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Frauen in Führung in unserer Kirche

Die EKBO hat erkannt, dass sie sich um weiblichen Nachwuchs in kirchlichen Leitungspositionen im Pfarrdienst gezielt kümmern muss. Derzeit sind zwar schon knapp 42 Prozent der Pfarrpersonen Frauen, allerdings gibt es in der Landeskirche lediglich fünf Superintendentinnen (inklusive reformiertem Kirchenkreis) neben 21 männlichen Kollegen. Deswegen hat die EKBO ein Forum für Pfarrerinnen und ordinierte Gemeindepädagoginnen mit dem Titel „Lust auf Leitung“ organisiert (17.11.). Das Grußwort des Bischofs Markus Dröge können Sie hier nachlesen. Oberkonsistorialrätin Dorothea Braeuer aus der Personalabteilung der EKBO hat die Veranstaltung koordiniert, die von einem größeren Team vorbereitet wird. Tanja Pilger-Janßen, Pfarrerin im Medienhaus der Landeskirche, hat im Vorfeld und im Anschluss an das Seminar mit ihr gesprochen.

Tanja Pilger-Janßen: Woran liegt es, dass Frauen deutlich weniger in höheren Leitungsämtern unserer Kirche vertreten sind?

Dorothea Braeuer: Der Pfarrberuf war viele Jahre lang rein männlich geprägt. Erst seit den späten 1970er Jahren sind Frauen im Pfarramt in unserer Kirche gleichberechtigt. Dennoch sind altbackene Geschlechterklischees, etwa, dass ein Mann ins Leitungsamt gehört, auch weiterhin in unserer Kirche verbreitet. Gut qualifizierte Bewerberinnen bewerten das eher negativ. Hinzu kommt, dass Frauen sich erst dann auf eine Leitungsstelle bewerben, wenn sie ihrer Meinung nach hundert Prozent des Anforderungsprofils erfüllen. Männer bewerben sich auch, wenn sie nur 60 Prozent erfüllen.

Tanja Pilger-Janßen: Wie lassen sich ein Leitungsamt und Familie Ihrer Meinung nach in der Kirche vereinbaren?

Dorothea Braeuer: Jedes Pfarramt ist ein Leitungsamt, das neben den klassischen Fähigkeiten eine hohe organisatorisch-strategische Kompetenz erfordert. Was im Beruf gebraucht wird, ist auch privat wichtig, um sowohl den Partner oder die Partnerin und die Kinder in den Beruf zu integrieren, als auch wirkliche Auszeiten für Familie und Privates einzuhalten. Wer das trainiert hat, wird diese Kompetenz auch im spezifischen Leitungsamt einsetzen. Wer dazu noch ein gutes Unterstützungsnetz durch Partnerschaft, Freunde und Familie hat und in einem guten Team arbeitet, wird Freude am Leiten haben.          

Tanja Pilger-Janßen: Sie bieten ein Forum für Pfarrerinnen und ordinierte Gemeindepädagoginnen in der EKBO an, um Lust auf Leitung zu machen. Was motiviert Sie, diese Veranstaltung zu organisieren?

Dorothea Braeuer: Das Thema war einfach dran. Nach jeder Wahl in ein Leitungsamt, in der sich wieder ein Mann durchsetzte, rieben wir leitenden Frauen uns die Augen und sagten, da müssten wir etwas machen. Deshalb war ich sehr froh, dass die Idee, ein Führungsforum für Pfarrerinnen zu veranstalten, von unserer Kirche freudig aufgegriffen wurde. Und ich bin dankbar für die starke Gemeinschaft, die in der Vorbereitung unter uns Frauen gewachsen ist.

Ich selbst bin in meinen ersten Amtsjahren ermutigt worden durch Pfarrerinnen, an denen ich mich orientieren konnte. Inzwischen gibt es mehr Pfarrerinnen, aber in der Leitungsebene erleben wir eher einen Rücklauf. Deshalb brauchen wir Vorbilder, die uns zeigen, dass Leitung weiblich ist. Denn Frauen bewerben sich eher, wenn es ihre Geschlechtsgenossinnen in einem Unternehmen ganz nach oben geschafft haben.       

Tanja Pilger-Janßen: Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung?

Dorothea Braeuer: Die beiden Generalsuperintendentinnen, die fünf Superintendentinnen und die anderen Frauen, die ein Leitungsamt in unserer Kirche haben, zeigen sich in diesem Forum. Sie wollen den Pfarrerinnen und ordinierten Gemeindepädagoginnen Mut zur Leitung machen. Durch den Vortrag und durch den persönlichen Austausch mit den leitenden Frauen rücken sie nahe und werden zu Schwestern, die raten und beraten können. Wir bieten einen Raum, um Fragen und Hindernisse mit leitenden EKBO-Frauen zu besprechen. Ich hoffe, dass die Pfarrerinnen und ordinierten Gemeindepädagoginnen gestärkt und ermutigt werden, Leitung anzunehmen, zu gestalten und sie besser zu verstehen. Und für alle, wo immer sie leiten, erhoffe ich Anregungen, um die jeweilige Leitungsverantwortung aktiv und kreativ zu gestalten. Und im besten Fall: Lust auf Leitung!

Tanja Pilger-Janßen: Welche Fortbildungsmöglichkeiten gibt es für Frauen, Kompetenzen für Leitungsämter – abgesehen vom klassischen Gemeindepfarramt – zu erwerben?

Dorothea Braeuer: Neben den Fortbildungen des Pastoralkollegs  gibt es im Raum der EKD diverse Fortbildungsangebote für die mittlere Ebene. Wir arbeiten seit einigen Jahren eng mit der Gemeindeakademie der bayrischen Landeskirche in Rummelsberg zusammen. Wenn sich jemand – ob Frau oder Mann – auf ein Leitungsamt vorbereiten möchte und hierzu durch den Kirchenkreis oder die Generalsuperintendenten empfohlen wird, trägt die Landeskirche die Kosten der Leitungsfortbildung. Ebenso für die Neuen, die gerade ein Superintendentenamt beginnen. Für die Frauen, die wir als Leitungspersönlichkeiten gewinnen wollen, könnte es aber noch mehr und spezifische Angebote geben. Was hier zu tun ist, werden wir nach der Veranstaltung auswerten und der Kirchenleitung vortragen.

 

Im Anschluss an die Veranstaltung hat Tanja Pilger-Janßen folgende Fragen an Oberkonsistorialrätin Braeuer gerichtet:

Tanja Pilger-Janßen: Welche Frauen haben an Ihrem Forum „Lust auf Leitung“ teilgenommen?

Dorothea Braeuer: Es kamen 140 Pfarrerinnen und ordinierte Gemeindepädagoginnen aus allen Altersgruppen, aus allen drei Sprengeln und aus Spezialpfarrämtern. Eine Pfarrerin reiste aus einer Auslandspfarrstelle aus Großbritannien an. Das sind knapp 37 Prozent aller Pfarrerinnen.

Tanja Pilger-Janßen: Welche Fragen standen Ihrer Wahrnehmung nach im Vordergrund bei der Veranstaltung?

Dorothea Braeuer: Soziologische Fragen nach der Akzeptanz weiblicher Leitung in der Gesellschaft, strukturell-kirchliche Fragen nach den Bedingungen, unter denen Frauen in unserer Kirche leiten, und persönliche Fragen, die sich mit dem eigenen Bild von Leitung in der jeweils konkreten Lebenssituation beschäftigten.

Tanja Pilger-Janßen: Wie hoch ist Ihrer Einschätzung nach die Lust bei den Teilnehmerinnen, ein höheres Leitungsamt anzustreben? Was schreckt ab?

Dorothea Braeuer: Die Lust auf Leitung ist bei den Frauen hoch. Sie sind gut ausgebildet, haben Leitungserfahrung im Pfarrdienst und wollen ihre Fähigkeiten einsetzen. Gleichzeitig hinterfragen die Frauen das Bild von Leitung, das sie derzeit erleben, kritisch. Die Frauen wünschen sich eine Kirche, in der Leitung durch Frauen selbstverständlich ist, die früh beginnt, Mädchen zu stärken und Frauen zu ermutigen und die durch weibliche Vorbilder leitet. Und sie wollen strukturelle Bedingungen, die zur Leitung anreizen, z.B. durch fachliche Begleitung und Fortbildungen, gemischte Teams, geteilte Leitung, geschwisterliche Solidarität, durch Transparenz und die Freiheit zum Querdenken, durch arbeitszeitliche Begrenzungen und familienfreundliche Strukturen. Aber auch durch überschaubare Leitungsausmaße und -belastungen und durch eine gute personelle, technische und mobile Ausstattung, insbesondere im Blick auf ein Leitungsamt in einem ländlichen Kirchenkreis. Weil seit vielen Jahren der Anteil der leitenden Frauen in der EKBO stagniert und eine reine „Männerwirtschaft“ abschreckt, wurde auch über die Notwendigkeit einer Quote nachgedacht. 

Tanja Pilger-Janßen: Welche Veränderungen stehen in Bezug auf die Leitungsfrage in unserer Kirche an oder ergeben sich in den nächsten zehn Jahren?

Dorothea Braeuer: Unsere Kirche hat sich bereits 2003 mit dem Gleichstellungsgesetz verpflichtet, die Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Leitprinzip zu berücksichtigen. Wir wollen eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in allen Ämtern unserer Kirche fördern, deshalb müssen wir in den kommenden Jahren eine besondere Aufmerksamkeit auf die mittlere und höhere Leitungsebene lenken, denn hier ist der weibliche Anteil auffällig unterrepräsentiert. Das Ziel in zehn Jahren ist 50 Prozent Frauenanteil in allen leitenden Ämtern unserer Kirche.   

Tanja Pilger-Janßen: Welche konkreten Aufgaben folgen für Sie jetzt?

Dorothea Braeuer: Der nächste Schritt wird der Vorschlag an die Kirchenleitung sein, ein Mentoring-Programm einzuführen. Alle leitenden Frauen wollen das unterstützen und ihre Erfahrungen weitergeben. Und ich werde als Personalreferentin weiterhin Frauen Mut machen, sich auf Leitungsstellen zu bewerben und sie begleiten. Ich werde weiter netzwerken, präsentieren und moderieren.  

Letzte Änderung am: 29.11.2017