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"Wir hatten die Idee, dort etwas zu ändern, wo wir waren"

Zeitzeugin Uta Rinklebe im Interview mit ekbo.de

Uta Rinklebe ist Museumsleiterin und Geschäftsführerin vom „MACHmit! Museum für Kinder“ in der ehemaligen Eliaskirche in Prenzlauer Berg. Dort werden Ausstellungen  mit lebensweltlichen Themen für Kinder zwischen drei und zwölf Jahren angeboten. Uta Rinklebe liegt es sehr am Herzen, dass die Geschehnisse vor 30 Jahren nicht in Vergessenheit geraten. Deswegen hat sie in der Schule ihrer Tochter über ihr Leben in der DDR berichtet. Außerdem hat sie zusammen mit ihrer jüngeren Tochter ein Zeitzeugengespräch für die Konfirmand*innen der Kirchengemeinde organisiert. Zum Thema 30 Jahre Friedliche Revolution will Uta Rinklebe eine Sonderausstellung im Museum anbieten, wobei sie es als eine große Herausforderung ansieht, die damalige Geschichte Kindern nahe zu bringen.

ekbo.de: Wie sah Ihr Leben vor 30 Jahren aus?

Ich bin in einer sogenannten oppositionellen Familie aufgewachsen in dem Sinne, dass meine Eltern sehr engagiert in der Evangelischen Kirche waren. In meiner Schule gab es immer wieder Probleme, schon allein wegen meiner Kirchenzugehörigkeit. Ich lebte mit meiner Familie in Hasselfelde, einer kleinen Stadt im Harz. Dort fielen wir sehr auf, denn es war offensichtlich, dass wir nicht unbedingt konform mit der Regierungsmeinung lebten. In diesem System konnten wir nicht selbst darüber entscheiden, welches Buch wir lesen oder was wir besitzen wollten. Wir mussten uns dann die Sachen irgendwie heimlich besorgen. Eine meiner Freundinnen besaß das Buch „Wunderbare Jahre“ von Reiner Kunze, das jedoch in der DDR verboten gewesen war. Zu dieser Zeit war das Buch für mich sehr wichtig und da ich es auch gerne besitzen wollte, habe ich es komplett handschriftlich abgeschrieben.
In der DDR durfte ich kein Abitur machen, obwohl ich die Leistungen dafür erbrachte. Deswegen machte ich eine Ausbildung zur evangelischen Kinderkrankenschwester in Ludwigslust, die ich 1989 beendete. Für mich war die Arbeit in dem christlichen Krankenhaus so etwas wie eine Insel in der DDR. Es war dort kein Problem, offen die eigene Meinung zu artikulieren, Bücher auszutauschen oder auch zu bekommen. Jedoch wollte ich näher am Geschehen dran sein und entschloss mich, 1989 nach Berlin zu ziehen. Dort habe ich dann angefangen in der Charité auf der Kinderkrebsstation zu arbeiten. Ich habe direkt an der Berliner Mauer gewohnt. Als sie dann fiel, konnte ich die ganze Zeit das Brummen der Fernsehübertragungswagen und das Gerede der Radiomoderator*innen hören, die aus der ganzen Welt gekommen waren.
ekbo.de: Wie war die Stimmung in dieser Zeit?
Die Leute waren schon sehr aufgeregt! Es gab zu dieser Zeit nur das eine Thema: Wann und wo ist die nächste Demonstration? Was wird passieren? Was steht in den Zeitungen? Was kann man in den Nachrichten sehen? Auch beruflich machte sich die Situation bemerkbar. Ich arbeitete zu dieser Zeit in der Charité, die damals eine wahre Kaderschmiede des Sozialismus gewesen war. Mit dem September 1989 fehlten dann immer mehr Schwestern und Ärzte - jeden Tag flohen welche, für die medizinische Lage war da natürlich dramatisch. Auch in unserem Freundeskreis war die Frage nach abhauen oder bleiben ein großes Thema. Und da gab es auch interessanterweise sehr unterschiedliche Meinungen. Ich denke, 30 Jahre später sieht man das noch einmal anders. Ich war damals eine gewesen, die bleiben wollte und diejenigen, die gegangen sind, so ein bisschen als Verräter wahrgenommen hat. Eigentlich ist es absurd, nicht hinaus in die Welt gewollt zu haben, aber wir hatten die Idee, dort etwas zu ändern, wo wir waren.

ekbo.de: Gab es durch die Friedliche Revolution Veränderungen (positiv/negativ) in Ihrem Leben?

Der Mauerfall war neben den Geburten meiner beiden Töchter eines der drei wichtigsten Ereignisse in meinem Leben. Es war eine überwältigende Situation, mit der sich alles schlagartig geändert hat. Ich war 22 Jahre alt und wir sind sofort auf Reisen gegangen. In den ersten Monaten bin ich beinahe fast jeden Abend mit einem Freund zur Berliner Mauer gegangen und wir haben gefeiert! Man musste sich als Ostdeutscher aber erst einmal Berlin erobern. Es gab uns gegenüber Vorurteile. Es haben sich auch kulturelle Unterschiede bemerkbar gemacht. Als die Mauer fiel wurde ich nach dem Unrechtsbereinigungsgesetz als politisch verfolgte Schülerin rehabilitiert und habe relativ zeitnah angefangen mein Abitur auf dem 2. Bildungsweg nachzuholen. Danach studierte ich Europäische Ethnologie, Kulturwissenschaften und Kindheitsforschung an der HU Berlin.

Interview. Bianca Krüger

Letzte Änderung am: 27.05.2019