„Die Voraussetzungen und Chancen des christlich-muslimischen Dialogs“

Bischof Dr. Dr. h.c. Markus Dröge, Forum für Interkulturellen Dialog Berlin e.V., 18.01.2012, 18:00 Uhr, Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität, Auditorium, Geschwister-Scholl Straße. 1, 10117 Berlin

I.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich danke Ihnen herzlich für die Einladung, heute zu Ihnen zu einem für alle Muslime und Christen in unserem Land und für alle, denen der Frieden am Herzen liegt, wichtigen Thema zu sprechen: „Die Voraussetzungen und Chancen des christlich-muslimischen Dialoges“.
Ich bin davon überzeugt, dass wir, Muslime und Christen, eine gemeinsame friedliche Vision brauchen für das Zusammenleben von Menschen unter­schied­licher Kultur und Religion in unserem Land, in Europa, in der globalisierten Welt. Der Dialog der Religionen, also das Gespräch glaubender Menschen miteinander, die sich ver­schiedenen Religionen verpflichtet fühlen, ist ein wichtiger Schlüssel, um eine solche gemeinsame Vision zu finden. Dass Sie mich heute eingeladen haben, werte ich als ein Zeichen, dass Ihnen dieser Dialog am Herzen liegt und dass Sie mit mir gemeinsam über eine solche friedliche Vision ins Gespräch kommen wollen. Und deshalb danke ich Ihnen herzlich für die Einladung.

II.
Es gibt in unserer Stadt Berlin einen Ort, an dem die Vision des Friedens der Religionen anschaulich dargestellt wird. Der Ort befindet sich im Museum für islamische Kunst im Pergamonmuseum.
Dort findet sich ein Raum, mit wunderbaren, kleinteiligen Verzierungen. Wer ihn betritt, steht wie in einem Meer aus Farben, wobei die Gold- und die Rot-Töne dominieren. Ein klarer symmetrischer Aufbau der Ornamente und Motive kennzeichnet das Zimmer. Blumenornamente, aber auch Figuren und Bilder sind zu erkennen.
Die farbenreiche Holzvertäfelung, stammt aus einem Privathaus der syrischen Stadt Aleppo und ist datiert auf das Jahr 1600/1601, so die Auskunft des Muse­umsführers. 35 Meter lang und 2½ Meter hoch ist der Raum. Es ist die früheste erhaltene Wandtäfelung ihrer Art und künstlerisch von herausragender Qualität.
Ihre Einzigartigkeit besteht besonders darin, dass in ihr islamische und christ­liche Motive beieinander stehen. Dies macht das Aleppo-Zimmer zu einem ein­maligen Zeugnis des kulturellen Milieus der Stadt Aleppo. Es weist auf ein fried­liches Nebeneinander der Religionen. Inschriften sind zu lesen, zum Bei­spiel diese: Wie viele Tage bin ich in deinen Räumen glücklich gewesen, habe mit allen mich zurückgezogen zu Wissenschaft und Kunstgespräch.“

Viel Schönes und Edles kann entstehen, wenn Religionen friedlich nebenein­an­der bestehen und sich nicht bekriegen. Ein herrlicher Raum, herrliche Farben, eine wunderbare Vision: die Religionen im Frieden miteinander.

III.
Ein Gegenbild zu dieser friedlichen Vision ist der Terrorakt vom 11. Septem­ber 2001. Am 11. September vergangenen Jahres haben wir den 10. Jahrestag des Attentates auf das World-Trade-Center in New York hier in Berlin began­gen. Ich bin dankbar, dass Herr Karakoyun bei uns im Gottesdienst in der St. Marienkirche zu Gast war und ein Grußwort gesprochen hat.
Der 11. September 2001 ist, so hat es der Soziologe Wilhelm Heitmeyer aus Bielefeld gesagt, ein negatives Signalereignis: Die Welt war damals erschrocken und erschüttert, weil deutlich wurde: die Kraft der Religion kann missbraucht werden. Denn die Attentäter haben sich auf ihren Glauben an Gott berufen.

Die Kraft der Religionen kann missbraucht werden: Das gilt für alle Religionen!
Ich erinnere an den grausamen Terrorakt im vergangenen Sommer in Norwegen. Ein völlig verwirrter Täter, Anders Breivig, hat in Oslo und auf der Insel Utoya seinen Hass gegen diejenigen gerichtet, die sich in Norwegen für eine offene Ge­sellschaft einsetzen, in die Menschen unter­schied­licher Kultur und Religion sich integrieren dürfen und sollen. Der Attentäter war und ist völlig wirr in seinen Ansichten. Seine Theorien sind ab­wegig, so wie auch das Weltbild der Attentäter vom 11. September 2001 abwegig war. Und so wie es für viele Mus­lime erschütternd ist, wenn Attentäter sich auf den muslimischen Glauben beru­fen, so war es im vergangenen Sommer für uns Christinnen und Christen er­schüt­ternd, dass der Attentäter Anders Breivig behauptet hat, für ein christliches Abendland zu kämpfen.
Die beiden Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, dass alle Religionen zusammen­stehen im Kampf dagegen, dass ihr Glaube missbraucht wird, um Gewalt zu legitimieren.

IV.
Zwei Dinge sind heute vielen Menschen nicht bewusst:
Erstens: Im World-Trade-Center starben Juden, Christen, Muslime ebenso wie Men­schen anderer Religion und Weltanschauung. Der erste Tote war ein Christ, ein Franziskanerpater, Pater Mychal Judge. Er war damals Kaplan der Feuer­wehr in New York. Er lief ohne zu zögern mit weiteren Feuerwehrleuten in die brennen­den Stockwerke im Südturm des World Trade Centers und wurde nur kurze Zeit später von einstürzenden Trümmern erschlagen. Das Bild, wie er von fünf Män­nern weggetragen wird, ging damals um die Welt. Mychal Judge ist in den offi­zi­ellen Dokumenten das erste Opfer der Anschläge vom 11. September 2001. Jedes Jahr am Sonntag vor dem 11. September versammeln sich seitdem Men­schen in der Franziskanerkirche im Herzen von Manhattan und gedenken dieses Mannes. Sie trauern und erinnern daran, dass die Anschläge etwa 3000 Men­schen den Tod brachten. Es waren Christen, Muslime, Juden und Angehöri­ge anderer Religionen und Weltanschauungen.

Das Zweite, was heute wenige wissen ist:

Bereits drei Tage später, am 14. September 2001 haben 46 muslimische Geist­liche und Politiker aus Ägypten und Pakistan, aus Palästina und Malaysia, aus Bangladesch und Tunesien und vielen anderen Staaten folgende Erklärung abgegeben:

„Wir sind entsetzt über die Ereignisse des 11. September 2001 in den USA, die vielfachen Tod, Zerstörung und Angriffe auf unschuldiges Leben gebracht haben. Wir drücken unsere tiefste Sympathie und Sorge aus. Wir verurteilen in schärfster Form diesen Vorfall, der gegen alle humanen und islamischen Normen verstößt“.

Spannungen zwischen Religionen und Kulturen gab es auch vorher schon. Aber der 11. September wirkte wie ein Verstärker, der zu Extremen führte. Er hat den Graben sichtbar werden lassen zwischen dem reichen, mächtigen, irgendwie christlichen Westen und dem, was man die islamische Welt nennt. Auch das Ausmaß der – teils ohnmächtigen, teils gewalttätigen - Wut vieler Muslime auf den Westen oder auf das, was sie für den Westen halten, hat der 11. September sichtbar gemacht.
George W. Bush, der damals amtierende amerikanische Präsident, kündigte an­schließend einen „Kreuzzug gegen den Terroris­mus“ an und sprach von der „Achse des Bösen“. Und umgekehrt: Im Nahen Osten riefen Menschen bei Pro­testen: „Nieder mit Amerika!“ Der „Krieg gegen den Terror“, wie er ge­nannt wird, führte zur Destabilisierung ganzer Regionen. Die Kriege in Afgha­nistan und gegen den Irak fanden ihre ethische Begründung in der Verteidigung der eigenen Werte. Eine Atmosphäre der Angst ist entstan­den. Populistische, islam­feindliche Parteien und Bewegungen machen sich das zunutze.
Seit 2001 erscheint deshalb der Islam für viele nur noch als Bedrohung, militant und rigoristisch.
Aktham Suliman, der Deutschland-Korrespondent des arabischen Fernsehsender Al Dschasira, sagt im Rückblick auf die zehn Jahre nach dem 11. September 2001:

„Das waren verlorene zehn Jahre. Es waren verlorene zehn Jahre nicht nur für die arabische Welt, sondern für die internationale Gemeinschaft. Man hat sich hineinreißen lassen in einen Wahnsinnskrieg. Man hat sich hineinreißen lassen in Absurdität, muss man sagen. Erst zehn Jahre da­nach fing man an aufzuwachen, nachdem Milliarden ausgegeben wurden, nachdem Tausenden Unrecht getan wurde und nachdem Abertausende gestorben sind.“


In einem Raum der Angst aber lässt es sich nicht leben. Nicht miteinander leben.
Ausübung von Terror und Gewalt zeigt ein zutiefst gottfernes Verhalten.
Echte Verwurzelung im Glauben führt dagegen zum Frieden und zur Über­win­dung von Spaltungen. 
Über zehn Jahre nach dem Terrorakt von New York ist die Zeit gekommen, dass alle gläubigen Menschen diese Aufgabe als gemeinsame Aufgabe erkennen: sich gegen die Instrumentalisierungen des Glaubens für Terror und Gewalt zur Wehr zu setzen! Über zehn Jahre nach dem 11. September 2001 sollten die Religionen endlich die Chance ergreifen, sich gemeinsam als Friedensmacht in der Welt zu profilieren.

Ich denke zurück an den Raum aus Aleppo: Ist das wirklich nur noch ein Museumsstück? Die Vision von den Religionen im Frieden miteinander?
Nein, denn es gibt Keimlinge der Hoffnung, Vorboten und Visionen.

  • Wo Menschen sich miteinander auf den Weg machen und ehrlich miteinander sind, da können solche Räume entstehen, die Spaltungen überwinden.
  • Wo Menschen sich füreinander interessieren und nicht nur sich selbst sehen, da werden Ohren und Augen geöffnet.
  • Wo Menschen nicht sich selbst und die eigene Macht an die erste Stelle setzen, da wird Gewalt überwunden und in Frieden verwandelt.

Was wäre alles möglich, wenn die verschiedenen Religionen, gemeinsam zu einer Macht des Friedens würden!

V.
Damit aber ein Dialog der Religionen möglich wird, müssen wichtige Voraus­setzungen beachtet werden, Voraussetzungen des Glaubens und Voraussetz­un­gen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

a.     Zunächst zu den Voraussetzungen des Glaubens. In welcher religiösen Situation leben wir?
Seit einiger Zeit ist ein „identity turn“[1] bei den Religionen zu beobachten. Das heißt: eine Hinwendung zu mehr Bewusstsein für die eigene Identität und zu mehr Bereitschaft, diese zu profilieren und zu verteidigen. Die einzelnen Reli­gionen sind stärker als zuvor darauf bedacht, ihr eigenes Profil zu schärfen und erkennbar zu machen. Diese Entwicklung ist in den Verän­de­rungen der reli­giösen Landschaft begründet: Zum einen schreitet weltweit die Säkularisierung fort. Zum anderen erstarkt die Sehnsucht nach einer transzen­denten Begründung der Identität, nicht nur im persönlichen Bereich, sondern bis hin zur religiösen Begründung einer Gesellschaft oder eines politischen Ansatzes. Dazu bewirkt die globa­li­sierte Kom­munikation für jeden Einzelnen die Ver­gleichbarkeit der Religionen auf dem Weltanschau­ungs-„Markt“.

Für die Religionen ist erstmals seit der Spätantike wieder die Situation gegeben, sich auf einem multireligiösen öffentlichen Markt der Möglichkeiten zu behaup­ten und „Apologetik“ zu betreiben, d.h. den Glauben zu verteidigen und zu rechtfertigen. Religionen müssen bereit sein, öffentlich aus­zusprechen, was den eigenen Glauben begründet und seine Besonderheit ausmacht. Der Glaube steht also in einer Situation des Fra­gens und Gefragt-Werdens. Er muss: „Beobachten, begegnen, beschreiben, ver­steh­en, deuten und aus der Perspektive (s)eines … Daseins- und Wirklichkeitsver­ständ­nisses Stellung beziehen" (Reinhard Hempelmann).

Gerade weil wir, Christen wie Muslime, gemeinsam in dieser spannungsreichen Situation stehen, müssen wir miteinander ins Gespräch kommen. Wir brauchen eine Theologie des Dialoges, eine Lehre, die uns hilft, vom eigenen Glau­bens­standpunkt aus ein Gespräch mit anderen Glaubensstandpunkten zu führen.

Ein Beispiel einer solchen Theologie des Dialoges von Seiten des christlichen Glaubens möchte ich Ihnen kurz vorstellen. Es ist der Ansatz einer sogenannten „komparativen“, also vergleichenden Theologie.  Der Ansatz einer "kompara­tiven Theologie" verzichtet darauf, das Verhältnis zu anderen Religionen ab­schließend, endgültig zu bestimmen. Als Beispiel nenne ich das Kon­zept von Hans-Martin Barth.
Der Theologieprofessor Hans-Martin Barth entfaltet die christ­lich­en Glaubens­inhalte vor dem Horizont der interreligiösen Dialogsituation. Er formuliert in einem Drei­schritt  jeweils die christliche Lehre zu einzelnen Punkten, konfron­tiert diese dann mit den Aus­sagen anderer Religionen zum Thema und bietet schließlich eine Darstellung des Eigenen und des Fremden. Er tut dies mit der offenen Frage, ob Gott, wie die Christen ihn verstehen, vielleicht auch durch die anderen Religionen den Chris­ten etwas zu sagen hat. Es geht ihm dabei sowohl darum, das Fremde und das Eigene neu zu verstehen, als auch darum, den eigenen Glauben und den fremden Glauben als noch nicht endgültig festgelegt anzusehen. Vielmehr wird zwi­schen einer Anfangs- und Endgestalt des jeweiligen Glaubens unterschieden. Er nennt es die Alpha- und Omega-Gestalt, die Anfangs- und die Endgestalt des Glaubens und sagt: "Aufgrund der Alpha- Gestalt meines Glaubens und der Ahnung ihres Omega, öffne ich mich den Alpha-Aussagen fremder Religionen, lerne von ihnen, wo dies möglich ist, und grenze mich von ihnen ab, wo mir dies nötig erscheint" (117).
Mit diesem Ansatz wird die historische Tatsache ernst genommen, dass jede Religion sich immer schon in Aufnahme und Abgrenzung anderer religiöser Gedanken verändert hat. Es geht nicht darum, die eigene Religion zu relativieren oder klein zu machen. Die Unterschiede werden nicht verwischt. Aber doch wird eine Möglichkeit für den Dialog eröffnet.
Ich will heute nicht sagen, dass diese Art von Dialogtheologie die einzig richtige ist. Aber ich will sagen: Eine glaubwürdige Form von Dialogtheologie braucht jede Religion, wenn sie sich ernsthaft auf das Gespräch mit anderen Religionen einlassen will. Eine Dialogtheologie ist die Glaubensvoraussetzung für den Dialog.

b.     Und nun zu den Voraussetzungen des gesellschaftlichen Zusammen­lebens.
In unserem Land gibt es eine besondere historische Erfahrung mit dem Zusam­men­leben unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Durch die Reformation im 16. Jahrhundert und die Spaltung der christlichen Kirche, entstand schon vor bald 500 Jahren eine Gesellschaft, die damit leben musste, dass unterschiedliche christliche Glaubensüberzeugun­gen gleich­zeitig in einem Land vertreten sind. Durch eine schmerzliche Gewalt­ge­schichte hindurch haben wir es in Deutsch­land lernen müssen, friedlich mit­ein­­ander um­zu­gehen. Dem Staat ist dabei eine besondere Aufgabe zugewachsen. Er hat für die Religionsfreiheit und den Religionsfrieden zu sorgen und darf sich nicht mit einer Glaubensweise identi­fizieren, obwohl sein Auftrag natürlich auf vielen Grundwerten der christlichen Tradition beruht: Nächstenliebe, Schutz des Schwä­che­ren, versöhnendes Handeln statt Rache. Unsere Gesellschaft hat gelernt, dass der Religions­frieden auf drei gesellschaftlichen Voraussetzungen beruht:

  1. Unsere Gesellschaft ist fest davon überzeugt, dass die Unterscheidung von Staat und Religion eine wichtige Voraussetzung für den Reli­gions­­frieden ist. Und deshalb lehnt sie es strikt ab, wenn der Versuch gemacht wird, den Gedanken eines „Gottesstaat“ in unsere Gesell­schaft einzuführen. Auch Christen wollen und dürfen keinen christ­lichen Gottesstaat einrichten. Wir trennen zwischen den zwei Reichen: dem geistlichen Reich und dem weltlichen Reich. Die christliche Kirche nimmt deshalb nur mit ihrem Wort, mit ihrer Verkündigung und mit ihren Stellungnahmen zu ethischen Fragen auf die öffentliche Diskussion Einfluss. Sie fordert nicht, dass die Bibel eine Quelle des staatlichen Rechts ist. Deshalb kann aber auch die Scharia in unserer Gesellschaft nicht als Rechtsquelle etabliert werden. Und es kann auch nicht geduldet werden, dass religi­öse Scharia-Gerichte unsere Recht­sprechung unterlaufen.

  2. Unsere Gesellschaft baut auf dem Respekt vor der gleichen Würde des Anderen auf, unabhängig von Kultur, Religion und Geschlecht. Die Menschen­rechte beinhalten ele­men­tare indi­viduelle Rechte, wie das Recht die Religion zu wechseln oder wie die Gleich­heit der Ge­schlech­­ter (nicht nur in der Würde, sondern auch in den Rechten). Um des Friedens willen, ist es nicht möglich, eine bestimmte Religion oder religiöse Tradition über die Geltung der Menschenrechte zu stellen und sie als Einschränkung oder verbindlichen Interpretations­rahmen der Menschenrechte zu betrachten. Auch Christen stellen den christlichen Glau­ben nicht über die Men­schenrechte. Sie betrachten vielmehr ihren eigenen Glauben an den Schöpfergott, der die Menschen zu seinem Bild erschaffen hat, als eine Quelle der universal gültigen Menschen­rechte.

  3. Schließlich ist unsere Gesellschaftsform der Demokratie darauf auf­gebaut, dass Menschen miteinander kommunizieren, ihre Über­zeugun­gen zur Diskussion stellen und sich mit ihren Überzeugungen der Kritik und auch der Wahl stellen. Bereitschaft zur offenen Kommu­ni­kation ist nach unserer historischen Erfahrung eine Voraussetzung für ein friedliches Mit­einander. Deshalb ist es wichtig und notwendig, dass alle Menschen die Ver­kehrs­sprache des Landes lernen. Inseln, in denen nur bestimmte Menschen sich verstehen, mag es zwar geben, um bestimmte Kulturen zu pfle­gen. Aber zum Leben in der Gesell­schaft gehört es, eine gemeinsame Sprache zu spre­chen.

Ich bin deshalb übrigens auch der Auffassung, dass das Tra­gen einer Burka, die das gesamte Gesicht verhüllt, nicht in eine demo­kratische Ge­sell­schaft passt und auch nicht zu einer Religion, die dialog­bereit ist. Jede und jeder muss sein Gegen­über mit dem was er oder sie sagt ein­schätzen kön­nen und dazu gehört es auch, den Gesichtsausdruck und das Mienenspiel erkennen zu können.

Die Voraussetzungen für einen Dialog zwischen Religionen und damit auch zwischen Menschen christlichen Glaubens und muslimischen Glaubens sind also:

  1. Eine Glaubenslehre, die dialogbereit ist und bei allem, was sie lehrt, mit­ bedenkt, dass andere anders glauben und dazu auch das Recht haben, und die deshalb ihre eigene Glaubenslehre so darstellt, dass auch andere sie verstehen können. Und eine Glaubenslehre, die weiß, dass sie selbst immer schon in einer historischen Entwicklung steht und deshalb auch von anderen etwas lernen kann.

  2. Ein gesellschaftliches Umfeld, in der Religionsgemeinschaften und Staat von­einander getrennt sind, in der die Menschenrechte unab­hän­gig von einer religiösen Begründung gelten und in der der offene Dialog zur politischen Kultur dazugehört.


V.
Und was sind die Chancen eines interreligiösen Dialoges?

Die Chancen liegen auf der Hand. Die Chance ist ein friedliches Miteinander unterschiedlicher Religionen, die sich gemeinsam stark machen, Gewalt zu unterbinden. Die Chance besteht darin, dass Muslime und Christen gemein­sam einen neuen „identity turn“, also eine neue Identitätswendung  schaf­fen, um sich gemeinsam als starke Friedens­macht in der globalisierten Welt zu profilieren, als eine Interessengemeinschaft, die sich im Vertrauen auf Gott für eine gerechte und versöhnte Welt einsetzt.

Die Chance für ein solches Miteinander ist in unserer Gesellschaft besonders groß, weil wir in einem Land leben, in dem sich durch viele schmerzliche Erfah­r­ungen ein System entwickelt hat, das die Toleranz der Religionen fördern will und auch kann, ein System, in dem Staat und Religion getrennt, aber sinnvoll aufeinander bezogen sind.

Die Chance für den islamischen Glauben in unserem Land besteht darin, sich in diesem System eine Heimat zu verschaffen, und dann auch alle Rechte genießen zu können, die unser Religionsrecht bietet: Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, theolo­gische Fakultäten, religiös geprägte Sozialarbeit, Seelsorge und Verkündigung im öffentlichen Raum. Denn unser Religionsrecht gilt nicht nur für die christ­lich­en Kirchen, son­dern für alle Religionen, die bereit sind, sich auf die genannten Voraus­setzungen ein­zulassen.
*
Ich komme noch einmal zurück zu dem wunderschönen Aleppo Zimmer im Museum für islamische Kunst. Es ist ein wunderbares Zeichen. In ihm stehen islamische und christ­liche Motive nebeneinander und ergänzen sich in ihrer Schönheit gegenseitig.

Zweifellos hatten die Künstler und Handwerker, die dieses Zimmer geschaffen haben, viel Mühe, bis das Zimmer in seiner Schönheit vollendet war. Viel Mühe liegt auch noch vor uns, bis wir, die Gläubigen muslimischen und christlichen Glaubens, die Vision des Friedens der Religionen verwirklicht haben.
Aber das Ziel lohnt sich.
Und vor allem dürfen wir, die wir an Gott glauben, eines nicht vergessen: Nur wenn wir in Frieden miteinander leben, geben wir Gott die Ehre und dienen seinen Geschöpfen in der Weise, die er uns aufgetragen hat.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.



[1] Vgl. zum Folgenden: Reinhard Hempelmann, Das unterscheidend Christliche und der religiöse Pluralismus, sowie: Friedemann Eißler, Neues Identitätsbewusstsein – Rückschritt oder Fortschritt? „Identity turn“ im christlich-musli­mischen Dialog, beides in: EZW-Text 201/2009.

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