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Der Andachtsraum im Ev. Zentrum. Foto: Annette Kaiser, EKBO

Der Andachtsraum im Ev. Zentrum. Foto: Annette Kaiser, EKBO

RSSPrint

Hexenverfolgungen - Eine Montagsandacht von Marion Gardei

Andacht im Evangelischen Zentrum am 13. März 2017

Wie sehen eigentlich Hexen aus? Das ist einfach, sagte das Kind und malte eine hässliche Frau mit Buckel, spitzem Kinn, langer Nase und warziger Haut. Im Märchen sehen sie so aus und da siegen immer die Guten gegen die böse Hexe. Das ist gesund für die kindliche Seele, sagen die Psychologen. Deshalb ist es richtig, wenn die böse Hexe bei Hänsel und Gretel zuletzt ins Feuer kommt. Da musste sie jämmerlich verbrennen, so hieß es in meinem Grimms Märchenbuch.

Jämmerlich verbrennen mussten leider auch viele Frauen und Männer, die im echten Leben als Hexen angeklagt und verurteilt wurden. Gestern haben wir in Bernau – nördlich von Berlin – im evangelischen Gottesdienst der Marienkirche an sie erinnert.

Hexenverfolgung und Hexenprozesse – ist das nicht ein Kapitel der Geschichte des finsteren Mittelalters und Teil der katholischen Inquisition? Hexenprozesse fanden tatsächlich erst in der frühen Neuzeit statt und wurden von der städtischen Gerichtsbarkeit durchgeführt, in katholischen wie protestantischen Gebieten. In der Zeit von 1450 bis 1782 starben in Europa als Hexen und Hexer verurteilt ca. 60 000 Menschen, davon ca. 25000 in Deutschland. Der 1. Höhepunkt dieser Verfolgungswelle fand im Jahr 1617 und jährt sich damit zum 400. Mal. In Bernau waren es 25 Frauen und 3 Männer, die wegen angeblicher Zauberei verfolgt, gequält und bei lebendigem Leib verbrannt wurden.In Bernau gibt es seit 12 Jahren ein Denkmal mit ihren Namen am Henkerhaus neben der Stadtmauer.

Wie sehen eigentlich Hexen aus? Es gibt ja keine Hexen, das waren Menschen wie Du und ich, also haben sie auch nicht besonders ausgesehen. So habe ich es gesagt auf einem Gesprächspodium in Bernau vor zwei Wochen, das die Ursachen der Hexenverfolgung untersuchen sollte: Versammelt waren da außer mir Historiker, Politiker und eine Feministin. Die widersprach mir sogleich: Betroffen seien vor allem besonders schöne, unangepasste Frauen gewesen, die die perverse Fantasie ihrer Folterer befriedigten. Und es gab doch diese weisen Frauen, die z.B. um die Heilkraft der Kräuter wussten, die irgendwie klüger, jedenfalls anders waren, deshalb wurden sie verfolgt.

In Bernau waren es Frauen und Männer jeden Alters, oft Kinder von vorher schon Verurteilten. Und ja: Oft dienten sie als Projektionsfiguren, die man verantwortlich machte für etwas Böses. In Zeiten von Naturkatastrophen oder Epedemien, wenn Ernten verdarben und Menschen Hunger litten, suchte man – damals wie heute – Sündenböcke: Zur Zeit der Hexenverfolgung gab es die „Kleine Eiszeit“ in der Region, man hatte nichts zu essen und die Pest ging um. Unter diesen Nöten schrumpfte die Mitmenschlichkeit.

Häufig wurden aber Menschen auch wegen des eigenen Vorteils denunziert: Jemand wollte den Acker des Nachbarn oder mochte seine Freundin nicht mehr – dann zeigte er eben den oder die als Hexe an. Wer deswegen einmal der Justiz in die Hände fiel, hatte keine Chance mehr – das bezeugen die Prozessakten. Das Gericht zielte einzig darauf, die Hexenanklage zu beweisen und Zeugen fanden sich immer, die im Zusammenhang mit der Angeklagten Merkwürdiges erlebt hatten. Unter der Folter „gesteht“ man sicher alles, nur damit es aufhört.

Die Hexenprozessakten bezeugen allerdings auch, dass Angeklagte trotz schlimmster Martern an ihrem Glauben an Gott bis zum letzten Atemzug festhielten. Vielleicht ist das am Schwierigsten: Stand zu halten im Glauben, wenn man von denen angeklagt wird, die diesen Glauben offiziell vertreten.

Ihre Kirche hat sie fallen lassen, ja, die Hexenverfolgung angeregt oder zumindest doch für Rechtens gehalten, nicht nur die katholische. „Ich will der Erste sein, der Feuer an sie legt“, Martin Luther war fest davon überzeugt, dass es Hexen gibt und dass sie durch ihre Zauberei Schäden an Mensch, Vieh und Ernte anrichten. Darin war er ganz Kind seiner Zeit: Selbst Paracelsus, der Erfinder der modernen Medizin, oder Melanchthon, der gebildete „Lehrer Deutschlands“: Luthers Zeitgenossen glaubten alle an Hexen und wollten ihre Bestrafung. In einer von vielen aggressiven Predigten in Wittenberg forderte Luther fünfmal die Tötung von Hexen. „Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden.“ Zwar hat Luther nicht geglaubt, dass es Hexensabbate gibt, dass Hexen dahin auf dem Besen reiten könnten und also – wäre man nach ihm verfahren – konnten auch keine Aussagen über Mit-Hexen bei ihren Treffen geglaubt werden. Hätte man sich daran im Gericht gehalten, dann hätte es zumindest keine Massenverfolgungen gegeben, die sich durch die Nennung anderer „Mit-Hexen“ unter der Folter ergaben. Trotzdem: An Luthers Hassreden gegen Hexen ist nichts zu beschönigen.

Jedoch wurden Hexenprozesse ausschließlich vor weltlichen Gerichten geführt. Ihre Richter wussten genau, wie Hexen aussehen. Die Urteile hatten meist Schöffenstühle von Universitäten gefällt. Deshalb gibt es jetzt in der Bernauer Stadtverordnetenversammlung den Antrag der Partei „Die Linke“, die dort als Hexen verurteilten wenigstens symbolisch zu rehabilitieren. Die ist in Bernau übrigens nicht kirchenfeindlich, einzelne sogar in der Kirchengemeinde engagiert, öfter und auch gestern einschließlich Bürgermeister im Gottesdienst. So kommt es, dass Teile der wirklich bewegenden und klugen Predigt gestern von Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein in der nächsten Sitzung der Bernauer Stadtverordnetenversammlung als Unterstützung für diesen Antrag vorgetragen werden, um symbolisch die als Hexen verurteilten Bernauerinnen und Bernauer wieder zu rehabilitieren. Man rechnet mit politischem Widerstand zumindest einer anderen Fraktion. Die sagen: Das ist so lange her, verrückt das wieder vorzuholen. Wir haben andere Sorgen.

Ja, so kann man denken: Wir haben andere Sorgen. Haben wir. Aber Diskriminierung als Folge von Vorurteilen haben wir auch. Heute noch. Es ist sogar höchst aktuell, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder einfach wegen ihres Fremdseins vorverurteilt und zu Sündenböcken gestempelt werden. Und so existentiell bedroht sind. Keiner von uns ist frei von Vorurteilen. Kennen Sie die Geschichte vom Axtdieb:
Ein Mann hatte seine Axt verloren und vermutete, der Sohn der Nachbarin hätte ihn gestohlen. Er beobachtete ihn genau: Sein Gang, sein Blick, war ganz der eines Axtdiebes. Alles was er tat sah nach einem Axtdieb aus. Einige Zeit später fand der Mann seine Axt unter einem Holzstapel wieder, er hatte sie verlegt. Am nächsten Tag sah er den Sohn der Nachbarin: Sein Gang war nicht der eines Axtdiebes, auch sein Blick war nicht der eines Axtdiebes.

„Du sollst dir kein Bildnis machen“, sagt das 2. Gebot. Kein Bildnis von dem, was über oder auf oder unter der Erde ist. Bete sie nicht an, deine Bildnisse, deine Welt-Bilder. Werde nicht Gefangener deiner eigenen Bilder, die du dir gemacht hast von Gott und der welt und deinem Mitmenschen.

In einer Zeit, wo bestimmte Menschengruppen immer noch mit Vorurteilen belegt, ausgegrenzt und auch verfolgt werden, ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen, gegen Vorverurteilungen. Das haben wir im Gottesdienst gestern versucht, die Namen der als Hexen Verurteilten genannt und in Bezug auf sie bekannt:
„Sie alle waren keine Hexen, sondern sie sind unsere Schwestern und Brüder. Wir beklagen und bekennen das Unrecht, das ihnen geschehen ist. Sie sind unschuldig verfolgt worden. Sie gehören zur Gemeinschaft der Heiligen. Ihr Name wurde mit Füßen getreten, ihre Körper geschunden, ihre Leiber verbrannt, ein christliches Begräbnis wurde ihnen verwehrt, ihre Asche wurde in alle Winde verstreut. Deswegen heben wir ihr Andenken aus der Asche auf. Deswegen nehmen wir sie wieder in unserer christlichen Mitte auf.“

Letzte Änderung am: 16.10.2017