Bischof
Predigt im Einführungsgottesdienst St. Marien zu Berlin
Liebe Gemeinde!
I
Dominosteine, in langen Reihen aufgestellt. Der erste Stein wird angestoßen, kippt und fällt, reißt den zweiten mit, den dritten. Klappend legt sich die ganze Reihe um.
Am Montag dieser Woche ist hier in Berlin eine Mauer aus Dominosteinen gefallen. So wie vor 20 Jahren die Mauer fiel.
Als ich die Bilder vom „Fest der Freiheit“ am Brandenburger Tor im Fernsehen verfolgt habe, war ich dankbar wie vor 20 Jahren: dankbar für eine friedliche Revolution; aber auch, weil evangelische Gemeinden damals entscheidend beteiligt waren. Sie haben den Raum gegeben, in dem die kritische Freiheitskraft wachsen konnte.
Und ich habe mich gefragt: Wird die Evangelische Kirche auch weiterhin diesen Mut zur Freiheit beweisen? Wird sie auch weiter Freiheitskräften Raum geben, die Mauern zum Fallen bringen? Mauern, die heute noch stehen: Mauern der Armut, der Unversöhnlichkeit, der lähmenden Resignation?
II
Eine Predigt ist keine Programmrede. Eine Predigt, auch eine Antrittspredigt, soll Rechenschaft ablegen von der Hoffnung des Glaubens.
Dafür ist heute ein Text des Apostels Paulus vorgeschlagen. Es ist das Hohelied der Hoffnung in Römer 8. Auf die Melodie dieses Liedes möchte ich mit Ihnen hören.
Paulus singt vom Geist der Freiheit, der die Angst vertreibt. Und dabei gewährt er der Gemeinde in Rom einen Einblick in sein Herz:
Der Geist, der Neues schafft, der Christus von den Toten auferweckt hat, der kann auch ein verkrustetes Herz aufbrechen.
Wenn Paulus nicht mehr beten kann, betet der Geist in ihm. So wird das Herz weit, Hoffnung wird geboren.
Aber Paulus weiß auch einzustimmen in die Melodien der Ängstlichen. Die Spiritualität des Herzens vernebelt ihm nicht den Blick auf das Leiden der Unterdrückten. Für sie dichtet er eine ganz besondere Strophe:
Ein sehnsüchtiges Warten, ein gequältes Seufzen durchzieht die gesamte Kreatur. Ängstlich hält sie Ausschau nach der Freiheit.
Paulus entwirft ein grandioses Szenario. Er redet von der gesamten Kreatur wie von einer Person. Natur und Mensch auf Augenhöhe. Die Natur schaut den Menschen an, wie eine geliebte Partnerin, die ihren Geliebten nicht versteht. Und der Mensch erkennt sich selbst in ihrem Leiden:
Hin- und hergerissen, orientierungslos, quält er sich selbst und die Natur, so wie wir es bis heute tun:
Die Natur seufzt, weil wir ihr Wunden schlagen. Sie ringt nach Atem, weil wir das Klima aufheizen. Sie verliert ihre Schönheit, weil wir ihre Wälder plündern.
Und der Mensch leidet unter den Folgen.
Die Natur schaut den Menschen an, mit einem Blick, der fragt: „Wer bist du eigentlich? Und was tust du da?!“
Das Lied des Paulus klingt hier sehr streng: Er schärft der Gemeinde ein: „Es gibt kein Hohelied der Hoffnung, wenn ihr nicht bereit seid, auf das Seufzen der Leidenden zu hören!“
Leiden darf nicht stabilisiert und mit frommen Gesängen übertönt werden. Wer ein Hoffnungslied singen will, muss den Seufzenden auf Augenhöhe begegnen, ihr Leiden erkennen und bewusst machen und mit ihnen gemeinsam lernen, trotzige Widerstandslieder zu singen.
Denn so endet das Hohelied der Hoffnung. Mit einem trotzigen Lobgesang: Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes! Nichts Hohes und nichts Tiefes, keine Naturgewalt und keine Menschenmacht!
III
Die Melodie dieses Liedes höre ich in den Ereignissen, die vor 20 Jahren unser Land bewegt haben. Menschen fühlten sich in ihrem Gewissen befreit und ermutigt, das Seufzen der Kreatur bewusst zu machen.
- Sie haben Fakten der Umweltzerstörung und des Unrechts gesammelt und in der Umweltbibliothek öffentlich gemacht.
- Sie haben unterdrückte demokratische Willensbildung publik gemacht, indem sie Wahlbetrug aufdeckten.
- Gemeinden haben ihre Kirchen geöffnet, in Zion, in Gethsemane, in der Leipziger Nikolaikirche, im Brandenburger Dom und überall im Land.
- Friedenslieder wurden gesungen, als trotzige Lobgesänge auf die Freiheit.
Als ich am Montagabend die Dominosteine fallen sah, stand mir dies alles wieder vor Augen.
Ich will die Hoffnungsmelodie des Paulus aber nicht nur im Rückblick hören, nicht nur in Ereignissen, die 20 Jahre zurückliegen, damals als Menschen „Wunder ausprobiert“ haben.
Ich will die Hoffnungsmelodie auch heute hören, heute wieder neue „Wunder ausprobieren“!
Und ich höre diese Melodie in einer Kirche, die sich aufmacht, die Spiritualität des Herzens neu ernst zu nehmen, ohne sich den Blick auf das Seufzen der Leidenden, auf die Ungerechtigkeiten und Probleme der Gegenwart vernebeln zu lassen.
IV
Ich höre die Melodie der Hoffnung dort, wo Menschen die Mauern der Armut und Ausgrenzung bekämpfen, wo sie auf Augenhöhe Anwalt der Schwachen sind. Eine evangelische Kirche, die sich „Kirche der Freiheit“ nennt, wird deshalb Anwältin der Menschenrechte sein. Sie wird die Menschenrechte nicht nur in China und Afghanistan einfordern, sondern auch bei uns.
- Es ist ein Hoffnungszeichen, dass das Bundesverfassungsgericht die Frage nach der Höhe der Hartz IV Ansprüche jetzt an der Würde des Einzelnen festmacht.
- Und es wäre ein Hoffnungszeichen, wenn auch die Diskussion über ein gerechtes Finanz- und Wirtschaftssystem unter dem Aspekt der Menschenrechte geführt würde. Immerhin heißt es in Art. 28 der Menschenrechtscharta: „Jedermann hat das Recht auf eine soziale und internationale Ordnung“, in der die Menschenrechte und Freiheiten „voll verwirklicht werden können“ – und zwar für alle.
Es geht nicht nur darum, ein Wirtschaftssystem funktionsfähig zu erhalten, sondern um die Menschenrechte der Armen.
Ich höre die Melodie der Hoffnung auch da, wo Christinnen und Christen sich aufmachen, den missionarischen Auftrag neu mit Leben zu füllen.
„Missionarisch sein“ ist keine Methode, erst recht keine Strategie. Es geht schlicht darum, Hoffnung in die Welt zu tragen, Frieden durch Versöhnung zu stiften, offen auf Menschen zuzugehen. Nicht um sie zu überwältigen, sondern um ihre Sehnsucht nach Spiritualität ernst zu nehmen und neugierig zu fragen:
„Von welcher Hoffnung lebst du? Welche Kraftquellen schenkt dir dein Glaube, deine Philosophie? Wo und wie können wir gemeinsam – trotz aller Unterschiede – dem Frieden dienen?“
Unterschiede müssen benannt werden, ja. Aber nicht als Mauern zwischen Menschen. Jede und jeder – ob Jude, evangelischer oder katholischer Christ, ob Muslim, Humanist oder Atheist – hat die Verpflichtung sein Hoffnungslied zu Markte zu tragen und nach den Gemeinsamkeiten zu suchen, die die Hoffnung auf eine friedlichere Welt stärken.
Ich höre die Melodie der Hoffnung auch dort, wo unsere Kirche Reformen wagt, eigene Unzulänglichkeiten diskutiert und trotzige Lieder gegen die Resignation singt.
Als ich vor wenigen Wochen auf dem EKD-Zukunftskongress in Kassel war, sagte mir ein Jugendpfarrer:
„Das Besondere hier ist, dass die Menschen wirklich interessiert sind.“ Noch nie habe er so viel offenes Zuhören und ernstes Fragen erlebt: „Wie macht ihr das, Konfirmandenunterricht in Zusammenarbeit mit 77 Dörfern?“ – „Wie macht ihr das, Kirchen mit geistlichem Leben füllen, auch wenn der Gottesdienst nicht mehr an jedem Sonntag stattfinden kann?“
Natürlich gibt es auch das Seufzen: Manche hören die Botschaft wohl: „Kirche der Freiheit“, „Salz der Erde“ – aber sie seufzen, weil sie noch zu wenig spüren vom Geist der Freiheit. Sollen die Reformen gelingen, dann müssen wir die Mauern zwischen den Hoffnungsstarken und den Resignierten auch in der Kirche ernst nehmen und die Seufzenden einladen, in die Hoffnungsmelodie mit einzustimmen.
V
Mit dem Hohelied der Hoffnung hat Paulus sich der Gemeinde in Rom vorgestellt. Diese Gemeinde kannte ihn noch nicht. Der Römerbrief war seine Visitenkarte.
Ich selbst habe kein eigenes Hoffnungslied, um mich Ihnen als Bischof vorzustellen. Das Lied des Paulus ist mein Lied. Gemeinsam mit Ihnen möchte ich in das alte Hoffnungslied neu einstimmen. Einige singen schon kräftig, andere summen erst leise mit. Wer die Kirche skeptisch betrachtet, der soll sich eingeladen fühlen, wenigstens ab und zu einmal hinzuhören, wovon die Christen in ihrem Hoffnungslied singen.
Denn davon bin ich überzeugt: 20 Jahre nach der friedlichen Revolution können Christinnen und Christen mit dieser Melodie im Herzen und auf den Lippen neue Freiräume entdecken, in denen der Mut wächst, Mauern zum Fallen zu bringen.
Amen.
Der Bischof