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Kabinettausstellung im Ev. Zentrum. Foto: Leo Seidel

Kabinettausstellung im Ev. Zentrum. Foto: Leo Seidel

RSSPrint

44. Kabinettausstellung - Miguel Rothschild: Camera Chiara

Grußwort


Eröffnung der 44. Kabinettausstellung auf der Bischofsetage
„camera chiara“ Fotografische Objekte von Miguel Rothschild

6. Februar 2018


Sehr geehrter Herr Rothschild,
sehr geehrter Herr Direktor Langbein,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitarbeitende hier im Haus, liebe Gäste!

I.
Im Rheinland, aus dem ich vor gut acht Jahren hierher nach Berlin gekommen bin, nähert sich im Moment die fünfte Jahreszeit ihrem Höhepunkt. Am Donnerstag ist Weiberfastnacht, vier Tage später dann Rosenmontag mit den großen Umzügen. Als ich das erste Jahr am Tag der Weiberfastnacht hierher ins Büro ging, hatte ich mir in alter Tradition vorsichtshalber eine alte Krawatte umgebunden, um die es nicht schade gewesen wäre, wenn jemand sie abgeschnitten hätte. Aber es passierte nichts. Was mir im Rheinland fast zuviel war – ich bin kein großer Karnevalist – fehlt mir hier in Berlin doch ein wenig. Dieser Ausnahmezustand, zumal aus dem Abstand betrachtet, hat doch was. Aber hier ist es halt anders. Hier wird die fünfte Jahreszeit nicht gefeiert. Und ich trage seitdem auch an Weiberfastnacht einen normalen Schlips.

II.
In der Ausstellung, die wir heute eröffnen, hat mich ein wichtiges Detail wieder an die Karnevalszeit im Rheinland erinnert. Das ist das Konfetti, was Sie in manchen Bildern innen drin auf dem Rahmen liegen sehen können. Kleines buntes ausgestanztes Papier, was in mehr oder weniger großen Haufen am unteren Bildrand liegt. Bei einem Bild ist nicht alles auf den Bildrand gefallen, sondern auch noch zwischen der Fotografie und dem Glas des Bilderrahmens hängen geblieben. Konfetti hat keine tiefergehende Bedeutung. Aber Konfetti ist ein typisches Karnevalsprodukt. Es gibt’s eigentlich auch nirgends anders als beim Karneval. Vielleicht noch bei Hochzeiten und Kindergeburtstagen. Beim Karneval wird es tonnenweise über die Leute geworfen. Wenn nicht im echten Regen wird man oft im Konfettiregen stehen, wenn man die Karnevalszüge verfolgt. Und wenn der Zug durchgefahren ist oder die Karnevalssitzung zu Ende ist, dann liegt das Konfetti da ebenfalls in kleinen oder größeren Haufen auf dem Boden verteilt. Und erzählt von dem Fest, ist Überbleibsel von Überschwang, Gelöstheit und Humor. Überbleibsel von einem Ausnahmezustand, den sich manche Regionen im Jahr einmal herausnehmen. Ein Ausnahmezustand, in dem ich mit den Identitäten spielen darf, das ganze Leben einmal humoristisch betrachte, damit manches Schwere leichter zu ertragen ist.


III.
Wie wird das Schwere leicht? War der erste Gedanke, den ich hatte, als ich die her-ausfordernden Fotografien von Miguel Rothschild betrachtet habe. Vielleicht dadurch, dass ich es durchlöchere, transparent mache, durchsichtig. Oder zum Spiel erkläre, wie die fotografierten Gitter aus mittelalterlichen Beichtstühlen, deren Löcher mit kleinen Kugeln zu füllen sind. Wo so viele Menschen all das Schwere, das sie belastete, gebeichtet haben und diese Beichten durch die Löcher ins priesterliche Ohr gewandert sind, da ist jetzt Platz für ein Spiel.
Aber auch die wunderbaren Fenster der gotischen Kathedralen sind durchlöchert und damit ein Stück ihrer Mystik beraubt. Das Licht, das nun hindurchdringen kann, wird nicht mehr so stark durch das bunte Glas gefiltert, die Farben werden nicht mehr so stark gebrochen, die Wirkung des Lichtes verändert sich. Und das Auge nimmt fast schon sezierend wahr, was sich verändert hat. 
Offenbarung nennt sich dieser Bilderzyklus. Alles Mystische wird aufgehoben, dahinter die Transzendenz: 
„Einer Durchlöcherung unterzogen, sind Gewissheiten nicht länger unumstöß-lich und erscheinen in einem andern Licht.“ … heißt es im begleitenden Buch zur Ausstellung.
Die Bilder haben auch einen wunderbar feinsinnigen Humor. Der heilige Sebastian auf einem Pflaster. Die Löcher im Pflaster genau an den Stellen, an denen er tödlich verletzt wurde. Und auf wundersame Weise ist dort ein Loch und das ganze dient der Heilung einer Wunde.


IV.
Vielen Dank, lieber Herr Langbein, dass Sie uns diese Ausstellung hier ins Haus gebracht haben. Camera chiara haben Sie sie genannt. Im Gegenüber zur Camera obscura. Keine Dunkelkammer, eine helle Kammer! Wieder wird das Spielerische dieser Ausstellung sichtbar. Ich freue mich auf die Erläuterungen, die Sie uns geben werden, um uns einzustimmen auf diese Bilder. Und ich wünsche uns allen, die wir sie betrachten etwas von der Leichtigkeit, die diese Ausstellung uns vermittelt.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

43. Kabinettausstellung im Ev. Zentrum

Bischof Markus Dröge hat die 43. Kabinettausstellung "Expeditionen. Künstlerische Erkundungen im Reformationsland Brandenburg" im Evangelischen Zentrum eröffnet. Sie läuft bis zum 2. Februar 2018.

Drei Orte, vier Künstler, drei Expeditionen: Von Mai bis September 2017 wohnten und arbeiteten vier Künstler – Markus Born und Markus Zimmermann, Julia Krahn und Ingo Mittelstaedt – auf Einladung der Stiftung St. Matthäus als „Artists in Residence“ in Prenzlau, Bad Wilsnack und Brandenburg an der Havel, um Spuren der Reformation in der Gegenwart zu erkunden: Welche Rolle spielen reformationsgeschichtliche Entwicklungen im Bewusstsein der Menschen heute? Welche Bedeutung haben sie für ihren Alltag und ihre Lebensorientierung? Und wie lassen sich vergessene Bezugspunkte der Reformation wieder ins Bewusstsein bringen?

Zum Abschluss des Projektes, das im Rahmen des Kulturland Brandenburg-Themenjahres „Wort und Wirkung. Luther und die Reformation in Brandenburg“ stattfand, dokumentiert die Stiftung St. Matthäus die Ergebnisse der künstlerischen Forschungen in einer Fotoausstellung mit Fotografien von Leo Seidel und Wolfgang Reiher.

Mit den regelmäßigen Einladungen von Künstlerinnen und Künstlern zu den Kabinettausstellungen im Evangelischen Zentrum bekräftigt Bischof Markus Dröge sein Interesse am Dialog mit der zeitgenössischen Kunst.

 


Infos:

43. Kabinettausstellung im Evangelischen Zentrum
25. Oktober 2017 bis 2. Februar 2018

Evangelisches Zentrum Berlin, Georgenkirchstraße 69, 10249 Berlin-Friedrichshain, Haus 2, 4. Etage; geöffnet Mo-Fr 9-17 Uhr

Letzte Änderung am: 08.02.2018