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Der Andachtsraum im Ev. Zentrum. Foto: Annette Kaiser, EKBO

Der Andachtsraum im Ev. Zentrum. Foto: Annette Kaiser, EKBO

RSSPrint

Der Bonhoeffer Äthiopiens - Eine Montagsandacht von Reinhard Kees

Andacht im Evangelischen Zentrum am 13. März 2017

Johannes 12

 

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

25 Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's bewahren zum ewigen Leben.

26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

 

Liebe Hausgemeinde,

 

Auch wenn der Wochenspruch vom Weizenkorn in den Zusammenhang der Passion Christi gestellt ist, sind die anschließenden Verse im Evangelium dieses Sonntags doch so allgemein formuliert, dass sie alle Martyrien der folgenden Christengenerationen mit einschließen. Ja sogar darauf hinweisen.

In der Alten Kirche hieß es immer: Das Blut der Märtyrer ist der Same für die nächste Generation von Christen. Ich möchte das zum Anlass nehmen, heute an einen Menschen zu erinnern, der sein Leben "hintangestellt" hat - Luther übersetzt wer sein Leben "hasst", der es hingegeben hat, in der Gewißheit dass Gott der Herr Sonne und Schild ist. Einen Menschen, der es wert ist, nicht vergessen zu werden, den man durchaus mit den Worten des Psalms preisen kann. Wohl denen, die sich zu Dir halten, die dich für ihre Stärke halten.

 

Er wird gern der Bonhoeffer Äthiopiens genannt. Ich spreche von Gudina Tumsa. Er war von 1966 bis zu seiner Ermordung durch die sozialistische Militärdiktatur im Juli 1979 Generalsekretär der Generalsekretär der Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus. Er hat die Kirche in ihrer ganzheitlichen Ausrichtung auf Verkündigung und Entwicklung, die Sorge für Seele und Leib gleichermaßen, maßgeblich geprägt.

In den Sechziger/Siebziger Jahren, in denen die westlichen Kirchen viel staatliches Geld zur Verfügung bekamen, um ihre Partnerkirchen in der Entwicklungsarbeit zu unterstützen, hat sich Gudina Tumsa der lutherischen Weltgemeinschaft ins Gedächtnis eingeschrieben. Damals- wie heute -  waren die Regeln sehr streng, was unterstützt werden durfte und was nicht: Krankenhäuser, Schulen, Waisenhäuser, ja, Kirchen nein.

Ausbildung von Lehrern und Ärzten ja, Ausbildung von Theologen, Pfarren und Führungskräften für die Kirche; Nein!

Mehrzweckhallen, die waren erlaubt, aber sobald dort ein Kreuz aufgehängt wurde, war es schon wieder gegen die Förderbestimmungen.

1971 verabschiedete die Mekane Yesus Kirche eine Resolution an den LWB, mit der Bitte auf die Geberorganisationen einzuwirken, dass eben auch die Gemeindearbeit, die Ausbildung von Theologen und der Bau von Kirchen unterstützt werden.

Eine kleine junge Kirche in einem der ärmsten Länder dieses Globus legte der Lutherischen Weltgemeinschaft mit vielen Bibelzitaten dar, dass im Sinne Gottes Verkündigung und Entwicklung, Sorge für die Seele und Sorge für den Leib nicht auseinandergerissen werden dürfen. Das brachte Gudina Tumsa, den Verfasser dieser Resolution, in der Welt große Achtung ein.

Gudina Tumsa sah das Elend der Bevölkerung Äthiopiens, die unter dem feudalen System des äthiopischen Kaiserreiches litt. Er sympathisierte mit denen, die eine Landreform anstrebten.

Dann kamen 1974 der Sturz des Kaisers und die ersehnte Bodenreform. Gudina Tumsa sah dies zunächst als Chance für Gerechtigkeit für die Armen und ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Völker Äthiopiens.

Das war eine spannenden Zeit in Äthiopien: Kirche und Sozialismus - wie verhalten sie sich zu einander? Für Gudina Tumsa war klar: Das Leben des Christen ist politisch. Es kann gar nicht unpolitisch sein:

Er schrieb sogar: "Ein un-politisches Leben ist nicht wert, gelebt zu werden. Sich nicht zu engagieren ist eine Leugnung der guten Schöpfung Gottes und der Wirklichkeit der Inkarnation... Politik entscheidet, wer sterben und wer leben soll. Afrikanische Theologie sollte eine politische Theologie entwickeln."

Wie wahr diese Sätze wurden, zeigte sich später, als Mengistu Haile Mariam sich an die Spitze putschte und der Rote Terror begann. Fortan verfolgte die sozialistische amharisch dominierte Militärdiktatur alle, die eine andere Vision für die Gesellschaft hatten, als der DERG - der sozialistische Rat – man könnte aus Sowjet übersetzen. Auch für alle die wurde es gefährlich, die für ihre Völker Gleichheit und Freiheit anstrebten. Die Schergen der amharischen Diktatur zogen durch die Dörfer und Häuser und verschleppten Tausende Menschen. Die Leichen der Ermordeten ließ man tagelang zur Abschreckung auf den Straßen liegen.

Und da kamen die evangelische Kirche und speziell Gudina Tumsa eben auch in den Focus des Geheimdienstes.

Gudina hatte öffentlich den Atheismus und Materialismus der Marxisten als unwissenschaftlich und der Ganzheit des Menschen nicht angemessen kritisiert. Seine Theologie der Befreiung wies den Totalanspruch der Marxisten zurück:

Zitat: "Das Evangelium von Jesus Christus ist Gottes Macht, die jeden rettet, der daran glaubt. Sie rettet aus ewiger Verdammnis, aus wirtschaftlicher Ausbeutung, aus politischer Unterdrückung... Das Evangelium von Jesus Christus kann niemals ersetzt werden durch irgendeine Ideologie, die die Menschen erfunden haben." So Gudina Tumsa im sogenannten Memorandum an seine Kirche 1975.

Zweimal wurde er verhaftet. Beim zweiten Mal setze sich ein tansanischer Bischof bei Julius Nyerere, dem damaligen tansanischen Präsidenten, für Gudina ein. Letzterer verhandelte mit seinem äthiopischen Amtskollegen Mengistu. Man ließ Gudina frei. Im Hause des deutschen Pfarrers von Addis erfuhr er, das eine vom Tansanischen Präsidenten geschickte Maschine bereitsteht, ihn und seine Familie außer Landes nach Tansania zu fliegen.

"Wie kann ich mein Land und meine Kirche verlassen. Ich muss in dieser schwierigen Zeit bei meiner Herde bleiben." wies Gudina das Ansinnen zurück.

Wenige Tage später wurde Gudina Tumsa zum dritten Mal verhaftet. Auch seine Ehefrau Tsehai Tolessa wurde inhaftiert. Jahrzehnte blieb sein Schicksal ungewiss. War er ermordet worden? Saß er irgendwo im Gefängnis? War es außer Landes verschleppt worden? Das Berliner Missionswerk hatte von Gudina den Auftrag bekommen: "Wenn wir nicht mehr schreien können, dann schreit ihr für uns!" So Gudina zu Gunnar Hasselblatt, der damals das HvA-Referat innehatte.

Bischof Martin Kruse hat sich damals mehrfach in der Öffentlichkeit für Gudina Tumsa eingesetzt. .

Erst später, als die DERG-Diktatur mit militärischer Gewalt fortgefegt worden war, erfuhr die Welt, dass Gudinas Leiche wenige Tage nach seiner Verhaftung im Garten des Präsidentenpalastes verscharrt worden war. Bei der feierlichen Beisetzung seiner Gebeine haben seine Kinder und die weltweiten Partner - u.a. auch das Berliner Missionswerk - die Gudina Tumsa Stiftung gegründet, die sich im Sinne Gudinas um Verkündigung und Entwicklung in Äthiopien kümmert. Sie publiziert mit Hilfe des Berliner Missionswerkes die Werke Gudinas und hilft marginalisierten Bauern eine nachhaltige Landwirtschaft aufzubauen.

Lensa Gudina, Gudinas jüngste Tochter, die heute mit ihrer Schwester zusammen die Gudina Tumsa Foundation leitet, hat 2011 bei einer von mir organisierten internationalen Gudina-Tumsa-Konferenz in Iringa, Tansania, die auch Bischof Dröge und Roland Herpich mit eröffnet haben, ihre letzte Begegnung mit ihrem Vater beschrieben, woraus ich abschließend zitiere:

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir…“ (Psalm 23,4)

Es war Samstag, der 28. Juli 1979. Mein Vater war zu Hause in seinem Arbeitszimmer und war  gerade dabei, die Predigt „Vom Preis der Nachfolge“ zu schreiben. Er bat mich in sein Zimmer: „Meinst du, du wirst noch einmal verhaftet?“ fragte er mich. Ich fand die Frage unnütz und wunderte mich, warum er mich das fragte. Er stellte sie mir ja gerade einmal drei Wochen nach unserer Freilassung. Mein Vater und ich waren nämlich verhaftet worden. Man hatte uns in eines der großen Gefängniszentren gebracht, die die marxistische Militärregierung überall in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba eingerichtet hatte. Meinem Vater hatte man vorgeworfen, ein Konterrevolutionär und politischer Agent zu sein. Mich hatten sie als Pfand genommen: Sie drohten mir damit, mich vor den Augen meines Vaters zu foltern, wenn er nicht einlenke und mit ihnen zusammenarbeite. Das Militär wollte, dass er durch Europa reist und über die Medien bezeugt, dass es in Äthiopien keinerlei Verfolgung der Religionen gebe. Seine Antwort schockte sie. Wenn sie seine Frau oder seine Tochter foltern, mache das keinen Unterschied, er könne nur die Wahrheit sagen. Das Militär schlug ihn, folterte ihn, sie stellten ihn an die Wand, als wollten sie ihn erschießen. Aber er blieb standhaft, er könne nur die Wahrheit sagen.

Ich habe mich oft gewundert, wie er das geschafft hat, angesichts des Todes so unerschrocken zu bleiben. Einige Monate zuvor hatte er sich für zwei Wochen zurückgezogen. Er wollte Klarheit gewinnen, wie er die Kirche in diesen schwierigen Zeiten leiten solle. Es entstand in dieser Klausur ein Text, den einer seiner damaligen Kollegen, Pfarrer Paul E. Hoffman, als „seinen letzten Willen“, als „sein Testament“ bezeichnet hat. Es war ein Bekenntnis zur Treue zu seiner Kirche und zu allen Christen, die in Äthiopien unter der Diktatur dieser atheistischen Regierung leben mussten. Er lebte leider nicht mehr lange genug, um dieses Dokument der Generalsynode der Mekane-Yesus-Kirche zu präsentieren. Der Titel war „Die Rolle eines Christen in einer gegebenen Gesellschaft“.

Heute finde ich sein couragiertes Eintreten schlüssig, es ist angelegt in diesem Papier, das er in lebensbedrohlicher Situation geschrieben hat. Dort heiß es:

Das Größte, was der Tod bedeuten kann: er kann ein Sprungbett für den Christen sein, zur Fülle des Lebens zu gelangen.

Mein Vater liebte das Leben, er liebte seine Familie, er liebte den Pfarrdienst, er liebte es, auf Erden dem Herrn zu dienen; aber ganz klar war auch: er hatte keine Angst vor dem Tod.

Die Ideen Dietrich Bonhoeffers wiederholend, des deutschen Theologen und Märtyrer, der von den Nazis umgebracht wurde, schrieb er:

Wenn ein Mensch in die Nachfolge Christi gerufen wird, dann erreicht diesen Menschen der Ruf zu sterben (...) , seinen eigenen Wünschen und persönlichen Vorlieben zu sterben und die größte Befriedigung darin zu finden, für denjenigen zu leben und ihm zu dienen, der für uns starb. (Die Rolle eines Christen in einer gegebenen Gesellschaft, 1979, in: Witness and Discipleship, S. 11 )

Mein Vater hat immer gebetet. Im Gebet praktizierte er dieses „Sich-selbst-absterben“ und er erfuhr Gottes Gegenwart und Führung.  Er liebte es, dem Herrn zu dienen – man konnte ihn davon nicht abhalten. Ich spüre einen großen Trost bei dem Gedanken, dass er den Herrn so gut kannte, als er all die schrecklichen Prüfungen erdulden musste.

Mit Galater 2,13 schrieb er: „Das Leben, das die Gläubigen führen, ist ein Leben aus dem Glauben, und der auferstandene Herr lebt in ihnen.“ Und dann fügte er hinzu:

Das Leben aus dem Glauben ist ein Leben, das freigemacht ist von der Macht der Sünde. Das zu zerstören, hat der Tod keine Macht, denn dieses Leben hat seine Quelle in der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Sein  Auferstehungsleben ist im Leben der Gläubigen am Werke. (ebd.)

Aber an jenem Samstagabend im Jahr 1979 war ich noch ein Teenager mit nur ganz wenig Verständnis von solchen theologischen Dingen.  Ich wusste von unseren Gebeten in der Familie, auch von seinen Unterhaltungen mit Freunden und auch von den Predigten, dass „Leben und Sterben für Christus“ damals eines der wichtigsten Themen für ihn war. Aber es war mir ein Rätsel, warum er mich damals in sein Arbeitszimmer gebeten hatte und mir diese mich ganz und gar verwirrende Frage stellte. Ich antwortete:  „Nein, niemals werde ich wieder ins Gefängnis gehen.“ Und dann fragte ich ihn:  „Aber was meinst du? Wirst du noch einmal verhaftet?“ Tief in mir hatte ich die Hoffnung, er würden jetzt sagen: „Nein, niemals wieder!“ Aber zu meiner großen Enttäuschung sagte er: „Ich weiß es nicht. Ich bin nicht sicher.“

Wir singen

 

Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Letzte Änderung am: 16.10.2017