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"Wir wollten den Sozialismus verändern"

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Interview mit Martin-Michael Passauer

Martin-Michael Passauer (*1943) ist Evangelischer Theologe und war jahrelanger Generalsuperintendent des Sprengels Berlin. Von 1988 bis 1990 war er der persönliche Referent von Bischof Gottfried Forck. Er beteiligte sich an der Organisation des Protests oppositioneller und kirchlicher Gruppen gegen die Manipulation der Kommunalwahlergebnisse vom 7. Mai 1989 und wurde im November 1989 Mitglied der Kommission zur Untersuchung der Stasiübergriffe auf die Demonstranten vor der Berliner Gethsemanekirche vom 7. bis 9. Oktober 1989.

Wie sah Ihr Leben vor 30 Jahren aus?

Vor 30 Jahren war ich sowohl Gemeindepfarrer in der Sophiengemeinde als auch zu 50 Prozent der persönliche Referent des damaligen Bischofs der Region Ost, Gottfried Forck.
Für mich beginnt die Friedliche Revolution eigentlich schon 1978/79 mit der Einführung des Wehrunterrichts in den Schulen. Denn daraus ergaben sich je länger je mehr   Proteste von vielen  kirchlichen Mitarbeitenden und vor allem auch  jungen Menschen. Diese Protestwelle  hat sich dann in vielerlei Weise  durch  die ganzen 80er Jahre gezogen. Jugendgottesdienste, Friedensdekaden, Friedensseminare, Friedenswerkstätten und vieles andere mehr.

Dabei spielte sich nicht immer alles friedlich ab. So gab es im Jahr 1989  z.B.  an jedem 7. Tag des Monats eine Veranstaltung, um an die Wahlfälschung der Volkskammerwahlen am 07.Mai 1989 zu erinnern. Es wurde durch Flugblätter aufgerufen, diese Fälschungen nicht hinzunehmen. „Wir laden euch ein am 7. Juni  auf die Wahl zu pfeifen. Bringt alle eure Trillerpfeifen mit. Und wir treffen uns am Alexanderplatz und pfeifen auf die Wahl.“  stand es  auf einem Flugblatt. Sofort wurden alle Trillerpfeifen in der DDR verboten und aus den Regalen geholt. Anscheinend wussten die Genossen  noch nicht, dass man auch mit den Fingern pfeifen kann. So  kam es dann im Zusammenhang mit diesen Veranstaltungen auf dem Alexanderplatz. zu gewaltsamen Auftritten der Polizei und der Sicherheitsorgane.  Von diesen gewaltsamen Auftritten  gibt es auch schlimme Geschichten!
Am  7. Oktober 1989 gab  es auf der Schönhauser Alle, rund um die  Gethsemanekirche,   Handgreiflichkeiten und Gewalttätigkeiten der Polizei. Dabei kam es   zu Verletzungen  auf Seiten der Demonstranten. Die Demonstrierenden wehrten sich nicht und riefen, gleichsam als Antwort: keine Gewalt  Die noch am Abend angefertigten Gedächtnis-Protokolle von Betroffenen, wurden im Bischofs-Büro hinterlegt und in Kopie den staatlichen Stellen zur Kenntnis gegeben.  iAls keine befriedigenden Antworten kamen, wurden ausgewählte Protokolle in  einer Pressekonferenz in der Kirche am Fennpfuhl öffentlich gemacht. Auch diesen Auftritt – in Gegenwart von akkreditierten West-Journalisten -   wollte   der Staat  verhindern. Daraus entstand die Idee, eine unabhängige Untersuchungskommission einzusetzen.

Zunächst hat sie sich aus bekannten Persönlichkeiten  wie  Christa Wolf, Christoph Hein, Daniela Dahn, Jürgen Rennert, Marianne Birthler und Werner Fischer u.a. zusammengesetzt,  Bei der Konstituierung  waren wohl  alle der Meinung, dass auch Vertreter der Kirche dabei sein sollten. So erging   an das  Bischofsbüro eine Anfrage. Gezielt wurde darum gebeten, dass   ich dabei sein sollte. Bischof Forck  hat das  gerne akzeptiert. Das Konsistorium berief noch den Juristen Pettelkau dazu. Da sich auch von staatlicher Seite eine ähnliche Kommission zusammen fand, kam es  dann  nach wenigen Sitzungen  zu einer Vereinigung von staatlicher und unabhängiger Untersuchungskommission.  Eine Gesamtuntersuchungskommission, zu deren anderem Vorsitzenden, außer der Vertreterin der staatlichen Kommission,  auch ich gewählt wurde . Trotz aller Differenzen haben wir immer halbwegs friedlich  zusammengefunden.  Diese Untersuchungskommission war, wenn man so will, die Vorreiterin  der Runden Tische, die danach alle überall entstanden sind.
So hat uns  in diesem Prozess der Aufarbeitung und Erneuerung der 9. November eigentlich innerlich gar nicht so berührt. Die Öffnung der Mauer war mehr ein Zufallsprodukt, als ein Ziel der Friedlichen Revolution gewesen. Wir wollten die Welt und vor allem den Sozialismus verändern und verbessern, gleichsam demokratisieren. Dafür  hatten sich vor allem durch Beschlüsse auf den Synoden des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR  diese drei Begriffe durchgesetzt: Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung,. Sie wurden themengebend  für  die Ökumenischen Versammlungen z.B.  in Dresden im Sommer 1989 . So war für mich persönlich die Öffnung der Mauer nicht so sehr spektakulär wie für Millionen anderer Menschen. Meine Eltern, ein Pfarrer-Ehepaar, lebten damals im Westen, da sie nach ihrer Pensionierung von der DDR keine Wohnung bekommen hatten. Als meine Mutter dann schwer an Krebs erkrankte, bekam ich relativ häufig die Genehmigung zur Ausreise.  1988 stellten die Behörden auch  für mich schon einen Passierschein aus, mit dem  man dreißig Mal fahren durfte, ohne immer wieder Anträge stellen zu müssen. Ich war also in dem Sinne in dieser Zeit  schon ein Grenzgänger. Deswegen ging ich dann auch am Morgen nach der Maueröffnung am 9.November  brav und treu ins Bischofsbüro, wo auch der Bischof Gottfried Forck  anwesend war. Mit Konsistorialpräsident Manfred Stolpe waren wir fast die Einzigen im Konsistorium.  Alle anderen waren weg – im Westen.

Wie war die Stimmung in dieser Zeit?

Eine Halleluja-Stimmung! Die Westberliner waren unglaublich zugewandt, haben die Kirchen aufgemacht und haben Kaffee und Kleidung verteilt. Motorradfahrer sind mit ihren Harleys über den Kudamm gefahren und haben dabei  DDR-Bürger aufsitzen lassen, während überall Trabies hin und her fuhren und dabei hupten. Es war eine unglaubliche Freude in der Stadt!  
Durch die Untersuchungskommission hatte ich dann aber auch mit Menschen zu tun, die sich über Nacht umorientieren mussten; Genossen, deren Seelsorger ich am Ende war. Sie wussten alle, was auf sie zukommen würde und fürchteten öffentliche Hinrichtungen oder Aburteilungen. Manche Parteigenossen hatten sich  in dieser Zeit das Leben genommen, weil sie Angst vor Verachtung der ihnen bisher vertrauten Menschen   hatten.

Gab es durch die Friedliche Revolution gravierende Veränderungen (positiv/negativ) in Ihrem Leben?

Veränderungen gab es überall. Wir Pfarrer waren ja in der glücklichen Position verbeamtet zu sein. Von daher mussten wir keine Angst um unseren Arbeitsplatz haben. Auch keine Angst,  dass wir aus unserer Wohnung herausgeworfen zu werden würden. Ich bin Pfarrer der Sophiengemeinde geblieben. Durch die ganzen Veränderungen ergaben sich völlig neue Aufgaben: Wir hatten dort einen ganzen Häuserkomplex, den es zu verwalten galt.  Hinzu kamen viele Einladungen  zu Podiumsdiskussionen und öffentlichen Veranstaltungen. Es war inhaltlich wie äußerlich eine einmalig erfüllte Zeit.  

Interview: Bianca Krüger für ekbo.de

Letzte Änderung am: 11.06.2019