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F.D.E. Schleiermacher (1768-1834) Foto: Heye Jensen Design: EKBO

Schleiermacher 2018

RSSPrint

„Über die Religion“: Der Titel dieses 1799 erscheinenden Buches ist unscheinbar, aber er hat es in sich – spätestens mit dem Untertitel wird das klar: „bestimmt für die Gebildeten unter ihren Verächtern“. 30 Jahre alt ist der Verfasser, ano nym blieb er nur für kurze Zeit. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher trifft den Nerv der Zeit, weiß rhetorisch brillant Vorurteile und Missverständnisse über die Religion zu benennen und bietet gleichzeitig mitten hinein in Rationalismus und Aufklärung ein neues Begreifen von Religion.

Der Glaube braucht auch das Gefühl

Religion geht nicht allein im Denken auf, davon ist Schleiermacher überzeugt. Anschauung und Gefühl sind höchste Blüte der Religion. Sein Anliegen dahinter: Vernunft, Moral, das ethische Denken allein, sie drohen den Menschen auszudörren. Er braucht auch das Gefühl. Religiöses Erleben ist ohne dieses Gefühl nicht denkbar. 

Damit ist aber keinesfalls Gefühlsduselei gemeint. Es geht um die Erfahrung einer Empfänglichkeit, die, folgt man Schleiermacher, jeder Mensch hat. Diese Empfänglichkeit hat es noch immer in sich: Ist sie gehemmt, steht der Mensch nicht mehr mit dem Göttlichen in Kontakt – übrigens auch eine Art, die Sünde zu beschreiben. Festzuhalten ist dabei unbedingt: Wir Menschen sind nicht die, die diese Empfänglichkeit herstellen. Wir sind Empfangende im Glauben, schlechterdings abhängig und so gänzlich frei. Bei Schleiermacher verbinden sich diese Einsichten mit einer kräftigen Kirchenkritik, etwa darüber, warum die Kirche als Institution die Entfaltung religiöser Individualität auch hemmt. 

Etwas mehr als zwei Jahrhunderte ist das her. Die „Reden über die Religion“, fünf insgesamt, machten von sich reden, ja, sie wurden gewissermaßen Teil der „Gründungsurkunden“ einer eigenen, libe ralen Theologie. Schnell hatten die „Reden“ Kultstatus, waren Beststeller; die Ausgaben dreimal überarbeitet – angepasst an die Zeiten, die sich änderten. Sie sind immer noch aktuell, auf ihre Weise uns voraus.

Philosoph, Prediger, Seelsorger und Begleiter

Schleiermacher, geboren 1768, geschult in Herrnhut in einem Frömmigkeitsklima, das ihm mit 18 Jahren zu eng wurde, war Philosoph, Pfarrer und ausgesprochen gern gehörter Prediger. Er hat sich darauf verstanden, Texte zu übersetzen, zu deuten und so Menschen und ihre Geschichte in ein neues Licht zu rücken. Schleiermacher war auch deshalb ein überaus geschätzter Gesprächspartner und Seelsorger. Und nicht nur das – ein Universalgelehrter alter Schule, für vieles begabt, stets neugierig.

Ohne zu realisieren, mit wem ich es zu tun habe, war er mein steter Begleiter beim Griechischunterricht in der Schulzeit. Seine kongenialen Übersetzungen der Werke Platons lagen immer irgendwo zwischen Nachttisch und Schulschreibtisch. Neben der Philologie gehören pädagogische und ethische Schriften zu seinem breit aufgestellten Werk.

In all dem geht es nicht einfach nur ums Lernen, stets wird die Leidenschaft des Erkennens deutlich. Das Tor zur Moderne wird so aufgestoßen. An dessen Schwelle stehen Begreifen von Subjektivität, freiheitlicher Geist und die Innerlichkeit des Einzelnen.

Schleiermacher konnte noch in anderer Hinsicht Tore öffnen und Brücken bauen, nämlich als Mann der Kirche. Die Union in Preußen 1817, die wir in diesem Jahr als EKBO erinnert und gefeiert haben, das Zus ammengehen von reformierten und lutherischen Christen, unterstützte Schleiermacher ausdrücklich, auch wenn er aus seiner deutlich reformierten Prägung und Haltung keinen Hehl machte. Ihm ging es nicht um das Einglätten von Unterschieden, im Vordergrund stand und steht die Überwindung des Trennenden. Position und Union gehören zusammen. 

Auf Schleiermachers 
Spuren durch Berlin

Die Namenslisten seiner Freunde und Weggefährten lesen sich wie ein kleines „Who is Who“ der Romantik, darunter Friedrich und August Wilhelm Schlegel. Auch mit der Berliner Geschichte ist er eng verwoben: Den jungen Bismarck hat er konfirmiert, dem SingakademieGründer CarlFriedrich Zelter hielt er die Grabrede.

Die Spuren Schleiermachers in Berlin, aber nicht nur in dieser Stadt, auch in Halle, in Niesky, Barby und im einstigen Pommern, heute Słupsk; sie sind sichtbar, hörbar, wir sollen und wollen sie erzählen: von der Universität, deren Gründung er mit voranbrachte, über die Charité bis zu den Mosaiksteinen der nicht mehr erhaltenen Dreifaltigkeitskirche in Kreuzberg. Auf dem dortigen Friedhof wurde er 1834 beigesetzt.

Ein Schleiermacherspaziergang entlang dieser Orte ist eine Reise in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kirche. Es geht um den Geist darin. Gefühl und Anschauung für das InderWeltGottes sein, Empfänglichkeit, stetes und stets gebrochenes Gottesbewusstsein.

Propst Dr. Christian Stäblein

Letzte Änderung am: 17.11.2017