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"Auch heute noch ist jede Wahl ein Fest für mich"

Zeitzeuge Mario Schatta im Interview mit ekbo.de

Mario Schatta ist Systemischer Supervisor, Psychotherapeut und Diakon. Als er sich 1983 in der Diakonenausbildung befand, hat er mit friedensbewegten Diakonschüler*nnen den Weißenseeer Friedenskreis gegründet. Ein Jahr später verweigerte er den Wehrdienst und den Dienst bei den Bausoldaten. Der Weißenseer Friedenskreis deckte bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 die Wahlfälschung auf und erhielt immer größeren Zulauf. Zu einem seiner inhaltlichen Schwerpunkte zählte der Soziale Friedensdienst (Sofd). Außerdem riefen die Gruppe, als Reaktion auf das Verbot innovativer russischer Filme und der Zeitschrift "Sputnik", zum Kinoboykott auf und organisierte diverse Flugblattaktionen.

ekbo.de: Wie sah Ihr Leben vor 30 Jahren aus?

Unser Lebensalltag war zu der Zeit ganz anders als heute: Arbeit, Familie, Freunde und politisches Engagement waren stärker miteinander verwoben, nicht so sehr getrennt wie heutzutage. Ich, damals 25 Jahre alt, habe zuerst den Weißenseer Friedenskreis geleitet und als Diakon in der Evangelischen Kirchengemeinde Hohenschönhausen-Nord gearbeitet. Im Nachhinein erfuhr ich dann, dass gegenüber unseres Friedenskreis-Treffpunktes eine Kamera installiert gewesen war, die mein Arbeitszimmer filmte. Auch Wanzen wurden bei mir eingebaut, Fingerabdrücke genommen. Freunde haben mich bespitzelt und auf meine Person waren dreizehn inoffizielle Mitarbeiter angesetzt! Unser bester Freund war jeden Tag bei uns zu Hause. Er hatte unseren Wohnungsschlüssel und passte auf die Kinder auf. Hinterher habe ich dann erfahren, dass er jeden Tag einen Bericht über mich geschrieben hat, mehrere dicke Schnellhefter, handschriftlich. Er hatte von unserem Wohnungsschlüssel für die Stasi einen Abdruck gemacht, sodass die Stasi, wenn wir weg waren, in unsere Wohnung konnte, um sie zu verwanzen. Als ich später mit meinem Freund über diese Vorkommnisse sprach, sagte er mir, dass er zu dieser Zeit zwei Optionen hatte: dass er in den Knast kommt wegen Beihilfe zum Fluchtversuch oder stattdessen Freunde bespitzelt. Da hat er sich dann entschieden, Freunde zu bespitzeln. Es gab auch im Gemeindekirchenrat Leute, die für die Stasi gearbeitet haben. Viele hatten einfach Angst, einige waren linientreu gegenüber der DDR. Die wenigsten hatten eine oppositionelle Haltung: Ca. 5-10 % der Kirchenmitglieder haben sich politisch gegen den Staat gestellt. Wir waren damals daran interessiert gewesen, den Wahlbetrug öffentlich und präsent zu machen, wobei wir auch die Kirchenleitung und das Konsistorium mit ins Boot holen wollten. Es kam zu Kontakten mit Manfred Stolpe, Propst Furian und auch Bischof Forck. Wir haben uns an die Westpresse gewandt, wir wollten den Zustand nicht akzeptieren. Wir wollen nicht bevormundet werden. Wir hatten eine vage Vision und diese hat uns in Friedenskreisen, in Friedensgruppen und basisdemokratischen Gruppen zusammengeführt.
 
ekbo.de: Wie war die Stimmung in dieser Zeit?

Die Stimmung war sehr unterschiedlich. Es gab diejenigen, die einfach nur weg wollten, und die, die Reformen anstrebten. Viele sagen heutzutage zwar, dass es von Anfang an ihr Ziel gewesen wäre, die DDR abzuschaffen, aber das ist Quatsch. Ich kenne keinen, der damals schon so etwas gewollt hätte. Das war auch nicht mein Bild. Ich hatte die Illusion einer Demokratisierung des Sozialistischen Staates. Vielleicht in stärkerer Kooperation mit der Bundesrepublik. Das war damals meine blauäugige Vision. Im Nachhinein ist mir klar, dass das gar nicht hätte funktionieren können. Die DDR war pleite, es war ein korruptes System, mit dem muss man nicht kooperieren. Da war die Staatssicherheit, die alles durchzogen hat, mit denen muss man auch nicht kooperieren. Ich selbst war von ihnen ein paar Mal inhaftiert worden; nicht auf Dauer, eher so eine Art Untersuchungshaft. Es war keine leichte Zeit gewesen damals, aber ich bin trotzdem froh, dass alles miterlebt zu haben: diese Aufbruchsstimmung, dieses Hoffen auf neue Visionen und zu merken, dass auch ich etwas ändern, etwas gestalten kann.

ekbo.de: Gab es durch die Friedliche Revolution gravierende Veränderungen (positiv/negativ) in Ihrem Leben?

Also, es ist ja weniger die Zeit, die das verändert hat, sondern ich habe mich auch in dieser Zeit verändert. Wenn ich zurückschaue war 1989 auch das Jahr der Trennung von meiner Frau und mir. Das andere ist: Ich habe zum Glück nach der Friedlichen Revolution relativ schnell die Klinische Seelsorgeausbildung gemacht, danach die Psychotherapieausbildung und die Supervisionsausbildung. Das hat sich natürlich verändert, denn das hätte ich so in der DDR nicht machen können. Da gab es diese Ausbildungen nicht. Ich fühle mich wirklich als Gewinner der Friedlichen Revolution, nicht nur in erster Linie materiell, sondern auch auf einer inneren Ebene. Ich habe eine Diktatur erlebt und bin froh, jetzt in einem System leben zu dürfen, das sich Demokratie nennt, wo ich mich positionieren und meine Meinung sagen kann. Natürlich hat auch eine Demokratie Ecken und Kanten, aber ich kenne im Moment wirklich kein besseres System. Ich kann hier eine Partei gründen, in eine Partei eintreten, ich kann eine Bürgerbewegung gründen, die Bundeskanzlerin kritisieren, ich kann Position beziehen - und all das ohne gleich inhaftiert zu werden. Und das, finde ich, ist ein unheimlich hohes Gut. Ich bin 1990 das erste Mal wählen gegangen und auch heute noch ist jede Wahl ein Fest für mich, keine lasse ich aus. Ich bin bei jeder Kommunalwahl und Europawahl dabei, selbst wenn es eine Abstimmung in Berlin gibt, wo irgendwelche Meinungsbilder erstellt werden. Da bin ich Demokrat durch und durch und das ist für mich die wichtigste Errungenschaft.

Interview: Bianca Krüger

Letzte Änderung am: 05.06.2019