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Der Wiederaufbau des Turmes der Garnisonkirche in Potsdam. Foto: SGP.

Der Wiederaufbau des Turmes der Garnisonkirche in Potsdam. Foto: SGP.

RSSPrint

Geschichte erinnern – Verantwortung lernen – Versöhnung leben

 

Der Turm der Hof- und Garnisonkirche hat über einen Zeitraum von mehr als 230 Jahren die Silhouette Potsdams geprägt. Die Kirche war Teil des berühmten Dreikirchenblicks. Durch ihren historischen Standort zählt die Garnisonkirche zu den Innenstadtkirchen.

Nun kann der wiedergewonnene Kirchturm mit seinem interessanten Raumprogramm ein Ort werden, an dem sich eine neue Gemeinschaft bildet. Ein Haus ohne Hemmschwelle, in dem eine sehr weite Kommunikation eröffnet wird und spezielle Angebote für Touristen, Passanten und interessierte Schulklassen entwickelt werden.

In der Nagelkreuzkapelle und im Turm der Potsdamer Garnisonkirche entsteht ein kirchlicher Ort, an dem Kontakte geknüpft, Diskurse eröffnet, der ökumenische und interreligiöse Dialog gepflegt, aber auch der Austausch zwischen religiös verwurzelten und areligiös geprägten Menschen gestaltet wird. Der folgende Dreiklang beschreibt die Ziele der inhaltlichen Arbeit.

Geschichte erinnern

Die in Potsdam lebende Schriftstellerin Sigrid Grabner verdeutlicht diesen Ansatz mit den Worten: „Eine Stadt hat wie ein Mensch ein Gedächtnis – aufgehoben in Gebäuden, Dokumenten, Überlieferungen.“

Mit der Potsdamer Garnisonkirche sind zahlreiche Ereignisse unserer Geschichte verbunden – im guten und im schlechten Sinne. Der Entschluss der SED, diese Kirche 1968 zu sprengen, hat dieses besonders geschichtsträchtige Gebäude beseitigt. Die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte ist aber eine wesentliche Voraussetzung für das Verstehen gegenwärtiger Ereignisse und für das Gestalten der Zukunft.

Der Wiederaufbau des Turmes eröffnet gegenwärtigen und nachfolgenden Generationen die Möglichkeit, sich an diesem geschichtsträchtigen Ort sowohl mit der rassistischen und menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus als auch mit den Folgen der SED-Diktatur aktiv auseinanderzusetzen. Der Turm der Garnisonkirche wird zu einem interessanten und exponierten Lernort deutscher Geschichte werden.

Geschichte erinnern

Verantwortung lernen

Die Arbeit in diesem Bereich orientiert sich an einem mahnenden Wort Richard von Weizsäckers: „Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte, wozu der Mensch fähig ist.“

Der Wiederaufbau des Turmes der Garnisonkirche befördert den Diskurs darüber, wie wir zukünftig leben wollen. Offene und faire Debatten über unsere Herkunft, unser gegenwärtiges Selbstverständnis und unsere wünschbare Zukunft bringen unsere Bürgergesellschaft voran. Es braucht besondere Orte, an denen wir lernen, den ruf der Freiheit zu hören und Verantwortung zu übernehmen.

Versöhnung leben

Nelson Mandela erinnert an ein Grundelement christlichen Versöhnungshandelns, wenn er sagt: „Niemand wird geboren, um einen anderen Menschen zu hassen.“ Das christliche Verständnis des Menschen weiß um die Doppeldeutigkeit menschlichen Tuns. Der Mensch kann sein Wissen und Handeln zum Guten oder zum bösen nutzen. Darin zeigt sich eine Zwiespältigkeit, die sich in besonders drastischer Weise in der Geschichte der Garnisonkirche wider spiegelt – positiv wie negativ.

Zu der Zwiespältigkeit des Menschen tritt aus christlicher Perspektive die Erinnerung an Gottes großes Versöhnungswerk. Der unsichtbare Gott hat sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben. Gottes Solidarität mit einem Menschen, der von anderen ans Kreuz gehängt wurde, muss als leidenschaftlicher Protest und göttlicher Einspruch gegen menschliche Gewalt gedeutet werden. Doch die Auferweckung des Gekreuzigten lässt weder Angst noch Tod das letzte Wort. Sie weckt den Glauben, befördert die liebe und stiftet neue Hoffnung. Christen glauben, dass sie aus der Begegnung mit Jesus Christus Zuversicht, Mut und die Kraft für nötige Veränderungen schöpfen können. Daraus kann neue Versöhnung erwachsen. Familien, Nachbarn und durch Feindschaft getrennte Völker können in Jesu Namen einen entschlossenen Neubeginn wagen und die Freiheit zur Wandlung gewinnen.

Das Potsdamer Projekt gehört zur Internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Die Nagelkreuzkapelle verstehen wir als einen Ort, von dem die Erfahrung im Umgang mit eigener Schuld, mit beginnender Veränderung und mit geschenkter Versöhnung hinaus in die Welt getragen werden kann.

Der Garnisonkirchturm als Nagelkreuzzentrum Potsdam


Das Nagelkreuz aus Coventry steht heute als sichtbares Zeichen der Versöhnung an vielen Orten der Welt. Menschen versammeln sich unter diesem Kreuz und versuchen, Gegensätze und Feindschaft zu überbrücken und nach neuen Wegen in eine gemeinsame Zukunft zu suchen. 

Nach der Zerstörung Coventrys durch deutsche Bomber 1940 ließ der damalige Dompropst Richard Howard nicht nur das Kreuz aus drei Nägeln zerstörter Dachbalken der Kathedrale als Zeichen der Versöhnung schaffen. Auf die Chorwand der Domruine ließ er die Worte „FATHER FORGIVE“ („Vater vergib“) meißeln. „Vater vergib“, das sind die letzten Worte Jesu am Kreuz. „Vater vergib“ – das ist die zentrale Bitte des Nagelkreuzgebetes.

Wir beten dieses Nagelkreuzgebet in allen unseren Friedensgebeten und Gottesdiensten und bekennen unsere Mitschuld an den Verhältnissen in dieser Welt. Die christliche Auferstehungs- und Versöhnungsbotschaft, in der die Lebensregeln von Coventry gründen, prägen die Gemeindearbeit in der Nagelkreuzkapelle Potsdam. Wir sind Teil der deutschen und der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft.

Letzte Änderung am: 09.11.2017