de

Infos zu den Kabinettausstellungen im Evangelischen Zentrum:
http://www.ekbo.de/wir/bischof/austellung.html

 

Grußwort


Eröffnung der 44. Kabinettausstellung auf der Bischofsetage
„camera chiara“ Fotografische Objekte von Miguel Rothschild

6. Februar 2018


Sehr geehrter Herr Rothschild,
sehr geehrter Herr Direktor Langbein,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitarbeitende hier im Haus, liebe Gäste!

I.
Im Rheinland, aus dem ich vor gut acht Jahren hierher nach Berlin gekommen bin, nähert sich im Moment die fünfte Jahreszeit ihrem Höhepunkt. Am Donnerstag ist Weiberfastnacht, vier Tage später dann Rosenmontag mit den großen Umzügen. Als ich das erste Jahr am Tag der Weiberfastnacht hierher ins Büro ging, hatte ich mir in alter Tradition vorsichtshalber eine alte Krawatte umgebunden, um die es nicht schade gewesen wäre, wenn jemand sie abgeschnitten hätte. Aber es passierte nichts. Was mir im Rheinland fast zuviel war – ich bin kein großer Karnevalist – fehlt mir hier in Berlin doch ein wenig. Dieser Ausnahmezustand, zumal aus dem Abstand betrachtet, hat doch was. Aber hier ist es halt anders. Hier wird die fünfte Jahreszeit nicht gefeiert. Und ich trage seitdem auch an Weiberfastnacht einen normalen Schlips.

II.
In der Ausstellung, die wir heute eröffnen, hat mich ein wichtiges Detail wieder an die Karnevalszeit im Rheinland erinnert. Das ist das Konfetti, was Sie in manchen Bildern innen drin auf dem Rahmen liegen sehen können. Kleines buntes ausgestanztes Papier, was in mehr oder weniger großen Haufen am unteren Bildrand liegt. Bei einem Bild ist nicht alles auf den Bildrand gefallen, sondern auch noch zwischen der Fotografie und dem Glas des Bilderrahmens hängen geblieben. Konfetti hat keine tiefergehende Bedeutung. Aber Konfetti ist ein typisches Karnevalsprodukt. Es gibt’s eigentlich auch nirgends anders als beim Karneval. Vielleicht noch bei Hochzeiten und Kindergeburtstagen. Beim Karneval wird es tonnenweise über die Leute geworfen. Wenn nicht im echten Regen wird man oft im Konfettiregen stehen, wenn man die Karnevalszüge verfolgt. Und wenn der Zug durchgefahren ist oder die Karnevalssitzung zu Ende ist, dann liegt das Konfetti da ebenfalls in kleinen oder größeren Haufen auf dem Boden verteilt. Und erzählt von dem Fest, ist Überbleibsel von Überschwang, Gelöstheit und Humor. Überbleibsel von einem Ausnahmezustand, den sich manche Regionen im Jahr einmal herausnehmen. Ein Ausnahmezustand, in dem ich mit den Identitäten spielen darf, das ganze Leben einmal humoristisch betrachte, damit manches Schwere leichter zu ertragen ist.


III.
Wie wird das Schwere leicht? War der erste Gedanke, den ich hatte, als ich die her-ausfordernden Fotografien von Miguel Rothschild betrachtet habe. Vielleicht dadurch, dass ich es durchlöchere, transparent mache, durchsichtig. Oder zum Spiel erkläre, wie die fotografierten Gitter aus mittelalterlichen Beichtstühlen, deren Löcher mit kleinen Kugeln zu füllen sind. Wo so viele Menschen all das Schwere, das sie belastete, gebeichtet haben und diese Beichten durch die Löcher ins priesterliche Ohr gewandert sind, da ist jetzt Platz für ein Spiel.
Aber auch die wunderbaren Fenster der gotischen Kathedralen sind durchlöchert und damit ein Stück ihrer Mystik beraubt. Das Licht, das nun hindurchdringen kann, wird nicht mehr so stark durch das bunte Glas gefiltert, die Farben werden nicht mehr so stark gebrochen, die Wirkung des Lichtes verändert sich. Und das Auge nimmt fast schon sezierend wahr, was sich verändert hat. 
Offenbarung nennt sich dieser Bilderzyklus. Alles Mystische wird aufgehoben, dahinter die Transzendenz: 
„Einer Durchlöcherung unterzogen, sind Gewissheiten nicht länger unumstöß-lich und erscheinen in einem andern Licht.“ … heißt es im begleitenden Buch zur Ausstellung.
Die Bilder haben auch einen wunderbar feinsinnigen Humor. Der heilige Sebastian auf einem Pflaster. Die Löcher im Pflaster genau an den Stellen, an denen er tödlich verletzt wurde. Und auf wundersame Weise ist dort ein Loch und das ganze dient der Heilung einer Wunde.


IV.
Vielen Dank, lieber Herr Langbein, dass Sie uns diese Ausstellung hier ins Haus gebracht haben. Camera chiara haben Sie sie genannt. Im Gegenüber zur Camera obscura. Keine Dunkelkammer, eine helle Kammer! Wieder wird das Spielerische dieser Ausstellung sichtbar. Ich freue mich auf die Erläuterungen, die Sie uns geben werden, um uns einzustimmen auf diese Bilder. Und ich wünsche uns allen, die wir sie betrachten etwas von der Leichtigkeit, die diese Ausstellung uns vermittelt.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Letzte Änderung am: 27.03.2018