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RSSPrint

Frauen in Führung

Tanja Pilger-Janßen

Lust auf Leitung – unter diesem Motto hat am 17. November ein Forum für ordinierte Pfarrerinnen und Gemeindepädagoginnen im Evangelischen Zentrum stattgefunden. 140 Frauen kamen – aus allen Generationen: von den frisch examinierten Vikarinnen und jungen Entsendungsdienstpfarrerinnen angefangen bis hin zu Frauen kurz vor dem Ruhestand, aus verschiedenen Gemeinden in Berlin oder den ländlichen Räumen, genauso wie aus diversen besonderen Beauftragungen. Es war bunt, abwechslungsreich, lebhaft – eine tolle Stimmung, die Schwung brachte in unsere Kirche.

Geboten wurde ein umfangreiches Programm: In ihrem Vortrag „Frauen führen“ sprach Professorin Jutta Allmendinger, Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Missstände in der Arbeitswelt an, die es Frauen erschweren, adäquate und den Männern gleichgestellte Arbeitsplätze zu erhalten. Zugleich plädierte sie dafür, dass es durchaus gelingen kann, Arbeitsbedingungen umzuorganisieren. Denn Frauen und Männer wollen heute nicht mehr so arbeiten und leben, wie ihre Eltern. Auch die Männer wollen nicht mehr so führen wie ihre Väter es ihnen vorgelebt haben. Das Bedürfnis nach mehr Zeit für Familie nimmt zu. Durch die Erwerbstätigkeit der Frauen ist das Arbeitsvolumen stark angestiegen; dies führe zu mehr qualifizierten Frauen und ermögliche weniger gestresste Männer am Arbeitsplatz und in Familien. Partnerschaftlichkeit sei gefordert, zudem eine Reduktion der Wochenarbeitszeit auf 32 Stunden für Männer und Frauen (im Mittel auf die Lebensarbeitszeit gerechnet). Wichtig wäre es jedoch, Frauen für Führungspositionen zu stärken, wozu Mentoringprogramme aber auch Quotenlösungen beitragen können. Zum Führungsstil von Frauen war ihre Meinung sehr deutlich: Sie führen genauso wie Männer, können  aber zudem auch gut zuhören und wahrnehmen.

Zu diesen Ausführungen gesellten sich Streiflichter aus verschiedenen Ebenen der Leitungserfahrung. In Workshops wurden einzelne Themenfelder vertieft: Mentoringprogramme, Vernetzung und Leitung, Neu-Sein im Leitungsamt, Balance aus Privatleben und Beruf, Macht, Freiheit und Verantwortung in der Leitung. Zu den Ergebnissen zählen u.a.: den Frauenanteil in Führungspositionen in den nächsten 10 Jahren auf 50 Prozent erhöhen, Tandems und Mentoringprogramme initiieren, stärkere Vernetzung untereinander, Teamleitungen ermöglichen, größere Transparenz bei Stellenbesetzungen. Intendiert ist eine Präsentation der Ergebnisse in der Kirchenleitung sowie die Einführung eines Mentoring-Programms für Frauen, so Dorothea Braeuer, die das Forum wesentlich koordiniert hat.

Bislang sind Frauen in Leitungsfunktionen auf mittlerer oder oberer Ebene in unserer Kirche selten: Derzeit gibt es fünf Superintendentinnen neben 21 männlichen Kollegen, an der Spitze unserer Kirche stehen drei Männer. Eine Ausnahme bilden die zwei Generalsuperintendentinnen neben ihrem einen Kollegen. Insgesamt arbeiten 925 Personen im ordinierten Dienst, davon 42 Prozent Frauen. Die Zahl des weiblichen pastoralen Nachwuchses nimmt stetig zu. Von daher ist es geboten, Frauen Lust auf Leitung zu machen, zur Vernetzung beizutragen und zur Leitungsverantwortung zu motivieren. Frauen wollen, so Dorothea Braeuer, gute strukturelle Bedingungen, die zur Leitung anreizen, die Möglichkeit geteilter Leitung sowie arbeitszeitliche Begrenzungen und familienfreundliche Strukturen durch überschaubare Leitungsausmaße.

Die Zahlen in der EKBO weichen nicht sonderlich vom Durchschnitt der EKD ab: 2009 waren 33 Prozent der Personen im ordinierten Dienst in der EKD Frauen. 2013 waren auf der mittleren Leitungsebene 21 Prozent der Führungskräfte weiblich. In Leitungsgremien auf gliedkirchlicher Ebene liegt die Prozentzahl wieder deutlich höher. Im EKD-weiten Durchschnitt ist der Frauenanteil im Superintendentenamt am niedrigsten.

Jüngst ist die Studie „Kirche in Vielfalt führen. Eine Kulturanalyse der mittleren Leitungsebene der evangelischen Kirche mit Kommentierungen“ gemeinsam vom Studienzentrum der EKD für Genderfragen und von der EKD herausgegeben worden. Sie wurde exemplarisch in fünf Landeskirchen durchgeführt, zu denen auch die EKBO zählt. Es ist intendiert, „vielfältige Leitung zu ermöglichen, ein attraktives Amt für weibliche und männliche Ephoren zu schaffen, die individuelle Gestaltungskompetenz und Selbstorganisation der Pfarrer/-innen zu fördern, Transparenz auf dem Weg in mittlere Leitungsämter zu stärken und bei alledem dem werte- und beteiligungsorientierten Wesen der evangelischen Kirche Rechnung tragen zu können.“ (Kirche in Vielfalt führen, Seite 17). Dazu bietet die Studie Querschnittsaufgaben, Handlungsempfehlungen sowie fachspezifische Kommentare (Seite 81ff.). Die EKD-Synode bittet in ihrem Beschluss vom 15.11.2017, die Ergebnisse und Empfehlungen der Studie in den Gliedkirchen zu beraten und Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Leitungsämtern und Familienverantwortung zu fördern.

Führung und Leitung kommen allerdings nicht nur im ordinierten Dienst in unserer Kirche zur Geltung. Zahlreiche Frauen führen und leiten in unserer Kirche, z.B. als Kantorin im Chor, als Leiterin in der Kita, als Küsterin im Gemeindebüro, als Assistentin der Geschäftsführung des Superintendenten, als Leiterin einer diakonischen Einrichtung oder als Vorsitzende im Gemeindekirchenrat. Unsere Landeskirche hat seit Oktober 2016 mit Kristian Gaiser einen Beauftragten für Gleichstellung, Chancengleichheit und Diversity, der mit 25 Prozent Dienstumfang die Aufgabe hat, die Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Bereichen unserer Kirche zu fördern. Grundlage seiner Arbeit ist das Gleichstellungsgesetz vom 15.11.2003. Herr Gaiser kümmert sich u.a. um die Weiterentwicklung von Home-Office-Regelungen, um Regelungen bei Erkrankung eines Kindes und um ein Kontakthalteprogramm während der Familienphase. Statistiken über die Zahl der Mitarbeiterinnen in unserer Kirche in den verschiedenen Aufgabengebieten liegen in der EKBO leider derzeit nicht vor. Der Grund dafür liegt darin, dass diese Zahlen an verschiedenen Orten (Gemeinden, Superintendenturen etc.) gesammelt, aber nirgends zentral gebündelt werden, so Kristian Gaiser. Tabea Langguth, Mitarbeiterin im Bereich Statistik, weiß lediglich zu berichten, dass sich Schätzungen zufolge im Jahr 2016 insgesamt 45.454 Menschen ehrenamtlich in unseren Kirchengemeinden engagieren, davon 31.006 Frauen.

Wird die Gemeindearbeit durch Ehrenamtliche und Pfarrpersonen zunehmend von Frauen gestaltet, so ist es dringend an der Zeit, dass in unserer Kirche Frauen in Führung gehen.

Die Studie „Kirche in Vielfalt führen“ finden Sie unter:
https://www.gender-ekd.de/download/Kirche%20in%20Vielfalt%20fuehren.pdf.

Den Text des Gleichstellungsgesetzes der EKBO finden Sie unter:
https://www.kirchenrecht-ekbo.de/document/248

Letzte Änderung am: 30.11.2017