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Montagsandachten im Evangelischen Zentrum

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Es war Nacht – Barbara Manterfeld-Wormit zum Jahrestag des Anschlags auf dem Breitscheidplatz

Eine Montagsandacht, gehalten am 18.12.2017, am Tag vor dem Jahrestag des Anschlags am Breitscheidplatz

Es war Nacht.

Und jeder von uns weiß, was er gemacht hat in dieser Nacht, an diesem Abend vor einem Jahr.

Ich selber saß auf dem Sofa vor dem Fernseher. Die schönen Weihnachtssendungen waren gerade alle fertig produziert. Ein gutes Gefühl. Zeit abzuschalten. Unsere älteste Tochter überbrachte die Nachricht. Sie war auf dem Weihnachtsmarkt gewesen – nicht am Breitscheidplatz, am Schloss Charlottenburg. Und hatte die aktuelle Nachricht über Whatsapp erhalten. „Ihr müsst umschalten: ein Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt!“ Und da saßen wir dann und begriffen, dass da nicht bloß Weihnachtslichter, sondern Blaulicht leuchtete mitten in Chaos und Tod. Und das normale Denken setzte aus. Bis die Chefredaktion vom rbb anrief – nach den Freunden aus München und Heidelberg, die besorgt waren und sich erschrocken vergewissern wollten: Alles in Ordnung bei Euch? Im Sender war nichts mehr in Ordnung. Die produzierten Beiträge für Weihnachten und Neujahr allesamt nicht sendefähig. Alles anders, alles neu durch den Anschlag. Es war Nacht.

Und genau so begann Erzbischof Heiner Koch am Tag danach seine Ansprache im Gedenkgottesdienst in der Gedächtniskirche. Das Fernsehen übertrug. Ich saß im Ü-Wagen. Die Menschen auf dem Tauentziehen blieben stehen, frierend, mit Kerzen in der Hand. Lautsprecher übertrugen die Andacht auf die Straße. Es war eine Sternstunde unter Fernsehgesichtspunkten, denn Heiner Koch gelang, was wir als Wort-zum-Sonntag Sprecher jahrelang und oft vergeblich üben: Sprechdenken. Kein Manuskript, kein Teleprompter – nur Stichworte im Kopf, sonst frei erzählt. Und genau das geschah in diesem Moment. Der Erzbischof las aus dem Buch des Propheten Jesaja. Er hielt eine Karteikarte in der Hand:

Friede, Friede denen in der Ferne
und denen in der Nähe, spricht der HERR.
Ich will sie heilen.

Und dann ließ er die Karte sinken. Stand da ganz ohne und war ganz bei sich und bei dem Ereignis und bei dem Wort:

Es war Nacht.

Er machte nicht viele Worte:

Es war Nacht. Gestern Nacht in Berlin…
E
s war Nacht. Damals in Bethlehem.

Es war ein geistliches Geschehen. Es war Stille – in der Kirche, im Ü-Wagen, auf der Strasse.

Morgen – ein Jahr danach – wird es ein ganzer Tag sein. Ein Tag, an dem viele hochtheologische Fragen im Raum stehen: Die Frage nach der Schuld, nach Leid und Tod und Trauer, nach Hass.

Und es wird ein Gedenkort eingeweiht: Ein Riss, der sich über die Stufen hin zum Fußgängerweg zieht, wo der Anschlag geschah. Der Riss wird an diesem Tag aufgefüllt  mit Gold. Die Angehörigen werden das tun. Symbolisch: als Zeichen, dass der Verlust bleibt und die Trauer auch. Der Riss bliebt sichtbar, aber der Hass soll nicht die Oberhand behalten, sondern die Hoffnung.

Wenn es so ginge: Unsere Risse – die kleinen wie die großen – einfach mit Gold füllen. Die Lücken schließen. Die Wunden und Verletzungen einebnen.

Ich glaube, Menschen können das nicht schaffen. Gerade Weihnachten treten sie ja ganz offen zutage – die Risse und Brüche in unserem Leben - sind wir besonders empfindlich und verletzlich. Da gießt einer Gold aus – und schließt die Risse. Ein schönes Bild – und weihnachtlich. Denn da spielt Gold ja eine Rolle. Doch Gott sei Dank nicht nur das Gold. „Sie bringen Weihrauch, Myrrhe und Gold“ – die Weisen aus dem Morgenland. Und auch das ist symbolisch: Weihrauch steht unter anderem auch für Fruchtbarkeit. Ein tröstlicher Gedanke: unsere Risse beschädigen uns nicht nur. Sie führen auch weiter. Wir entwickeln uns an ihnen weiter. Und Myrrhe ist ein heilsames Kraut: Unsere Verletzungen, unsere Risse und Abgründe wollen nicht bloß vergoldet werden, sie sollen heilen. Damit sie eines Tages nicht mehr so schmerzen.

Wir können die Risse nicht selber ausfüllen. Wir müssen mit ihnen leben. Wir können nicht im Hellen bleiben. Wir müssen in die Nacht. Immer wieder. Und die Dunkelheit aushalten. Aber Weihnachten scheint ein Licht durch diese Nacht: Ein Kind liegt in der Krippe. Verletzlich wie wir. Es kommt in diese Welt, um unsere Risse zu heilen - damit am Ende aus der Nacht Tag wird.

Barbara Manterfeld-Wormit

   

Letzte Änderung am: 19.10.2018