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Wendezeit

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Der Liedermacher Christian Rau erinnert sich

Die Straßenbahn war erstaunlich leer, als ich am 4. November 1989 aus meinem Marzahner Wohngebiet Richtung Stadtmitte rollte. Nichts deutete darauf hin, dass an diesem Tag die größte Demonstration in der Geschichte der DDR stattfinden würde, von Schauspielern, Liedermachern und bildenden Künstlern initiiert.
Zeichen der Veränderung waren überall im Land zu spüren, aber zugleich gab es Befürchtungen, dass die oppositionellen Bestrebungen gewaltsam zurückgedrängt werden könnten. Auf meinem selbstgebastelten Transparent, mit dem ich mir in der leeren Bahn etwas sonderbar vorkam, stand deshalb nur eine besorgte Frage: „WENDE UM 360° ???“.
Viele Kolleginnen und Kollegen aus der Liedermacherzunft hatten sich schon eingefunden. Über die Karl-Liebknecht-Straße, am Palast der Republik und am Roten Rathaus vorbei, zogen wir zum Alexanderplatz, auf dem mittlerweile viele hunderttausend Menschen versammelt waren. Das gab ein gutes Gefühl. An die recht gemischten Redebeiträge erinnere ich mich nur noch undeutlich, aber hinsichtlich einer „Wende rückwärts“ musste man sich vielleicht doch keine Sorgen machen.
Die eigentliche Maueröffnung habe ich dann leider verpasst. Mein Gitarrist Fredy Conrad und ich waren zu einer kleinen Tournee in Sachsen unterwegs. Unser Konzert am 10. November sollte in einer Oberschule stattfinden, doch die Stuhlreihen in der Aula blieben ungewöhnlich leer. Das waren wir nicht gewöhnt. Viele Schülerinnen und Schüler hatten sich spontan in den Zug nach Berlin gesetzt. Als ich gegen Mitternacht von der Autobahn nach Hause kam, war unsere Marzahner Wohnung dunkel und still. Schwiegermutter hatte den Hund übernommen. Meine Frau und die noch recht kleinen Kinder genossen die euphorische Stimmung am Kudamm.
In den folgenden Monaten brach das DDR-Veranstaltungswesen in sich zusammen. Selbst meine Kinderlieder waren plötzlich nicht mehr gefragt. Zeit für eine berufliche Umorientierung? Mit meinem Diplom von der Leipziger Theologischen Fakultät im Gepäck klopfte ich beim Konsistorium der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg an. Der Umstieg ins Religionspädagogische Fach gelang. Aus dem fahrenden Sänger wurde ein Frühaufsteher. Parallel zu meiner Arbeit in einer Schöneberger Grundschule entstanden neue Lieder, etliche zu biblischen Themen, die bis heute ihr Publikum finden. Glück gehabt!
Hätte ich am 4. November, fünf Tage vor dem Fall der Mauer, in der halbleeren Straßenbahn etwas von den tiefgreifenden Veränderungen ahnen können, die dem Land und damit auch mir persönlich bevorstanden? Wohl kaum. Christian Rau

Hier gibt es den Text als PDF.

Zur Webseite von Christian Rau

Und hier kann man sein Lied "Zusammenstehen" hören.

Noten von "Zusammenstehen" einstimmig und zweistimmig

 

Letzte Änderung am: 12.06.2019