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Religionspädagogik

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Eine ganz besondere Chance – Religion unterrichten in Berlin und Brandenburg

Bis zum Jahr 2025 werden 40 Prozent der Religionslehrkräfte in Berlin in den Ruhestand gehen. Diese Zahlen liegen dem Oberkirchenrat Friedhelm Kraft, Leiter der Bildungsabteilung im Konsistorium der EKBO, vor. Lehrkräfte für den Religionsunterricht sind gefragt. Die Evangelische Hochschule Berlin in Zehlendorf bietet den Studiengang Religionspädagogik an, der unter anderem auf den Lehrberuf vorbereitet. Annegret Böhmer unterrichtet dort Psychologie. Tanja Pilger-Janßen, Pfarrerin im Medienhaus der Landeskirche, hat mit Friedhelm Kraft und Annegret Böhmer gesprochen.

Tanja Pilger-Janßen: Religionslehrkräfte werden in Berlin gesucht. Wieso meinen Sie, dass die Nachfrage für den Religionsunterricht bleiben wird?

Friedhelm Kraft: Wir haben schon jetzt eine größere Nachfrage nach Religionsunterricht, als wir zurzeit mit unseren Religionslehrkräften und den zur Verfügung stehenden Ressourcen bedienen können. In Brandenburg findet nur an jeder zweiten Schule Religionsunterricht statt. Daran wird sich auch in Zukunft wenig ändern. Gleichzeitig kommt keiner an Religion vorbei. Religionsunterricht wird auch in Berlin weiterhin nachgefragt werden. Die Schulen wissen sehr gut, dass ihnen ohne Religion etwas Entscheidendes fehlen würde.

Tanja Pilger-Janßen: An der Evangelischen Hochschule kann man Religionspädagogik studieren. Wie sieht der Studiengang aus?

Annegret Böhmer: Der Studiengang bietet eine Mischung aus geisteswissenschaftlichen Fächern, also Theologie, Kirchengeschichte, Systematische Theologie, und sozialwissenschaftlichen Fächern, Psychologie, Soziologie, Pädagogik. Diese Mischung ist interdisziplinär interessant. Wir haben darüber hinaus praktische Fächer wie Seelsorge und Beratung, Theaterpädagogik, Sexualpädagogik. Der Studiengang hat die Besonderheit, dass er für zwei Berufsfelder ausbildet: für den evangelischen Religionsunterricht an der Schule und für gemeindepädagogische Arbeitsfelder, die auch sehr vielseitig sind. Die Absolventen können hinterher in beiden Feldern arbeiten. Das eröffnet die Freiheit zu sagen: Ich möchte jetzt in der Schule arbeiten, aber sollten mir später andere Zielgruppen interessanter erscheinen, zum Beispiel Erwachsene, dann kann ich mich auch um solche Stellen bewerben.

Tanja Pilger-Janßen: Welchen Abschluss legt man an der EHB ab?

Annegret Böhmer: Der erste Abschluss ist der Bachelor, mit dem ist man berechtigt, sich um Gemeindepädagogik-Stellen in der Gemeinde zu bewerben. Nach dem Master kann man den Religionsunterricht in der Schule als Arbeitsfeld wählen oder man kann sogar weitergehen ins Vikariat und die zweite gemeindepädagogische Prüfung ablegen. Da sind wir bundesweit einzigartig: Dieser Weg über die Gemeindepädagogik führt sogar ins Pfarramt.

Tanja Pilger-Janßen: Ist es möglich, im Studiengang an der EHB ein zweites Fach zu studieren?

Annegret Böhmer: Das muss man ganz klar sagen: Das ist nicht möglich. Wir sind kein klassischer Lehramtsstudiengang. Wer den Weg gehen will, der geht von vornherein an die Freie Universität oder studiert Lehramt an einer anderen Universität. Unsere Besonderheit ist, dass wir als Fachhochschule, also Hochschule, wie es heute heißt, überhaupt Lehrerbildung ermöglichen und dass bei uns auch Kandidatinnen und Kandidaten mit Fachoberschule aufgenommen werden, die sonst an einer Universität in den Lehrerberuf gar nicht gehen könnten. Von daher haben wir im Prinzip auch eine andere Zielgruppe. Die Interessentinnen und Interessenten für unseren Studiengang bringen in der Regel die Motivation mit, weil sie kirchlich sozialisiert sind und sich wünschen, ihre tiefsten Interessen auch zum Beruf machen zu können.

Tanja Pilger-Janßen: Für viele ist es aber doch wichtig, mehr als ein Fach zu unterrichten, weil Anstellungschancen dann besser sein können. Wie bewerten Sie diese Einschätzung?

Friedhelm Kraft: Für die Anstellungschancen als Religionslehrkraft in der EKBO ist die Frage der Lehrbefähigung für mehrere Unterrichtsfächer nachrangig. Wir freuen uns, wenn die so genannten Einfachlehrkräfte zu uns kommen. Aber wir bieten eine berufsbegleitende Ausbildung an, die von den Ländern Berlin und Brandenburg im Rahmen der Lehrerbildung anerkannt wird. Jede Religionslehrkraft, die wir anstellen, hat somit die theoretische Chance, noch ein Fach nach zu studieren und damit ihre Berufspalette zu verbreitern. Aus der Evangelischen Hochschule kommen Lehrkräfte mit einem Fach.

Tanja Pilger-Janßen: Wie gut sind denn die Anstellungsmöglichkeiten als Religionslehrer bzw. Religionslehrerin?

Friedhelm Kraft: Die Anstellungsmöglichkeiten sind sehr gut. Wir suchen Lehrkräfte für das Fach Religion und benötigen jährlich Personal in zweistelliger Größenordnung. Die Anstellungsbedingungen könnten nicht besser sein, wie sie im Augenblick sind. Wir suchen händeringend Religionslehrkräfte.

Tanja Pilger-Janßen: Welchen Einfluss haben die Kandidaten auf den Arbeitsort? Kann man sich eine Schule aussuchen?

Friedhelm Kraft: Im Augenblick, wo der Bedarf größer ist als Menschen zur Verfügung stehen, wachsen natürlich die Handlungsspielräume für Bewerberinnen und Bewerber. Sie können sich aussuchen, ob eine Anstellung in einer Schule in Berlin oder Brandenburg gewünscht wird. Sie können Präferenzen angeben im Blick auf die Region und selbstverständlich auch im Blick auf die Schulform.

Tanja Pilger-Janßen: Wie familienfreundlich ist denn der Beruf des Lehrers oder der Lehrerin?

Friedhelm Kraft: Aus meiner Sicht bietet die Schule einen klar strukturierten Rahmen. Eine volle Stelle beinhaltet eine Unterrichtsverpflichtung in Höhe von 25 Stunden. Es gibt eine hohe Flexibilität im Blick auf den Stundenumfang, sodass Stunden reduziert und wieder aufgestockt werden können. Da sind wir als Arbeitgeber in einem hohen Maße arbeitnehmer- und familienfreundlich.

Annegret Böhmer: Im 5. Semester machen unsere Studierenden Praktikum in der Gemeinde und in der Schule und danach sind sie voll informiert, wie viel familienfreundlicher die Arbeit in der Schule ist, weil ja natürlich die gemeindepädagogische Arbeit in der Gemeinde sieben Tage die Woche stattfinden kann – und das ist in der Schule klarer geregelt.

Tanja Pilger-Janßen: Ist es möglich, dass Lehrerinnen und Lehrer an mehreren Schulen unterrichten?

Friedhelm Kraft: Ja, das ist möglich und es ist in vielen Fällen auch notwendig. In Brandenburg unterrichten über die Hälfte der 170 Religionslehrkräfte an zwei Schulen, in Berlin sind es weniger als die Hälfte der rund 480 Religionslehrkräfte. Wer an zwei Schulen Unterricht gibt, bekommt eine Ermäßigungsstunde. Mit dieser Ermäßigungsstunde wird die Mehrbelastung – etwa durch Fahrtwege –abgegolten.

Tanja Pilger-Janßen: Wie sehen denn die Unterschiede in den Arbeitsbedingungen in Berlin und in Brandenburg aus?

Friedhelm Kraft: Auch wenn der Religionsunterricht im Schulgesetz der beiden Länder unterschiedlich verankert ist, ist er in der Grundschule in Berlin und Brandenburg wenig unterschiedlich. Allerdings konkurriert der Religionsunterricht in der Berliner Grundschule mit dem vom Humanistischen Verband verantworteten Lebenskundeunterricht. Die Unterschiede sind grundsätzlicher im Blick auf die Sekundarstufe 1. In Brandenburg haben wir mit den Fächern Religion und Lebenskunde – Ethik – Religion (LER) praktisch einen Wahlpflichtbereich. Die Schülerinnen und Schüler können sich entscheiden, ob sie am LER-Unterricht oder am Religionsunterricht teilnehmen. Beide Fächer werden benotet. Für die Schulkarriere zählt aber nur das Fach LER. Ein Wahlpflichtbereich erleichtert die Bildung von Lerngruppen, davon profitiert auch der Religionsunterricht. In Berlin haben wir das Fach Ethik als Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler. Es gibt zwar eine Soll-Pflicht zur Kooperation mit dem Religionsunterricht und an vielen Schulen findet eine Kooperation zwischen Ethik und Religion in unterschiedlicher Weise statt. Aber Kooperationen auf Augenhöhe sind aufgrund der schulrechtlich unterschiedlich verfassten Fächer Ethik und Religion immer wieder eine Herausforderung.

Tanja Pilger-Janßen: Wozu braucht man starke Persönlichkeiten als Religionslehrer und Religionslehrerinnen?

Friedhelm Kraft: Religion ist ja ein Fach, für das man sich anmelden muss. Das entscheiden entweder die Eltern für ihre Kinder oder die Schülerinnen und Schüler. Der Religionsunterricht bietet einen besonderen Lernraum, dadurch dass die Lehrkräfte es mit Schülerinnen und Schülern zu tun haben, die sagen: Ja, ich möchte mich mit Religion und den Themen des Religionsunterrichts auseinandersetzen und ich nutze dieses besondere Lernangebot. Die Liebe zu den jungen Menschen ist – so denke ich – die wichtigste Grundvoraussetzung für den Lehrerberuf. Gleichzeitig ist der Religionsunterricht ein Ort, wo Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen über Grundfragen des Lebens ins Gespräch kommen – das ist herausfordernd, aber auch sehr bereichernd.

Tanja Pilger-Janßen: Die Situation im Religionsunterricht in Berlin kann schwierig sein, weil es kein ordentliches Lehrfach ist und den Lehrerinnen und Lehrern die Hände gebunden sind zum Agieren im Unterricht. Wie werden Studierende auf solche Situationen im Studium vorbereitet?

Annegret Böhmer: Das Studium ist vom ersten Semester an offen und offensiv bezüglich der Tatsache, wie Kirche heute in der Gesellschaft dasteht. Die strukturelle Situation des Religionsunterrichts verschärft ja eigentlich nur die Kontroversen, die ohnehin bestehen bezüglich der kirchlichen Angebote, weil man in der Schule mit den Statusunterschieden konfrontiert ist und manche kirchenkritischen Lehrerkollegen vielleicht manchmal etwas uncharmant auf Religionslehrkräfte zugehen. Deshalb ist die psychologische und kommunikative Ausbildung sehr intensiv: Wie kann ich meinen Standpunkt in einem Gespräch selbstsicher behaupten, wie kann ich überhaupt die Tatsache kirchenkritischer Positionen auch theoretisch durchdenken? Was ist heute los in der Gesellschaft, warum haben so viele Menschen so große Fragezeichen bezüglich unseres Angebots? Das ist ja eine Realität, die in der Gemeinde etwas verdeckter ist, weil die Leute die Gemeinde meiden, wenn sie kirchenkritische Anfragen haben. In der Schule besteht die Chance, dass man tatsächlich vielen Leuten begegnet, die sonst einfach einen Bogen um kirchliche Angebote machen. Die Ausbildung bereitet zudem die Studierenden zum Beispiel genau auf Gesprächstrainings für Elternabende vor. 

Tanja Pilger-Janßen: In manchen Berliner Bezirken findet der Religionsunterricht mit Schülerinnen und Schülern verschiedener Konfessionen und Religionen statt. Wie werden die Studierende auf diese interkonfessionelle und interreligiöse Situation vorbereitet?

Annegret Böhmer: Wir haben Module, die rein religionswissenschaftlich sind, Islam, Judentum, indische Religionen als wissenschaftliches Fach, und wir haben viele Module, bei denen es um Interreligiosität und interreligiöse Begegnungen geht. Wir haben diese verschiedenen anderen Religionen im Blick, aber auch die verschiedenen Arten atheistisch zu sein. Darauf werden unsere Studierenden sehr gut vorbereitet.

Tanja Pilger-Janßen: Wie würden Sie mich überzeugen, Religionslehrerin zu werden?

Annegret Böhmer: Sie sind Pfarrerin und wissen, wie herausfordernd die Arbeit in einer Gemeinde sein kann, wie viel man sich mit organisatorischen, wirtschaftlichen und manchmal auch menschlichen Dingen auseinandersetzen muss, bevor man überhaupt fachlich arbeiten kann. Wenn Sie sich auf Schulunterricht vorbereiten, dann haben Sie viel Zeit in Ihrer bezahlten Arbeitszeit mit Ihrem Lieblingsthema, nämlich Theologie, zu tun. Sie haben wirklich Muße, an Ihrem Schreibtisch zu sitzen und darüber nachzudenken, wie Sie den Inhalt eines Textes bis hin zu methodischen Feinheiten umsetzen. Ich bekomme immer wieder mit, dass das die Freude des Lehrerberufes ist, wirklich fachlich in Ruhe zu arbeiten und dann zu gucken, was dabei rauskommt. In vielen anderen kirchlichen Bereichen ist man mit so viel beschäftigt, nur nicht mehr mit seiner theologischen Arbeit. Cool, nicht wahr?

Tanja Pilger-Janßen: Ja, cool.

Friedhelm Kraft: Wenn es wirklich Ihr Bedürfnis ist, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, dann ist die Schule genau richtig. In der Gemeinde müssen Sie darauf warten, dass die kommen. In der Schule treffen Sie sie automatisch. Da können Sie sie erreichen. Das ist die besondere Chance, die wir als Kirche haben und die wir unbedingt nutzen müssen. Wir gehen dahin, wo die jungen Menschen sind. Das ist nun einmal die Schule, die einen weiten Raum im Leben von Kindern und Jugendlichen einnimmt. Das ist nicht nur herausfordernd, das kann auch beglückend sein.

Letzte Änderung am: 13.09.2017