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Bischof Dröge zur Woche der Brüderlichkeit

10.03.2019

Unter dem Motto „Mensch, wo bist Du? – Gemeinsam gegen Judenfeindschaft“ hat die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin am 10. März 2019 die diesjährige Woche der Brüderlichkeit eröffnet. Lesen Sie hier das Grußwort von Bischof Markus Dröge.

Unter dem Motto „Mensch, wo bist Du? – Gemeinsam gegen Judenfeindschaft“ hat die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin am Sonntag, 10. März 2019 die diesjährige Woche der Brüderlichkeit eröffnet.

Bischof Markus Dröge hat das Grußwort gehalten:

Sehr geehrter Herr Vorsitzender Schürmann, verehrte Ehrengäste, meine sehr geehrten Damen und Herren!

I.

Wir sind viele. Wir sind viele, die dankbar darauf schauen, dass sich und wie sich jüdisches Leben nach der Shoa in Deutschland entwickelt hat. Wir freuen uns an jungen Menschen, die ganz selbstverständlich ihren jüdischen Glauben leben und davon auch öffentlich sprechen. Wir freuen uns an der Schönheit jüdischer Gottesdienste und an der Musik der Kantorinnen und Kantoren. Wir wissen auch: Die Art unseres Zusammenlebens mit unsren Mitbürgerinnen und Mitbürgern jüdischen Glaubens ist der Lackmustest unserer Demokratie hier in Deutschland.

Die Woche der Brüderlichkeit, immerhin schon die 67. (!), gestalten wir gemeinsam. Wir zeigen öffentlich, wofür wir stehen: Für Gespräch und gegenseitige Wahrnehmung. Für Interesse aneinander. Und für gemeinsame Aktion. Wir besuchen uns gegenseitig, kennen unsere Überzeugungen und Rituale.

II.

Aber es gibt auch die andere Seite: Wir sind gemeinsam entsetzt darüber, wie in unserer Gesellschaft Judenfeindschaft neu aufflammt, wie sie sich zeigt in Hetze und Hass, in Mobbing und Übergriffen. Judenfeindschaft drückt sich heute auf perfide Weise aus.Besonders bewegt mich, dass jüdische Schülerinnen und Schüler in einer Weise gemobbt werden, dass manche unsere öffentlichen Schulen verlassen und in den Schutz einer jüdischen Schule fliehen. So sehr ich mich freue, dass es jüdische Schulen in Berlin gibt, wie ich mich auch über evangelische und katholische Schulen freue, so wenig darf es sein, das jüdische Schülerinnen und Schüler in diese Schulen wechseln, weil sie in anderen Schulen gemobbt werden! Das werden wir auch nicht dulden. Hier suchen wir das Gespräch mit der Schulbehörde, hier überlegen wir gemeinsam mit denen, die für unseren evangelischen Religionsunterricht verantwortlich sind, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, damit alle Schülerinnen und Schüler lernen, dass der jüdische Glaube zu unserer Kultur gehört und dass Menschen jüdischen Glaubens selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft sind.

III.

Gemeinsam sind wir beunruhigt über die politischen Entwicklungen in unserm Land. Aber Beunruhigung reicht nicht. Nachdem wir in meiner Generation gelernt haben, „Wehret den Anfängen!“ und „Nie wieder!“ als Bekenntnis zu sprechen, ist jetzt die Zeit gekommen, entschieden dieses Bekenntnis auch zu leben und entsprechend zu handeln. Die neuen Anfänge des Antisemitismus haben wir bereits zugelassen und haben ihnen nicht ausreichend Widerstand entgegengesetzt. Jetzt gilt es, klare Handlungsstrategien zu entwickeln und vor allem: die Brandstifter beim Namen zu nennen, nämlich die Demagogen der Rechtspopulisten, die Menschenfeindlichkeit predigen und eine Kehrtwende in der Erinnerungskultur fordern. Wir brauchen klare Worte um die Lügengebäude der Rechtspopulisten zu entlarven und klare Handlungsstrategien. Denn es darf nicht sein, dass nach der Phase, in der wir unsere Betroffenheit über den neu aufflammenden Antisemitismus zum Ausdruck gebracht haben, dann eine Phase der Gewöhnung und des Achselzuckens eintritt. „Mensch wo bist Du?“, hören wir. Und unsere Antwort darf nicht sein, dass wir uns verdrücken und sagen: „Was können wir schon tun?“     

Es ist gut, dass wir in letzter Zeit schon verstärkt gemeinsam aufgestanden sind, um zu zeigen, dass Judenfeindschaft in Deutschland keinen Platz haben darf. Gemeinsam haben wir die Kippa getragen, öffentlich, nachdem ein Kippa tragender junger Mann dafür angegriffen wurde. Gemeinsam sind wir zum 80. Jahrestag der Reichsprogromnacht auf die Straße gegangen, um der Opfer der Shoa zu gedenken und der Gesellschaft klar zu machen, dass wir jeder Form von Judenfeindschaft offen entgegen treten. Innerhalb kürzester Zeit haben sich 250.000 Menschen über die Plattform #unteilbar aufrufen lassen, um gegen Rechtsextremis und Antisemitismus zu demonstrieren. Ich bin dankbar für die Bündnisse, an denen unsere Kirche hier in Berlin, aber auch in Brandenburg und in der schlesischen Oberlausitz beteiligt ist bzw. die sie selber initiiert und leitet, die die gesellschaftliche Entwicklung wach verfolgen und Maßnahmen entwickeln, um Rechtsextremismus und Antisemitismus entgegen zu wirken.

IV.

Wir haben eine umfassende Erinnerungskultur aufgebaut und bieten viele Formate an, in denen junge Menschen lernen können, sich mit der Geschichte der Judenverfolgung in unserm Land auseinander zu setzen und dadurch für die Gegenwart zu lernen. Alle Verantwortungsträger unseres Landes und die Zivilgesellschaft müssen an einem Strang ziehen, wenn es darum geht, die Menschenwürde und die Menschenrechte zu verteidigen, und den Rechtspopulismus zurückzudrängen. Denn der Rechtspopulismus ist nichts anderes als ein zivilisatorischer Rückschritt, der das historische Erfahrungswissen unserer Gesellschaft mit Füßen tritt.

Mir ist es wichtig, dass wir dabei aber nicht im Rückblick auf die Vergangenheit verharren. Die Gegenwart jüdischen Lebens muss im Kampf gegen Antisemitismus noch ein viel stärkeres Gewicht bekommen. Ich finde es zum Beispiel großartig, dass junge Menschen sich in einem Projekt des Zentralrates der Juden dafür ausbilden lassen, in Schulklassen zu gehen und von ihrem Alltag als Menschen jüdischen Glaubens zu erzählen. Ich habe solche jungen Leute am Rande der Gedenkveranstaltung am 9. November 2018 in der Synagoge Rykestraße kennengelernt. Bildungsarbeit muss neben der Vergangenheit auch die gerade in Berlin sehr lebendige und vielfältige jüdische Kultur der Gegenwart vermitteln. Wenn junge Menschen etwas über das Judentum lernen, dann muss ihnen nicht nur der Schauer über den Rücken laufen, wenn sie von der unendlichen Grausamkeit des Holocaust hören, es muss ihnen auch die Freude und das Interesse und die Neugier im Gesicht stehen, wenn sie erleben, was für interessante, kreative, mutige und liebenswürdige Menschen unter uns leben, die unsere Kultur mit ihrem aktuell gelebten Judentum bereichern!

Wir tragen die Verantwortung dafür, die Erinnerung wach zu halten und der Shoa und der ermordeten Juden zu gedenken. Und wir tragen auch die Verantwortung dafür, die aus dieser Vergangenheit gezogenen Lehren an die nächste Generation weiter zu geben.

V.

Die Woche der Brüderlichkeit hat ein umfangreiches Programm zusammengestellt, um die Gegenwart und die Vergangenheit jüdischen Lebens hier in Berlin zu erkunden. Ich wünsche den Veranstaltungen viele Besucherinnen und Besucher und uns gemeinsam neue Perspektiven in der gemeinsamen Verantwortung, Antisemitismus in  Deutschland zu bekämpfen.

Die Frage unseres Gottes: „Mensch, wo bist du?“, möchte ich beantworten mit: „Hier! Wir sind hier! Wir sind wach! Wir sind da! Und wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.“

Ich danke Ihnen!

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Für das Land Brandenburg wird die Woche der Brüderlichkeit am Montag, 11. März, um 18 Uhr im Potsdam Museum (Am Alten Markt 9, Potsdam) eröffnet.  

Veranstaltungen von zahlreichen Mitveranstaltern zur Woche der Brüderlichkeit beginnen bereits am 24. Februar und enden im Dezember. Das Veranstaltungsheft steht hier zum Download bereit.  

Weitere Informationen finden Sie hier.