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Interview zur Webseite ekbo.de/gottesdienstgeschlechtergerecht

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"Das Wissen um die Vielfalt von Geschlecht stellt die Sprache im Gottesdienst vor neue Herausforderungen"

Im Interview mit ekbo.de wirbt die Geschlechterforscherin und Theologin Ulrike Auga für gerechte Sprache

Am 26. September, dem Europäischen Tag der Sprachen, geht die Webseite www.ekbo.de/service/gottesdienst-geschlechtergerecht.html online. Das Angebot richtet sich an Pfarrer*innen, Prädikant*innen und Lektor*innen im Verkündigungsdienst, an weitere liturgisch Beteiligte und alle Interessierten. Vom Votum über Predigt und Fürbitte bis zum Vaterunser stehen Anregungen für eine geschlechtergerechte sprachliche Gestaltung bereit, ergänzt durch Liedvorschläge, Literaturhinweise und Texte für Kindergottesdienste. Angestoßen wurde das Vorhaben durch einen Impuls der Frauenversammlung der EKBO vom Mai 2019, den die Kirchenleitung aufgenommen hat. Eine Arbeitsgruppe unter der inhaltlichen Federführung von Ulrike Auga, Professorin für Evangelische Theologie und Geschlechterstudien, und der Leitung von Clemens W. Bethge, EKBO-Referatsleiter Kirchliches Leben, hat die Webseite mit der Internet-Redaktion umgesetzt. Im Interview mit ekbo.de erzählt Ulrike Auga, worum es dabei geht.

ekbo.de: Warum benötigen wir einen geschlechtergerechten Gottesdienst?

Ulrike Auga: Sprache bildet die Wirklichkeit ab und stellt sie zugleich immer wieder neu her. Entsprechend kann durch Sprache die Wirklichkeit verändert werden, Hierarchie und Gewalt können sowohl stabilisiert als auch überwunden werden. Das natur- und humanwissenschaftliche wie theologische Wissen um die Vielfalt und Fluidität von Geschlecht stellt die Sprache im Gottesdienst vor neue Herausforderungen.
Gleichzeitig erfahren wir einen rechtspopulistischen Angriff auf die geschlechtliche Emanzipation durch die AfD und weitere Kräfte, der ein Attackieren der Selbstbestimmung, sexuellen Freiheit und reproduktiven Rechte aller Menschen bedeutet. Dabei unterstellen Teile der Rechten fälschlicherweise, dass sie sich auf vermeintliche Aussagen der biblischen Schriften beziehen, wenn sie eine Geschlechterhierarchie und homophobe und transphobe Verunglimpfungen aufführen.
Andererseits werden in der gegenwärtigen deutschen Mainstream-Debatte Erkenntnisse der Geschlechterforschung nicht hinreichend wahrgenommen und manchmal ohne einschlägige Kenntnisse diffamiert. Oft werden Binarität und Heteronormativität ungenügend reflektiert. Dabei werden Stereotype in Bezug auf Männlichkeit und Weiblichkeit zementiert. Die Beschäftigung mit der Konstruktion von Geschlecht ist wichtig, denn die Abweichung von hegemonialen Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit kann bis in die Gegenwart Hassverbrechen nach sich ziehen. Es werden beispielsweise Kultur, Vernunft und Verbalsprachlichkeit als „männlich“ assoziiert und Natur, Körperlichkeit oder Emotion „weiblich“ naturalisiert bzw. essentialisiert, d. h. als gäbe es eine vorgeordnete binäre Wesenheit. 
Es gilt, die Gleichstellungsthematik in unserer Kirche und Gesellschaft weiter voranzutreiben. In der Umsetzung bedeutet es ein Eintreten für Vielfalt in der Leitung der Gemeinden und Kirche. Dazu gehört auch das Aufnehmen geschlechtergerechter Sprache im Gottesdienst. Die Entwicklung einer geschlechtergerechten Sprache ist nicht allein Aufgabe auf dem Gebiet von schriftlichen Ordnungen und Texten, sondern vor allem auch im liturgischen Gebrauch im Gottesdienst.

ekbo.de: Worin unterscheidet sich ein geschlechtergerechter Gottesdienst von einem „normalen“?

Ulrike Auga: Das Projekt hält an dem befreiungstheologischen Erbe fest, nimmt jedoch eine poststrukturalistische und dekonstruktivistische Vorstellung eines vielfältigen und fluiden Geschlechts auf. Es soll möglich werden, in allen Teilen der Liturgie inklusive Sprache wählen zu können. Heute bestehen viele sprachliche Möglichkeiten, eine Binarität von Geschlecht zu vermeiden. Übrigens sollte auch die Bildsprache in die Kritik einbezogen werden.
Die Webseite strebt jedoch nicht nur ein nachhaltiges De-Gendering vorgeblich geschlechtsneutraler Liturgie an, sondern möchte auch einen Beitrag zur Dekolonisation hierarchischer und eurozentristischer Gebetssprache leisten.
Etablierte Positionen der postkolonialen und queeren Kritik werden aufgenommen. Sie überwinden auch die unbewusste Reproduktion von Dichotomien und adressieren religiöse epistemologische Tiefenstrukturen, die Körperkonfigurationen, Wissen, Wahrnehmung und Weltwirklichkeit jenseits neoliberalen Herrschaftswissens einer heteronormativen Geschlechterordnung ermöglichen.
Basierend auf internationalen Perspektiven wie denen von Marcella Althaus-Reid, Susan Cornwall, Lisa Isherwood, Gerard Loughlin, Teresa Forcades i Vila kommen viele lokale Stimmen aus den Gemeinden auf dieser Webseite zu Wort. Im Anschluss an sie wird verdeutlicht, dass Gottesdienst als eine dauerhafte Bewegung auf das Hinterfragen normativ-hierarchischer Strukturen ausgelegt ist.
Die entwickelten Ansätze versuchen das performative Außer-Kraft-Setzen des unhinterfragt Normierten. Daran schließt sich eine grundlegende theoretische, gesellschafts- und erkenntniskritische Reflexion an, die auf feministischer und befreiungstheologischer Kritik aufbaut und diese weiterführt.

ekbo.de: Können Pfarrer*innen und andere weitere geschlechtergerechte Texte ergänzen?

Ulrike Auga: Auf der Webseite werden alle zentralen Elemente des Gottesdienstes in Ordnern abgebildet. Für jeden Gottesdienstbestanteil gibt es einen Beispieltext, der das Anliegen besonders deutlich illustriert. Die Verfasser*innen sind namentlich gekennzeichnet. Wir bedanken uns bei allen, die ihre Texte zur Verfügung stellten und den Abdruck auf der Webseite wie auch die Verwendung in weiteren gottesdienstlichen Kontexten genehmigten.  Die Texte dürfen – unter Berücksichtigung der Autor*inschaft – gerne kreativ und performativ weitergeschrieben und verwendet werden.
Die Webseite wächst ständig an. Wir laden alle herzlich dazu ein, ihre eigenen Texte zur Website beizutragen – bitte senden Sie diese gerne ein an geschlechtergerechte.liturgie@ekbo.de.
Wir wählten nur Texte aus, die keine binäre Sprache verwenden. Einzelne Beiträge sind leicht überarbeitet. Stellenweise enthalten die Überarbeitungen begleitende Kommentare.

ekbo.de: Wie groß ist der Bedarf an geschlechtergerechten Gottesdienst-Texten?


Ulrike Auga: Im Rahmen der Dekade „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“ (1988-1998) haben mehrere Landeskirchen diese Aufgabe für sich angenommen, Gleichstellung auch im Gottesdienst umzusetzen und entsprechende Bearbeitungen vorgelegt, die innerhalb der beiden vergangenen Jahrzehnte Teil der Praxis wurden.
Es entstanden auch einige Webseiten, für die wir dankbar sind und an deren Arbeit wir uns anlehnen. Auf der Webseite der EKBO versuchten wir noch stärker als in den bisherigen Webpräsentationen nicht nur eine Gleichstellung von Frauen aufzunehmen, sondern die Abbildung einer naturalisierten Binarität von Geschlecht zu überkommen.
Die Erstellung der Webseite ist ein besonderer Schritt für die Sammlung von Praxishilfen und Materialien für die Vorbereitung eines geschlechter*gerechten Gottesdienstes, denn sie ist die erste, die konsequent Binarität von Geschlecht vermeidet.
Im Anschluss an die Präsentation am 26. September 2020 werden verschiedene Formate von Fortbildungen in der gesamten Landeskirche angeboten. Zurzeit wird Informationsmaterial darüber innerhalb der Landeskirche verschickt. Sie können sich gerne mit Anfragen an uns richten. Wir können mit Ihnen gemeinsam Ihren Gottesdienst besprechen und individuelle Vorschläge erarbeiten. Es meldeten sich bereits Interessierte weit über die kirchlichen Landesgrenzen hinaus für dieses Angebot an.

ekbo.de: Sollte nicht eigentlich jeder Gottesdienst alle Geschlechter mitmeinen?

Ulrike Auga: Ja, jeder Gottesdienst sollte auf die Gottebenbildlichkeit aller Menschen verweisen. In der postsäkularen, globalisierten Gesellschaft, in der friedliches Zusammenleben durch Neoliberalismus und lebensfeindlichen Macht- und Körperpolitiken bedroht wird, bedeutet öffentliche religiöse Performanz ein unverzichtbares Potential für das Aufbrechen hierarchisierender, interagierender Kategorien – in der Forschung werden sie intersektionale Kategorien genannt -  wie „Geschlecht“, „Sexualität“, „Nation“, „Race“, „Klasse“, „körperliche Befähigung“ und „Religion“. In der Sichtbarkeit, körperlichen Ko-Präsenz und Materialität öffentlicher Gottesdienste manifestiert sich die „offizielle Konsenstheologie“ einer Gemeinschaft performativ. Gerade hier werden die Affirmation und das Sichtbarmachen nicht-traditioneller Fürsorgebeziehungen, das Empowerment von Beziehungen, Lebensentwürfen und von Subjektpositionen, die vom Mainstream abweichen, greifbar.
Dennoch bleibt die praktisch-theologische und feministisch-liturgische Literatur oft hinter dem Anspruch zurück, erprobte Materialien, Impulse und theoretische Reflexion für die theoretische und praktische Aufnahme queerer und postkolonialer Herausforderungen für die öffentlichen religiösen Praktiken verfügbar zu machen.  An dieser Stelle möchten wir uns mit unserer Webseite einbringen. Das Ziel dieser Webseite ist – zum einen – Bausteine von Gottesdienstentwürfen zum Nachfeiern zu sammeln, – zum anderen – eine Unterstützung und Anleitung für die eigene liturgische Teamarbeit anzubieten und – schließlich – auf Publikationen zu verweisen, die die Praxis mit innovativer Theorie zusammenbringen.

Interview: Katharina Körting/ekbo.de
24. September 2020

Literatur: Auga, Ulrike, An Epistemology of Religion and Gender. Biopolitics – Performativity – Agency, London, New York: Routledge, 2020; https://www.taylorfrancis.com/books/9780429276002

Video: Prof. Dr. Ulrike E. Auga in einem ARTE Flick Flack-Beitrag zur Sündenproblematik und dem Yoko Ono Effekt, Regie: Bilge Ack, Produzent*in: La Blogothèque | Milgram | UFA X / Divimove, Land: Frankreich | Deutschland 2020; https://www.arte.tv/de/videos/093029-043-A/der-yoko-ono-effekt/

Letzte Änderung am: 29.09.2020