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RSSPrint

Dorfkirche im August: Rossow

02.08.2017

Die Dorfkirche des Monats August 2017 steht in Rossow (Ostprignitz-Ruppin). Es ist das Kirchengebäude mit der wohl wertvollsten Ausstattung der Region.

Wer im 1907 erschienenen Inventarband „Die Kunstdenkmäler des Kreises Ostprignitz“ etwas über die Kirche in Rossow erfahren will, wird seltsamerweise nicht fündig. Auf Rosenwinkel folgt im alphabetischen Ortsverzeichnis Sadenbeck. Warum fehlt hier (und ebenso in anderen historischen Nachschlagewerken) das Kirchengebäude mit der wohl wertvollsten Ausstattung der Region und sogar jeder Hinweis auf den Ort Rossow selbst? Die Antwort lautet schlicht: Weil das Dorf damals noch zu Mecklenburg gehörte. Rossow und das benachbarte Netzeband bildeten bis 1937 mecklenburgische Exklaven zwischen Prignitz und der ehemaligen Grafschaft Ruppin, ein Umstand, der den Schmuggel zu einem lukrativen Geschäftszweig machte. Im benachbarten Fretzdorf erinnert bis heute ein ehemaliges Zollhäuschen an die territoriale Trennung. Kirchlich fanden die Rossower sogar erst 1964 in der brandenburgischen Landeskirche eine neue geistliche Heimat.

Die Rossower Kirche ist ein für die Region relativ spät entstandener rechteckiger Feldsteinsaal, errichtet zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Der durch Blenden zweizonig gegliederte Backsteingiebel im Osten bildet das einzige Schmuckelement am äußeren Baukörper. Erst 1682 entstand der westlich vorgelagerte hölzerne Glockenturm, nachdem 1648 der bisherige Turm eingestürzt war.

Der Innenraum überrascht durch großflächige und die Wandbereiche nahezu des gesamten Kirchenraumes ausfüllende Wandmalereien, die bereits zur Bauzeit der Rossower Kirche, um 1520, entstanden. Irgendwann nach der Reformation waren die „katholischen“ Darstellungen übertüncht und erst bei einer Renovierung im Jahr 1913 wiederentdeckt worden. Mit der kompletten Freilegung und der Restaurierung wurde jedoch erst in den 1960er Jahren begonnen. Neben einem umfangreichen Passionszyklus sind zahlreiche Heilige dargestellt. Auffällig ist, dass die weiblichen Heiligen die Nordwand des Gotteshauses schmücken, während die männlichen auf der Südwand abgebildet sind. Vermutlich hat dies mit der im Mittelalter üblichen Geschlechtertrennung in der Sitzordnung während der heiligen Messe zu tun.

Der nach Osten ausgerichtete Altarraum ist betont schlicht gehalten. Eine einfache hölzerne Tischplatte bedeckt den ursprünglichen steinernen Unterbau (Stipes). Zwischen Leuchtern steht ein kleines modernes Kruzifix. Umso überraschter ist der Betrachter, wenn er sich umwendet. Vor der Westwand steht ein mächtiger Schnitzaltar, den man in einer Dorfkirche so nicht erwartet und der auch nicht für die Rossower Kirche gefertigt wurde. Das laut dendrochronologischen Untersuchungen um 1320 entstandene Retabel war bis zur Reformation der Hochaltar der Havelberger Domes. Durch die Patronatsfamilie von Rohr soll das Kunstwerk im Jahr 1607 nach Rossow verbracht worden sein. Das Eichenholz für die Altartafel stammt aus den Wäldern der näheren Umgebung, was die Existenz einer lokalen Werkstatt nahelegt, die künstlerisch jedoch Einflüsse aus der Gegend um Köln empfing. Der in zwei Zonen gegliederte Hauptschrein zeigt im Mittelfeld unten eine Kreuzigungsszene und darüber eine Marienkrönung, eingerahmt von den Figuren der zwölf Apostel, die unter Spitzbogenarkaden stehen, von denen die oberen mit Wimpergen bekrönt sind. Der breite Rahmen ist aus ornamentiertem vergoldetem Zinn mit eingelassenen roten und blauen Glasflüssen in Kreis- und Rhombenformen. Die vorzügliche Malerei auf den Innenseiten der Altarflügel zeigt jeweils acht Heilige, in zwei Reihen übereinander angeordnet, ist leider jedoch nur noch in Fragmenten erhalten. Die Bemalung der Außenflügel wurde um 1400 erneuert und weist einen Einfluss aus der böhmischen Kulturlandschaft auf; zu sehen sind acht Szenen aus dem Leben Christi.

Seit vier Jahren dürfen die beiden historischen Bronzeglocken der Dorfkirche Rossow nicht mehr geläutet werden; der 335-jährige hölzerne Glockenturm weist erhebliche Bauschäden auf. Wenn die derzeit gestellten Förderanträge positiv beschieden werden, soll im kommenden Frühjahr die Sanierung des Turms begonnen werden. Im Dorf ist man optimistisch und hofft, im Folgejahr sogar die Instandsetzung des Kirchenschiffes in Angriff nehmen zu können. Vielleicht ist es ja dann auch möglich, an dem großartigen Schnitzaltar, dem größten Schatz der Rossower Kirche, Reinigungs- und Sicherungsarbeiten durchzuführen.

Im Herbst dieses Jahres erscheint im Berliner Lukas Verlag eine umfassende Publikation: „Der Havelberger Altar und die Wandmalereien in der Dorfkirche zu Rossow“. Unter der Herausgeberschaft von Wolf-Dietrich Meyer-Rath, Mitglied im Vorstand des Förderkreises Alte Kirchen und Regionalbetreuer für die Prignitz, widmen sich namhafte Historiker, Bauforscher, Kunsthistoriker und Restauratoren erstmals eingehend dem Retabel mit Blick auf Herkunft, Einordnung und Bedeutung. Zudem erfolgt eine umfassende baugeschichtliche Betrachtung der Rossower Kirche, die durch ihre Architektur und die fast vollständig mit biblischen Szenen bemalten Wänden eine Sonderstellung unter den Kirchen des ehemaligen Havelberger Bistums einnimmt. Bei Erscheinen des Buches werden wir Sie ausführlicher informieren!

Weitere Informationen: Nicole Rösler; Dorfstr. 15; Tel.: 033964-60875; www.kirche-rossow.de