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"Das größte Geschenk meines Lebens"

Interview mit der Archäologin Ursula Kästner

Die Archäologin Ursula Kästner war von 1986-1995 im Gemeindekirchenrat der Gethsemanegemeinde und von 2001-2010 im Gemeindekirchenrat der fusionierten Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord tätig. In der Kreissynode Berlin-Stadtmitte war sie mehrere Jahre Vizepräses.

Wie sah Ihr Leben vor 30 Jahren aus?

Vor 30 Jahren war ich eine junge Frau, die mit zwei Kindern berufstätig war. Mein Mann und ich arbeiteten als klassische Archäologen an den Staatlichen Museen zu Berlin. Ich war Mitglied des Gemeindekirchenrats der Gethsemanekirche. In dieser Kirche und Gemeinde fanden damals zahlreiche Sonderveranstaltungen, Anfragen und Aktionen statt. Das konzentrierte sich nicht nur auf den Herbst 1989, sondern begann schon Mitte der 1980er Jahre, u.a. die Treffen des homosexuellen Arbeitskreises. Und es gab einen sehr aktiven Friedenskreis.
Bei uns wurden viele Fürbitte-Andachten gehalten, z.B. für Leute, die bei der Luxemburg-Demonstration im Januar 1988 verhaftet worden sind. Von uns Ehrenamtlichen verlangte das viel Präsenz – schließlich waren wir ja die Verantwortlichen im Kirchengebäude - und das war mit kleinen Kindern nicht einfach.
Meine Eltern und zwei Brüder sind 1981 und 1982 nach Westdeutschland übergesiedelt. So gab es auch Überlegungen, einen Ausreiseantrag zu stellen. Aus mehreren Gründen haben wir uns jedoch dagegen entschieden.
Als 1985 in der Sowjetunion die Perestroika begann und sich ringsherum im Ostblock etwas bewegte, hatten wir die Hoffnung, dass auch in der DDR eine Demokratisierung möglich wäre. Leider war das nicht der Fall. Trotz allem haben wir mit unseren Kindern ein normales Leben geführt.

Wie war die Stimmung in dieser Zeit?

Bei den offiziellen Stellen war die Stimmung verhärtet. Das war auch im beruflichen Kontext zu spüren. Über bestimmte Themen, wie z.B. regimekritische Fragen, Reform des Bildungssystems, wurde nicht offen diskutiert. Wir suchten uns die Leute aus, mit denen wir reden konnten. Wir in der DDR hofften natürlich, dass wie in der Tschechoslovakei, Polen und Ungarn auch bei uns ein Reformprozess einsetzen würde
Im Herbst 1989 war mein Mann acht Wochen lang beruflich in Ungarn, um eine Ausstellung aufzubauen. Anfang Oktober wurde die Reisebeschränkung in die Tschechoslovakei eingeführt. Zu dieser Zeit gärte es in der DDR. Das, was dann in den Herbsttagen in den Kirchen passierte war eine persönliche Erfahrung, die mir für mein ganzes Leben sehr viel Mut gemacht hat: Die Kraft der Gebete und die Macht der Gewaltlosigkeit kennenzulernen.

Gab es durch die Friedliche Revolution gravierende Veränderungen (positiv/negativ) in Ihrem Leben?

Durch die Friedliche Revolution gab es eine große Aufbruchsstimmung. Das ist für uns heute kaum noch vorstellbar. Plötzlich war oder schien alles möglich. Es wurde im gesellschaftlichen, dienstlichen und privaten Bereich über alles diskutiert, vieles geplant. Wir haben zu dieser Zeit von einer besseren DDR geträumt. Wir hatten die Hoffnung, durch gesellschaftliche Veränderungen und Reformen einen besseren Staat aus der DDR zu machen. Beruflich war es für meinen Mann und mich eine Zitterpartie. Mehr als die Hälfte der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen in den Museen erhielten Kündigungen. Wir zum Glück nicht – vielleicht hatten wir ein günstiges Alter, genügend lange Berufserfahrung und einige Projekte vorzuweisen. Dass so viele Kolleg*innen betroffen waren, hat uns sehr beschäftigt und belastet. Durch Arbeitsrechtsprozesse mussten dann doch die meisten Kündigungen zurückgenommen werden.
Andererseits standen für uns berufsmäßig plötzlich zahlreiche Möglichkeiten offen. Wir konnten Altertümer sehen, die wir nur von Fotos kannten und Ausgrabungen am Mittelmeer besuchen. Die Beziehungen, die wir privat und beruflich ins Ausland hatten, sind größtenteils bis heute bestehen geblieben. Das betrifft nicht nur die Ostblockstaaten sondern auch Westdeutschland und einige westliche Länder. Neben vielen Verwandten haben wir über die Jahre Kontakte zu Kollegen und Freunden gepflegt  - und sie zu uns. Dieser Austausch war uns sehr wichtig und ist es uns heute noch.
Wenn ich an unsere Kinder denke, freue ich mich, dass ihnen heutzutage noch mehr Möglichkeiten offen stehen, die wir so nicht oder erst spät gehabt haben.
Nach meiner Berentung bekam ich noch einen Vertrag für ein Deutsch - Russisches Kooperations-Projekt. Kürzlich war ich in Moskau und St. Petersburg und habe dort einige Kolleg*innen wieder getroffen, die ich nun schon seit 40 Jahren kenne. Wir haben viele Sachen dienstlich und privat miteinander erlebt und begegnen uns auf einer vertrauten Ebene.
Rückblickend muss ich sagen, waren die Friedliche Revolution, der Mauerfall und die Wiedervereinigung, die aber leider mit vielen vermeidbaren Fehlern auch behaftet war, das größte Geschenk meines Lebens.

Hier gibt es das Interview als PDF.

Interview: Bianca Krüger für ekbo.de

Letzte Änderung am: 28.08.2019