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Montagsandachten im Evangelischen Zentrum

Der Andachtsraum im Ev. Zentrum. Foto: Annette Kaiser, EKBO

Der Andachtsraum im Ev. Zentrum. Foto: Annette Kaiser, EKBO

RSSPrint

Nächstenliebe – Eine Montagsandacht von Sabine Graul

Nächstenliebe ist das Thema des gestrigen Sonntages. Das Doppelgebot der Liebe ist zentrales Thema für uns Christinnen und Christen.

„...du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben […] du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“.

Ich muss zugeben, dass ich am zweiten Teil des Gebotes immer wieder hängen bleibe. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ – wie dich selbst. Leider geht der letzte Teil des Satzes immer ein wenig unter. Das zeigen uns u.a. unsere Kirchenlieder. Als Frau Menzel und ich diese Andacht vorbereitet haben, ist uns aufgefallen, dass es zwar viele Lieder zur Nächsten- und Feindesliebe gibt, aber kaum eines darauf Bezug nimmt, dass die Liebe zu sich selbst dazu gehört.

Wir sind es – vor allem in der Kirche – gewohnt, Liebe zu sich selbst als gleichgesetzt mit Egoismus zu hören. Schließlich hindere uns das „bei sich sein“ daran, uns bedingungslos für den Nächsten einzusetzen. Dem möchte ich einige Gedanken entgegen halten.

Als ich vor zehn Jahren eine Ausbildung zum Notfallseelsorger gemacht habe, hat unser Ausbilder gleich zu Beginn gesagt: „ihr müsst zwei Dinge unbedingt können: schweigen und auf euch selbst achten.“ Ansonsten könne man den Job nicht lange machen. Nur wer darauf achtet, wo seine Fähigkeiten und Grenzen liegen, kann auf andere achten. Deshalb plädiere ich dafür, dem „wie dich selbst“ mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Wenn wir das Evangelium genau ansehen, haben wir hier nicht nur ein Doppelgebot, sondern sein Dreifachgebot der Liebe: die Liebe zu Gott, die Liebe zum Nächsten und die Liebe zu sich selbst. Das Dreifachgebot geht von der Liebe zu Gott aus und bedingt die beiden anderen. Ich kann Gott nicht lieben, ohne meinen Nächsten zu lieben. Ich kann Gott nicht lieben, ohne mich selbst zu lieben.

Sich selbst zu lieben, heißt dabei nicht, seine Interessen ohne Rücksicht auf Verluste durchzusetzen. Zunächst einmal heißt es, mich selbst so anzunehmen, wie ich bin. Genau genommen haben wir es hier mit dem Grundsatz der Nächstenliebe zu tun: Nimm den Anderen an, so wie er oder sie ist; du kannst ihn oder sie ohnehin nicht ändern. Warum soll der Satz für mich selbst nicht gelten?

Sich selbst zu lieben heißt, auf seine Grenzen zu achten. Natürlich kann ich punktuell und zeitlich begrenzt an meine Grenzen gehen und sogar darüber hinaus. Die Seelsorger wissen das. Die Energie, die ich verbrauche, muss ich aber irgendwann wieder aufladen.

Unser Vorbild dafür ist Christus selbst. Die Bibel berichtet an vielen Stellen davon, wie Jesus sich zurückgezogen hat (Mt 4,1; Mt 14,23; Lk 6,12; Lk 4,42; Mk 1,35). Jesus hat sich zurückgezogen zum Gebet, zum Gespräch mit Gott. Daraus erwuchs seine Kraft, den für ihn bestimmten Weg zu gehen.

Wenn wir uns also um uns selbst kümmern, hat das weniger mit Egoismus zu tun, als wir es gewohnt sind zu hören. Der Auftrag der christlichen Botschaft liegt darin, nicht bei sich selbst stehen zu bleiben.

Letzte Änderung am: 16.10.2017