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Montagsandachten im Evangelischen Zentrum

Der Andachtsraum im Ev. Zentrum. Foto: Annette Kaiser, EKBO

Der Andachtsraum im Ev. Zentrum. Foto: Annette Kaiser, EKBO

RSSPrint

Alles gut!? – Ein Auftakt zur Fastenzeit von Barbara Manterfeld-Wormit

Barbara Manterfeld-Wormit, Leiterin des Ev. Rundfunkdienstes.

Andacht im Evangelischen Zentrum am 27. Februar 2017

Alles gut? Ja, alles gut - heute noch und morgen noch. Eh der Spaß erst mal vorbei ist. Aschermittwoch - Fastenzeit. Sieben Wochen ohne sofort und für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit. Da wird dann der Finger darauf gelegt, was nicht gut ist. Aber jetzt noch: Alles gut. Alles gut auch bei Maria, die setzte sich dem Herrn zu Füßen, als er zu Besuch kam. Saß einfach da und hörte ihm zu - ganz entspannt, war ja alles gut.

Alles gut! Das ist eine beliebte Redewendung. Kein Tag vergeht, ohne dass ich sie höre oder selber verwende. Alles gut - wenn man beim Aufstehen in der S-Bahn versehentlich den Sitznachbarn streift. Alles gut, wenn man sich verspätet. Alles gut, wenn man gefragt wird, wie es denn gerade so geht. Alles gut? Eigentlich sollte ich mich darüber freuen, nicht kritisch den Finger drauflegen, wie wir das als Kirche ja oft tun. Sind eben mehr die Aschermittwochstypen als das Funkenmariechen. Dabei ist es doch schön, wenn alles gut ist, wenn mal nix ist, wenn man nicht meckern kann.

Aber schon mal darauf geachtet, wie wir aussehen, wenn wir das sagen? Und wie wir das sagen. Gar nicht fröhlich, eher so gehetzt und leicht angespannt. Wie ein gesprochenes vom Tisch gewischt: Alles gut. Der Blick huscht weg und hält nicht stand. Das Wort offenbart sich als Teflonschicht. Mein Mann hat mich entlarvt. Er kennt mich gut. Versteht auch die Fremdsprachen, die ich spreche.

Alles gut - das bedeutet: Nix ist gut - das heißt so viel wie: Und lass mich jetzt bloß in Ruhe. Alles gut - das bedeutet in der S-Bahn: Bitte bloß keinen weiteren Kontakt aufnehmen. Alles gut - das ist die Formel der Unberührbaren. Kein Wunder, dass wir sie erfunden haben in dieser Zeit, wo einen so viel berührt, dass man es nicht aushalten kann! Wer in dieser Stadt lebt, der muss sich schützen, der braucht die Teflonschicht, an der Vieles einfach abperlt an Lärm und aufgenötigten Handygesprächen, an bettelnden Kindern aus Rumänien oder Heinz mit der MOZ, an Flüchtlingsströmen und grellen politischen Parolen.

Einfach wegwischen mit diesem Alles gut! Eine Redewendung wie eine Droge, weil eben nicht alles gut ist. Weil der Rempler in der Bahn tatsächlich wehgetan hat und man sich blöd gefühlt hat und einsam beim Warten so lange alleine an der Bar, weil nichts gut ist beim Jubel der Afrikaner, die es über die Grenze in Ceuta geschafft haben und sich wie wahnsinnig freuen. Nichts ist doch gut, wenn Halbwüchsige alleine auf die Flucht gehen - ohne Eltern, ohne Familie. Ihr Leben riskieren für ein Leben in Europa, einem Land, das einem fremd ist und in dem man als Fremder gilt.

Alles gut - das ist ein Pflaster, das ist Ohropax, das ist der kleine Schutzwall, weil der Tag in Wirklichkeit richtig schlecht war von Anfang bis zum Ende. Ein Wort noch und mir kommen die Tränen. Nur darum sage ich so wie viele es sagen: Alles gut.

Am Mittwoch aber ist es vorbei mit diesem "Alles gut!" - Weil ab Aschermittwoch die Karten auf den Tisch kommen und die Masken runter. Entlarvung sozusagen. Da bringt uns der Predigttext vom letzten Sonntag vor Beginn der Passionszeit schon mal auf die Spur: Nichts ist gut! Martha traut sich, das zu sagen. Zuviel ist ihr alles: Das Kochen und Putzen und Gastgeberin sein und selber zu nichts kommen, am wenigsten zu Jesus. Und da will sie doch hin. Weil sie spürt: Da ist das Leben! Aber was ihr am meisten zu viel ist, ist die Schwester. Maria schon wieder. Diese zur Schau gestellte lässige Haltung. Dieses entspannte "alles gut" auf ihre Kosten - denn nix wäre doch gut, wenn Martha nicht gewirbelt hätte bis zum Umfallen.

Also sagt Martha endlich, was ist. Sagt es indirekt, verklausuliert zwar, aber immerhin, sagt es Jesus: "Fragst du nicht danach, dass meine Schwester mich alleine dienen lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!"Der nächste Schritt wäre die klare Ich-Botschaft direkt an Marias Adresse: Ich fühle mich wie dein Putzlappen. Ich sehne mich nach Anerkennung. Du siehst mich nicht, meine Schwester!

In der Passionszeit dürfen wir das üben. Hinhören, hinsehen, auch wenn`s wehtut und dafür Worte finden, damit sich etwas ändern kann. Es den Schwestern und Brüdern, den kleinen und großen sagen. Darauf vertrauen, dass Jesus danach fragt, es wissen will, ob tatsächlich alles gut ist.Es geht in der Fastenzeit nicht in erster Linie an unsere Fettschichten - es geht an die Teflonschicht, die uns umgibt, die nix von draußen durchlässt und nix von drinnen nach draußen. Ein Gefühl dafür zu kriegen, was nicht gut ist inunserem Leben. Ein Gefühl dafür zu bekommen, dass es aber gut werden kann und v.a. wie!

Martha macht zaghafte Schritte auf diesem Weg. Katharina am vergangenen Mittwoch in der ARD auch: Katharina Luther, die mit ihren Mitschwestern bei Nacht und Nebel aus dem Kloster Nimbschen flieht. Als die Sonne aufgeht, hält das Pferdefuhrwerk kurz an. Die jungen Frauen klettern herunter, blinzeln ins Licht, sehen die Weite des Landes - stehen zum ersten Mal nach Jahren jenseits der Klostermauern. Und Katharina hebt ihre schwere Ordenstracht, zieht Schuhe und Strümpfe aus, setzt zaghaft einen Fuß nach dem andern in`s feuchte Gras.Ein schönes Bild für Reformation - für Erneuerung. "Ich will das ganze Leben!" Als Trailer kam diese Botschaft tagelang immer wieder im Ersten. Soviel besser als der O-Ton aus der Folgereportage "Deutschland will den deutschen Schlager": Katharina will das ganze Leben. Weil sie ein Gefühl bekommen hat für das, was nicht gut daran ist, was ihr fehlt. Und dem geht sie nun nach, findet Worte dafür, sagt laut, wo ihr das Leben weht tut und wo es sie einengt, bringt auf den Punkt, was sie nicht will und handelt danach, auch wenn es wehtut. Am Ende erinnert sie ihren Mann, den Reformator, daran: "Wir wollten das ganze Leben!" Als ihr gemeinsames Kind stirbt und beide daran zu zerbrechen drohen.

Alles gut? Die Passionszeit sagt nein! Zu unserem ganzen Leben gehört es, dass nicht alles gut ist. Und dass wir trotzdem daran glauben und danach handeln, dass es gut werden kann, weil Jesus selbst das ganze Leben ist.

Amen.

Letzte Änderung am: 16.10.2017