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Wie ich Nordkoreaner traf

Foto: privat

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Dieser Artikel ist als Originalbeitrag in der evangelischen Wochenzeitung "die Kirche" erschienen. Mit freundlicher Genehmigung veröffentlichen wir den Text auf www.ekbo.de 


Der Welt­kirchenrat und die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen haben zu Gebeten für eine friedliche Wieder­vereinigung der koreanischen Halbinsel aufgerufen. Am 13. August sollten Kirchen überall auf der Welt einen Gebetssonntag für Nord- und Südkorea begehen. Pfarrer Daniel Jung engagiert sich für den Dialog mit nordkoreanischen Geistlichen.

Von Daniel Jung

Als ich mich 2012 für ein Jahr nach Seoul in Südkorea aufmachte, um dort mein Auslandsvikariat zu beginnen, hegte ich die Hoffnung, Menschen aus Nordkorea zu treffen. So richtig. Echte Menschen aus Fleisch und Blut, denen man die Hand schütteln und mit denen man ein Bier zusammen trinken kann. Ich hatte das Gefühl, dass wir nichts über die Menschen auf dem nördlichen Teil der koreanischen Halb­insel wissen. Die Abschottung der Diktatur und die Sanktionen des Westens erzeugen bei uns ein Feindbild, das ich ablehnte.

Für mein Vikariat ging ich zum Nationalen Rat der Kirchen in Korea (NCCK). Dieser Verband, der zu meinem Einsatzort wurde, gehört zu den Organisationen in Südkorea, die sich am stärksten für Frieden und Versöhnung auf der koreanischen Halbinsel engagieren.

Rückblickend betrachtet war der Wunsch nach einer Begegnung mit Nordkoreanern wohl ein wenig utopisch. Denn Südkorea ist der unwahrscheinlichste Ort, um Menschen aus Nordkorea zu treffen. Da wäre es einfacher gewesen, mit einem Touristen-Visum direkt nach Nordkorea zu fliegen. Ich bin das Kind südkoreanischer Eltern, und für Südkoreaner ist es so gut wie unmöglich, nach Nordkorea zu kommen. Aber ich habe einen deutschen Pass, und da ist die Einreise eher eine Formalität. 

Doch ich blieb für mein Vikariat zunächst ein Jahr lang in Südkorea. In dieser Zeit habe ich Menschen treffen dürfen, die sich unermüdlich für Frieden auf der koreanischen Halbinsel einsetzen, sodass eine Begegnung eines Tages vielleicht nicht so abwegig erscheint wie heute. 

Dabei dauert das kirchliche Engagement im Friedensprozess schon jahrzehntelang an. Bereits 1986 trafen sich Vertreter des nordkoreanischen Christenverbundes (KCF) und des südkoreanischen Kirchenrates in der Schweiz. Sie sangen das Lied „Uri Sowonun Tongil“, zu deutsch: „Unser Wunsch ist die Wiedervereinigung“, und feierten gemeinsam das Abendmahl. Diese hoffnungsvollen Momente zeigen, dass die Arbeit doch Früchte trägt. 

Eingeladen zu dieser Begegnung hatte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), der zwei Jahre zuvor in Tozanso in Japan eine Internationale Konferenz für Frieden in Nordostasien durchgeführt hatte. 

Evangelische Kirchen in Deutschland haben sich aktiv an diesem Prozess der Vertrauensbildung und Annäherung beteiligt. Der Kirchentag ist ein gutes Forum, um Begegn­ungen zwischen Christen aus dem Norden und dem Süden auch hier zu organisieren. Südkorea rief 1997 in Leipzig ein großes Medieninteresse hervor, denn es war die ­er­ste offizielle Begegnung von Vertretern aus beiden Landesteilen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Damals trafen sich auch die kirchlichen Hilfswerke, die seit dem Beginn der Hungersnot 1995 in Nordkorea aktiv waren, wie die Katastrophenhilfe des Diakonischen Werkes. 

Deutschland ist seitdem regelmäßig Gastgeber mehrerer Konsultationen gewesen, zu denen kirchliche Vertreter beider koreanischer Landesteile eingeladen werden konnten. Einen großen Schritt vorwärts ging es 2008 bei einer Konsultation in Arnoldshain (Hessen). Dort wurde das Ökumenische Forum für Frieden, Wiedervereinigung und Entwicklungszusammenarbeit auf der koreanischen Halbinsel (EFK) gegründet.

Im Oktober 2013 organisierte ich einen Friedenszug, der von Berlin, der geteilten und wiedervereinigten Stadt, über Moskau nach Südkorea fahren sollte – und damit durch nordkoreanisches Gebiet. Rund 50 Personen fuhren los, doch am Ende durften wir nicht durch Nordkorea fahren.

Trotzdem, ich habe sie doch noch getroffen, echte Nordkoreaner. Auf der letzten Tagung des EFK im Juli diesen Jahres in Leipzig. Vier Vertreter des nordkoreanischen Christenverbunds, einer staatlich gelenkten Organisation, waren gekommen, um mit anderen Geistlichen des Korea-Forums im Gespräch zu bleiben. 
Am Ende der Tagung war man sich einig: In den nächsten Jahren wollen die Kirchenvertreter des EFK verstärkt Lobbyarbeit für Frieden auf der koreanischen Halbinsel betreiben. Die Sanktionen müssen aufgehoben werden, damit es wieder möglich wird, humanitäre Hilfe für die Menschen in Nordkorea zu leisten. Ich bin überzeugt: Wenn die Mitglieder der Weltkirche gemeinsam ­handeln, können sie auch Druck auf die Weltpolitik ausüben. 
„Wir sind verbunden mit Gott, mit Jesus und untereinander“, sagte Bischof Hee-Soo Jung in seiner Abschlusspredigt in Leipzig. „Unsere Leben sind verbunden, ob wir es wollen oder nicht."

Auch wenn der Friedensprozess langwierig und manchmal enttäuschend ist: Dass diese Begegnungen trotzdem möglich sind, ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Da die politische Ebene durch die Sanktionen des Westens blockiert wurde, sind kirchliche Treffen derzeit der einzig offene Gesprächskanal. Wenn wir wirklich Frieden wollen, dann ­müssen wir in Kontakt bleiben.

Zum Abschied haben wir sogar die Hände geschüttelt. Für’s nächste Mal wird auch das Bier kalt gestellt.