Neue Beauftragte für Spiritualität

Pfarrerin Andrea Richter wurde von der Kirchenleitung zum 1. April 2012 für sechs Jahre zur Spiritualitätsbeauftragten der Landeskirche berufen. Ihre Aufgabe: Stärkung des geistlichen Lebens in den Gemeinden.

Andrea RichterAndrea Richter (52), in Berlin geboren, ist seit 1999 Pfarrerin der Gemeinde Konradshöhe-Tegelort und Spiritualitätsbeauftragte im Kirchenkreis Reinickendorf. Sie wurde 1959 in Berlin geboren. Nach dem Theologiestudium an der Kirchlichen Hochschule Berlin durchlief sie seit 1990 das Gemeindevikariat in der Sophiengemeinde in Berlin-Mitte, 1992-1993 ein Spezialvikariat an der Auguste Viktoria-Stiftung für Touristen und Pilger in Israel. Nach dem Zweiten Theologischen Examen war sie 1995-1996 Pfarrvikarin in der Deutschen Gemeinde in Jerusalem.

2004 bis 2006 absolvierte Andrea Richter eine Ausbildung zur Exerzitienbegleiterin im Karmelitenkloster Birkenwerder bei Dr. Reinhard Körner (OCD). 2009 bis 2011 folgte eine Ausbildung zur Meditationsleiterin in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Sie ist Gründungsmitglied des 2011 in Berlin entstandenen Netzwerkes „Christliche Spiritualität“.

Pfarrerin Richter im Interview


Was bedeutet Spiritualität für Sie persönlich?
Spiritualität ist Frömmigkeit. Sie ist für mich das Herzstück von Religion. Spiritualität bedeutet, mit Gott, an den ich glaube, auch zu leben. Sie ist Lebensvollzug des Glaubens, Gebet, Vergegenwärtigung Gottes. Ich kann meine Spiritualität nicht von meiner religiösen Wellness abhängig machen. Die Beziehung zu Gott hat auch Bestand, wenn es um mich herum ziemlich finster ist. Das Wesen biblischer Frömmigkeit ist, dass Gott ein Gegenüber für den Menschen  ist. Ein Du zu unserem Ich, so hat Martin Buber es ausgedrückt. Und dies durch Höhen und Tiefen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich intensiver mit Spiritualität auseinanderzusetzen?
Ich bin einige Wochen schweigend auf dem Jakobsweg gegangen, was für mich eine ganz elementare Erfahrung war. Vor sieben Jahren habe ich dann im Karmel „Sankt Teresa“ in Birkenwerder an Schweigeexerzitien teilgenommen, wo ich den Exerzitienbegleiter Pater Dr. Reinhard Körner kennen gelernt habe. Seine ganz besondere Art,  biblische Texte und Impulse in die Stille hinein zu sprechen, hat mich so begeistert, dass ich bei ihm eine Ausbildung zur Exerzitienbegleiterin gemacht habe.

Wie lässt sich Spiritualität praktisch umsetzen?
Es geht um ein Einüben des „Inneren Betens“, dass ich mir bewusst mache, dass Gott da ist. Hilfreich hierfür ist vor allem Die Stille.  Menschen, die religiös auf der Suche sind, hilft Stille oft mehr als ein hervorragend gestalteter Gottesdienst, wo viele Worte fallen, aber nicht alle Worte nach innen fallen können.  Durch Stille kann es im Inneren der Menschen einen Nachhall der gesprochenen Worte geben. Stille, Entschleunigung, Einfachheit und Zeiten des Rückzuges aus dem Alltag  - all das macht etwas mit uns. Man nennt das auch „Exerzitien“. Wir lernen, wieder auf Gott zu hören und unser Leben neu zu orientieren.  
Als Beauftragte des Kirchenkreises Reinickendorf für Spiritualität habe ich einige dieser Elemente in meiner Gemeinde und im Kirchenkreis umgesetzt. „Stille Sonntage“ zum Beispiel, wo Menschen schweigend über biblische Impulse nachdenken und sich anschließend gemeinsam dazu austauschen. Wir haben auch unsere Konfirmandenfahrten vollkommen neu konzipiert – mit vielen Schweige-Elementen. Es ist eine sehr interessante Erfahrung, dass Jugendliche an Stille und Gebet herangeführt werden können und das auch genießen können. Viele sagen anschließend, dass sie etwas verstanden haben von Gott und davon, was er ihnen bedeutet. Im Kirchenkreis werde ich in diesem Jahr den Konvent der Kitaleiterinnen auf ihrer jährlichen „Rüste“ begleiten. Das Thema ist: „Selber meditieren, was wir Kindern weiter geben“.

Wie sehen Sie das Verhältnis von Seelsorge und Geistlicher Begleitung?
Geistliche Begleitung  ist ein Teilbereich der Seelsorge.  Es geht um Fragen, wie ich meinen Glauben leben kann, wie ich die Bibel lese, welches Gottesbild ich habe, wie ich beten kann. Es geht nicht darum, einem Menschen zu sagen: Wenn es Dir schlecht geht, dann bete. Eher darum, nach spirituellen Ressourcen zu suchen, die vielleicht verschüttet sind und die wieder zum Leben erweckt werden können, damit sich die Menschen auch in schwierigen Situationen getragen fühlen können. Was ist mit meiner Biographie? Verstehe ich sie als eine Reihe von Zufällen oder kann ich als Christin auch sagen, sie ist eine durch Gott verborgen geführte Biographie? Dazu ist geistliche Begleitung neben der Seelsorge da! Sie hilft dabei, das Lebensgespräch mit Gott zu führen.

Was reizt Sie an Ihrer neuen Aufgabe?
Es reizt mich, meine Erfahrungen mit dem Thema systematisch für andere anleiten zu können. Als evangelische Pfarrerin freue ich mich, dass wir eine breite Tradition nicht nur an Texten, sondern auch an christlichen Formen der Meditation haben: die lectio divina (biblische Betrachtung), das Herzensgebet, das Schweigegebet  - eine ganze Schatztruhe voll. Auch Martin Luther hat die biblischen Texte meditiert. Für ihn ist in seinem Meditieren die Frage nach der Anfechtung laut geworden, nach den bleibenden, nagenden Lebenszweifeln, nach den Brüchen im Leben. Diesen ist er  nicht ausgewichen. Dies theologisch zu durchdenken und praktisch weiter zu geben ist eine große Herausforderung für mich.

Wie ist Ihr Konzept für Ihre neue Aufgabe?
Für eine wesentliche Aufgabe halte ich es, so bald wie möglich eine Ausbildung zum geistlichen Begleiter/ zur geistlichen Begleiterin zu entwickeln. Eine solche Ausbildung soll innerhalb der Gliedkirchen der EKD vergleichbar sein. Hierfür gilt es, mit den Verantwortlichen anderer Landeskirchen Standards zu entwickeln und umzusetzen.
Spiritualität ist nicht das Sahnehäubchen der kirchlichen Angebote, sondern das Schwarzbrot – die Art und Weise, wie wir unserem Glauben leben. Deshalb gehört sie gleichermaßen in die Arbeit mit Männern, mit Frauen, mit Kindern und Jugendlichen. Hierfür werde ich ein Angebot an Exerzitien und Meditationskursen erstellen. Perspektivisch soll dieses Angebot dann im Kloster Lehnin umgesetzt werden.
Dieses Angebot und die Ausbildung in geistlicher Begleitung wird sich gleichermaßen an theologische Laien und Theologen wenden, an Menschen, die im diakonischen, religionspädagogischen und anderen Bereichen tätig sind.
Ich habe ein Lieblingsprojekt, das ich im Laufe der nächsten Jahre gerne umsetzen möchte. Es handelt sich um einen Pilger- und Gedenkweg auf den Spuren der Todesmärsche von Oranienburg, den ich im Belower Wald einrichten möchte. Einen solchen Weg gibt es als offiziellen Pilgerweg noch nicht. Und ich finde, dass auch die Gedenk- und Erinnerungskultur ein wesentliches Element unserer christlichen Spiritualität sein sollte.   Das hat etwas mit Verantwortung zu tun. Spiritualität ist keine l ´art pour l ´art, sondern Teil unseres Lebens als Christen.

Was ist die Basis Ihrer Arbeit? Wo können Sie anknüpfen?
Mein Vorgänger, Dr. Wilhelm Pietz, hat eine Bestandsanalyse verfasst und zusammengeführt, worum es in dem Bereich Spiritualität in der Landeskirche geht. In seinem Papier hat er genau aufgezeigt,  was perspektivisch getan werden muss, insbesondere auch in den Fragen der geistlichen Begleitung. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Froh bin ich auch über die Anbindung an das „Amt für kirchliche Dienste“ und die damit verbundenen Möglichkeiten einer Vernetzung mit anderen Arbeitsbereichen, die sich hoffentlich ergeben werden.

Wo sehen Sie im Bereich der Landeskirche noch Bedarf an Spiritualität?
Ich würde mir wünschen, dass Theorie und Praxis christlicher Spiritualität auch einen Platz in der Ausbildung von Vikarinnen und Vikaren und in der Ausbildung von ReligionspädagogInnen fände. Das wäre meiner Meinung nach ein großer Schritt. Darin liegt auch die Chance, dass sie sich in den Gemeinden stärker verwurzelt. Spiritualität gehört in die Gemeinde, in alle Teile des gemeindlichen Lebens.

Das Gespräch führte Nina Beverunge, Öffentlichkeitsbeauftragte des Kirchenkreises Reinickendorf.

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