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Altbischof Kähler sieht großen Forschungsbedarf zur Kirchengeschichte

09.11.2020

 Erfurt (epd). Thüringens Altbischof Christoph Kähler hat sich für die bessere Erforschung der Geschichte der evangelischen Landeskirchen ausgesprochen. So gebe es wohl Überblicke und Detailstudien zur sogenannten Entnazifizierung, aber kaum systematische Darstellungen der Verfahren und ihrer Ergebnisse, sagte der Theologe dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Erfurt. Erst eine aus den Quellen gearbeitete Gesamtschau oder mehrere gleichartige Untersuchungen böten die Grundlage für den kritischen Vergleich der sehr verschiedenen deutschen Landeskirchen, sagte er anlässlich der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der evangelischen Kirche in Thüringen an diesem Sonntag.

 Nachholbedarf sieht Kähler vor allem für die braune Diktatur in Deutschland. Aber auch für die DDR-Zeit sieht der Theologe, der 2001 bis 2008 als letzter Landesbischof die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen anführte, weiterhin Forschungsbedarf. Als Beispiel nannte er das Agieren der Thüringer Kirchenleitungen. "Diese haben zeitweise die Nähe zu den diktatorisch Regierenden ohne die notwendige Abstimmung mit den anderen sieben Kirchenleitungen gesucht", sagt er. Das habe aber in Gemeinden und in der Landessynode eine heftige Opposition hervorgerufen, die als Bewegung in der Tradition der Bekennenden Kirche stehe und bis heute als Lutherische Bekenntnisgemeinschaft kirchliches Leben im Land präge.

 100 Jahre nach Gründung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Thüringen warnte er vor Pauschalurteilen. Der Titel einer aktuellen Tagung der Evangelischen Akademie "Erst braun, dann rot?" fasse ein allgemeines Vorurteil prägnant zusammen, das aber der höchst verwickelten Geschichte nicht gerecht werde. "Dass die Kirchenleitung braun war, bedeutet ja nicht, dass alle Gemeindeglieder und die ganze Pfarrerschaft fanatische Nationalsozialisten waren", erklärte er. Es habe hier - wie in anderen Landeskirchen - Täter, Opfer und Gegner der Nazis gegeben.

 Zu den Merkpunkten der Kirchengeschichte in der DDR gehört aus Kähler Sicht, dass die Alleingänge der Thüringer ohne Absprache mit den anderen Landeskirchen nach der Wahl von Werner Leich 1978 zum Landesbischof beendet wurden. Leich sei es auch gewesen, der die missverständliche Formel von der "Kirche im Sozialismus" 1988 aufkündigte.

 Am 15. November 1920 hatten leitende Geistliche der Herzogs- und Fürstentümer eine Organisation des Kirchenwesens in Thüringen unter Ausschluss der preußischen Gebiete - zum Beispiel Erfurt - beschlossen. 1948 erhielt die Landeskirche eine neue Verfassung und nannte sich "Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen". 2009 fusionierte sie mit der Kirchenprovinz Sachsen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

epd-Gespräch: Dirk Löhr