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Montagsandachten im Evangelischen Zentrum

Der Andachtsraum im Ev. Zentrum. Foto: Annette Kaiser, EKBO

Der Andachtsraum im Ev. Zentrum. Foto: Annette Kaiser, EKBO

RSSPrint

Sende mich! – über Großes Kino und kleine Boten

(1)  Manchmal braucht es etwas ganz Großes. Da reicht nicht einmal oder zweimal – nein dreimal! Manchmal muss es groß und gewaltig zugehen – wie bei der Thronvision Jesajas (Kap. 6):

In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch. Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei. Und ich hörte die Stimme des HERRN, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!

Ganz großes Kino: Der ganze Saum erfüllt den Tempel. Engel mit sechs Flügeln. Überall Rauch. Und Gesang: Nicht einmal – dreimal: Heilig, heilig, heilig!

Nicht ein bisschen Gott in dieser Welt, zuhause im stillen Kämmerlein, nicht versteckt im Eckchen – nein überall: überbordend, überfließend: Alle Lande sind seiner Ehre voll!

(2)  Das klingt nicht bloß nach einer Thronvision, das ist auch eine Trotzvision!

Aus der Zeit gefallen, gegen den Trend geglaubt, dem Zeitgeist entgegen. Und so war es bei Jesaja ganz offensichtlich auch: Es braucht ja keinen Boten, keine Sendung, wenn die Botschaft bereits angekommen ist beim Empfänger. Und schon sind wir im heute angekommen: Der Kirchentag war ja nicht nur ein großes Glaubensfest, sondern auch eine Trotzvision. „Gigantomanie“ ätzte eine Moderatorin gegen das Großereignis Wittenberger Abschlussgottesdienst. „Die Glocke läuten nicht mehr“ titelte der Berliner Tagesspiegel genauso trotzig, während zeitgleich Menschen Schlange standen vor den Kirchen und Hallen wegen Überfüllung schließen mussten bei der Bibelarbeit.

Ja, es braucht manchmal den Trotz einer Thronvision! Das dachte ich gestern in der Strausberger Marienkirche. Von dort übertrugen wir einen rbb-Gottesdienst im Radio. Heilig, heilig, heilig stand auf dem Kanzelumlauf – darüber schwebend über dem Prediger ein Bild vom Heiligen Geist. Da stand er, tapfer predigend von der Thronvision Jesajas in der 800 Jahre alten Kirche. Trotzig da, wo zu DDR-Zeiten die Oberen des Militärs residierten und intrigierten. Da, wo die Zahl der Christen heute noch unter dem Brandenburger Durchschnitt liegt.

Da predigt der Pfarrer schwebend und trotzig von der Herrschaft Gottes in der Welt: Alle Lande sind seiner Ehre voll!

(3)  Da steht und schwebt er: Ein kleiner Bote Gottes in dieser Welt. Gesendet wie wir auch!

Ich bin mir sicher – er wie wir fühlen uns manchmal wie Jesaja damals: klein und schwach und sündig – der Aufgabe eben nicht wirklich gewachsen. Enttäuscht oft von einem glaubensfeindlichen Umfeld. Wütend und verlassen manchmal, weil da eben keiner mit einstimmt, wenn man zaghaft und leise das dreimal Heilig anstimmt.

Hand auf`s Herz: Es ist nicht immer einfach das Bote sein! Manchmal mag man in der Deckung verschwinden, sie lieber zurücknehmen, diese vollmundige Bereitschaft: Hier bin ich. Sende mich!

Weil der Zeitgeist ein anderer ist. Weil ein Berliner Kultursenator kein Kuppelkreuz auf dem Humboldtforum fordert. Und der Bundesinnenminister bloß halbherzig eins will – aber nicht weil er Christ sei… Weil die Glocken – angeblich – nicht mehr läuten in Berlin und Brandenburg und die Kirchenbänke vielerorts immer leerer werden.

Aber auch, weil es im Privaten immer anstrengender wird, Botin zu sein. Wenn bei der Hochzeitsfeier einer Freundin weit nach Mitternacht der Brautvater mich in ein Gespräch über Hexenverfolgung und Kreuzzüge verwickeln will und ich nicht alleine und nicht wieder kämpfen und verteidigen will.

Weil es schmerzt, wenn ein naher Verwandter gesteht, dass er schon lange keinen Trost mehr in der Kirche findet. Und dann alle enttäuschten Erwartungen aufzählt.

Dann will ich Sendepause haben. Und spüre doch, dass es wichtig wäre, sich nicht zurückzuziehen, sondern im Gespräch zu bleiben, zu sagen und zu zeigen: Hier bin ich!

(4)  Um dafür die nötige Kraft zu haben und zu behalten, braucht es hin und wieder etwas Größeres: einen Kirchentag, eine Thronvision und immer wieder auch eine gehörige Portion Trotz - und am Ende noch etwas:                 

Der Pfarrer aus Strausberg stellte in seiner Predigt dem Bild der Berufung Jesajas ein anderes gegenüber: Das der Erschaffung Adams aus der Sixtinischen Kapelle in Rom. Er interpretierte es als Zeichen menschlichen Angewiesenseins auf Gottes Kraft, die in uns wirkt.

Für mich zeugt dieses Fresko Michelangelos vor allem von einer großen Lässigkeit: Adam liegt einfach da, schwebend, nichts tuend, abwartend - bis ihn der berühmte Finger Gottes berührt. Auch das gehört zum Botesein, gehört zur Sendung als Christ in die Welt: eine gute Portion Lässigkeit, denn an meiner Sendung allein liegt es nicht. Immer ist da schon das ganz Große – auch wenn rund herum ein anderer Zeitgeist weht: Alle Lande sind seiner Ehre voll!

So gebe Gott uns Boten beides: Trotz und Lässigkeit. Amen.