„Stufen“ – Bodenskulptur und Sand-Zeichnungen von Micha Ullman

„Die Zahl 7 hat eine große Bedeutung in der Religion: Sie ist ein Hinweis auf den Zeitlauf der Natur. Sieben Tage hat die Woche, ein Viertel des Mondmonats. Den Mond wird man manchmal auch in der Tiefe der Grube sehen. Die Treppenstufen sind eine Einladung nach unten oder nach oben zu gehen mit Hilfe der Phantasie. Man geht runter die eigene Länge und Höhe gleichzeitig, mit 7 Schritten.“ (Micha Ullman, 2008)

Berlin, 27.11.2012 (epd). Manchen Besuchern werden die kahlen "Stufen" Micha Ullmans erst gar nicht auffallen. Man kann sogar achtlos über sie hinweg schreiten. Doch für die evangelische Kirche in Berlin sind sie ein Schatz.

Eine Treppe, die in die Tiefe führt. Angefüllt mit anderthalb Kubikmeter rotem Sand aus Israel. Für die sieben Stufen wurde sogar der Boden der denkmalgeschützten Matthäuskirche am Potsdamer Platz durchbrochen. Berlin erhält damit eine weitere Kunstinstallation von Micha Ullman  - und nach dem Willen der Initiatoren ein Signal für Respekt und Versöhnung zwischen Juden und Christen.

Am Donnerstagabend wird die lediglich zwei mal ein Meter große Treppe in den Untergrund offiziell eingeweiht. Auf der begehbaren Glasplatte über ihr spiegeln sich Raum und Licht. "Die Skulptur bietet einen Treffpunkt zwischen Himmel und Erde, zwischen Unten und Oben", beschreibt Ullman selbst sein Werk.

Fünf Jahre dauerten die Planungen. Die Kosten beliefen sich nach Angaben der landeskirchlichen Kulturstiftung St. Matthäus auf knapp 220.000 Euro. Wie ihr Direktor Christhard-Georg Neubert betont, konnte die Summe ausschließlich aus Spenden gedeckt wurden.

Von dem israelischen Künstler stammt bereits das Mahnmal gegen die Bücherverbrennung der Nazis auf dem Bebelplatz neben der Staatsoper. Auch dort geht es in den Untergrund. Die Parallelen zu den sieben Stufen, die nun in der Matthäuskirche hinabführen, sind nicht nur für den evangelischen Berliner Bischof Markus Dröge offenkundig. Ihn fasziniere, dass Micha Ullman sein ganzes künstlerisches Leben lang mit dem Graben beschäftigt sei und damit den Dingen auf den Grund gehe: "Graben hilft der Erinnerung auf."   

Rund um die Matthäuskirche am Kulturforum lebten bis zur NS-Zeit viele Juden, unter anderem auch einige namhafte Kunsthändler. Doch an dem unwirtlichen Ort neben der Neuen Nationalgalerie erinnert heute nichts mehr an die Verfolgungen und Deportationen, die sich einst in diesem begehrten Wohnviertel Berlins abspielten. "Wer wohnte hier? Wer wurde da geboren? Wer schied aus dem Leben?", fragte sich Neubert und bat Ullman im Herbst 2007 in einem Brief um ein künstlerisches "Signal" für die Kirche.

Es ist auch jene, in der der spätere Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer zum evangelischen Pfarrer ordiniert wurde. Zwei Tage nach der Machtübernahme Hitlers nahm er nur wenige Schritte entfernt eine Rundfunkansprache auf. In ihrem Schluss, der gar nicht mehr ausgestrahlt wurde, sprach er von der Gefahr, dass aus Führern Verführer werden.

Angesichts des bevorstehenden Jahrestags der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 kommt für Dröge diese Kunstinstallation "an den rechten Ort und zur rechten Zeit". Die Stufen seien ein bewegendes Geschenk des 1939 in Tel Aviv geborenen Künstlers: "Sie halten eine historische Wunde offen."

Von Jürgen Heilig

 

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