Kantatengottesdienst zur Eröffnung des Themenjahres Reformation und Musik

Bischof Dr. Markus Dröge, Kantatengottesdienst zur Eröffnung des Themenjahres Reformation und Musik, 08. Januar 2012, St. Marien Berlin, Lukas 4,16-21.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

I.
„Fleuch, fleuch die Lüste deiner Jugend, lass Erd und Koth danieden“.
Entflieht dem Sumpf der eigenen Fehlbarkeit und dem Dreck der Welt.
Hin zu einem höheren Ort.
So beginnt der barocke, originale Teil der Kantate Telemanns,
die er für den Neujahrssonntag 1731 geschrieben hat.
In der Fassung der heutigen Aufführung endet sie, bevor der Schlusschoral einsetzt, mit den Worten Rick Reuthers:
„ … – hol mich hier raus.
bitte – telemann – liebe – holt mich hier raus.“
Und dazwischen: das Drama des Lebens, unseres menschlichen Daseins. Zwischen Anfechtung und Mut. Zwischen Verzweiflung und neuer Hoffnung.
In den barocken Worten Telemanns und den Überblendungen der neuen Textierung entspinnt sich eine existentielle Frage: Wie kommen wir heraus aus einem Leben, das nur durch Zwänge und Triebe gekennzeichnet ist. Wie kommen wir zu einem vollen, menschlichen Dasein? Zu einem erfüllten Leben, einem Leben, in dem nicht wir gelebt werden, sondern selber leben, in dem wir nicht allein Zuschauer sind, die wie gebannt vor Bildschirmen Bilder über Bilder konsumieren und mehr und mehr zu abgestumpften Beobachtern der Welt werden? Einem Leben, in dem wir handelndes Subjekt bleiben, mit echten, nicht virtuellen Gefühlen. Mit selbst erkanntem – nicht vermitteltem – Sinn.
Erfülltes Leben eben.

Dass sich diese Fragen an einer Neujahrskantate entzünden ist kein Zufall.
Am Beginn eines neuen Jahres stellen sich diese Fragen besonders stark.
Das Neujahrsritual der guten Vorsätze ist ein Ausdruck genau dieses Wunsches, dieser Sehnsucht:
  • Ich nehme mir vor, die eigenen Geschicke in die Hand zu nehmen,
  • Ich nehme mir vor, das Leben zum besseren hin zu verwandeln.
  • Ich nehme mir vor, herauszukommen aus dem Gewohnten:
gesünder leben, mehr Zeit haben für die Familie …
Tief durchatmen und der Hoffnung Raum geben: Ja, das kann ich!
Und zugleich flüstert mir bei jedem guten Vorsatz die Skepsis ins Ohr: Kannst Du das wirklich?

„telemann – liebe – holt mich hier raus“.
Trotz aller Skepsis bleibt der unzerstörbare Wunsch, die unstillbare Hoffnung, heraustreten zu können. Aus dem, was ist und wie es ist. In ein neues Leben.
Allerdings: In der bittenden Formulierung „holt mich hier raus“ wird zugleich spürbar, dass diese Erfüllung nicht in unserer Macht steht.
Wir können uns nicht mit dem eigenen Arm am Schopfe aus dem Graben ziehen. Wir müssen gezogen werden. In das neue Leben. In die Erfüllung.
Aber wer kann uns herausholen? Die Liebe? Oder Telemann?

II.
Ein ganz normaler Synagogengottesdienst in Nazareth. Aber ein besonderer Gast! Ob er vorher gefragt wurde, die Lesung zu übernehmen oder ob ihm erst spontan im Gottesdienst die Heilige Schrift gereicht wurde, das wird vom Evangelisten Lukas nicht berichtet. Der Gast stößt auf eine Stelle aus dem Propheten Jesaja und liest:
„Der Geist des Herrn ist auf mir,  weil er  mich gesalbt hat, zu verkündigen den Armen die frohe Botschaft; die zu verbinden, die ein zerbrochenes Herz haben; auszurufen den Gefangenen die Befreiung und den Gebundenen die Lösung ihrer Fesseln; auszurufen ein Jahr des Wohlgefallens für Gott.“
Jesus gibt die Schriftrolle zurück in die Hände des Synagogendieners. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Gespanntes Warten. Alle ahnen: Jetzt gleich, in diesem gewöhnlichen Gottesdienst wird etwas ganz Außerge­wöhnliches geschehen. Und schon der erste Satz Jesu verändert alles:
„Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“

Da, plötzlich steht sie im Raum, die Erfüllung. Nicht mehr nur als Text oder Lesung, nicht als geschichtliches Zeugnis oder ferne, zukünftige Hoffnung.
Nein, sie ist da! – Ereignis, Präsenz!
Erfüllung greift an, greift ein; will ergreifen und verändern. Das Leben ist nicht mehr nur ein Bild, sondern unmittelbare Wirklichkeit.
Jesus öffnet Augen und Ohren. Diese Erfüllung gilt
  • den Armen, die Tag um Tag um ihre materielle Existenz bangen müssen,
  • denen, die gebunden sind an gesellschaftliche und materielle Zwänge, 
  • dem, der gefangen ist in dunklen Gedanken und Geheimnissen.

Freiheit wird angesagt.
Aber die Skepsis flüstert weiter ins Ohr: „Freiheit? Kannst Du das wirklich?“

Die Hörer der Worte Jesu damals wurden zornig: Sie warfen ihn aus der Stadt hinaus. Kann es sein, dass diese Freiheit schwer auszuhalten ist?
Kann es sein, dass es schwer erträglich ist, wenn einer von Erfüllung spricht?
„ … – hol mich hier raus. bitte – telemann – liebe – holt mich hier raus.“  

III.
„Nichts ist auf Erden kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Fröhlichen traurig, die Verzagten beherzt zu stimmen denn die Musik.“
Diese Worte Martin Luthers sind überzeugend – bis heute.
Der amerikanische Musikpsychologe Robert Jourdain schreibt:
„Musik scheint von allen Künsten die zu sein, die uns am unmittelbarsten berührt, und auch die, die am leichtesten Lust und Ekstase hervorruft.“

Musik erfüllt. Berührt das menschliche Wesen.
Erschüttert und fasziniert zugleich.
Musik, die in dieser Weise erfüllt, ist Predigt im ursprünglichsten Sinn.

Predigt – Praedicatio. Öffentliche Bekanntmachung einer guten Nachricht.
Die gute Nachricht, dass Gott selbst für unsere Gerechtigkeit, unsere Identität unser Person-Sein einsteht, uns selbst am Schopfe aus dem Graben zieht.
Die Wiederentdeckung dieses ursprünglichen Evangeliums –
das war das Ereignis der Reformation!
Kein Wunder, dass die Reformation auch ein musikalisches Ereignis war.
Die Musik gehört bis heute zum Selbstverständnis unserer Kirchen dazu.
Sie ist nicht etwas, was zu unserem kirchlichen Leben zusätzlich dazukommt. Sie gehört zum Wesen eines befreiten Glaubens.
In seinen Tischreden spricht Martin Luther davon, dass Gott das Evangelium auch durch die Musik predigt.

IV.
Musik ist Gottesgabe. Diesem Geheimnis wollen wir in der Evangelischen Kirche im Jahr 2012 besonderen Raum geben.
Im Rahmen der Lutherdekade wird in jedem Jahr ein Thema besonders hervorgehoben. Das weite Spektrum des reformatorischen Wirkens rufen wir auf diese Weise ins Bewusstsein.
Heute, in diesem Gottesdienst eröffnen wir das Jahresthema 2012 in unserer Landeskirche: „Reformation und Musik“. Wir beleuchten in diesem Jahr die Verbindung von Reformation, Glauben und Musik.

Die Reihe der fünf Telemannkantaten, die unter dem Titel „Happy Telemann“ im Laufe des Jahres hier in der St. Marien-Kirche aufgeführt werden, ist dafür ein Beispiel. Ein Beispiel, dass es bei dem Thema Reformation und Musik nicht um eine bloße historische Rückschau geht. Vielmehr kommen Geschichte und Gegenwart zusammen und werden zu einem neuen Ereignis. Spannungsvoll auf­einander bezogen ergeben sich gerade daraus Fragen und neue Sinnzusam­menhänge. So wie wir es in der Kantate heute auf eindrückliche Weise erlebt haben.

Das Themenjahr Reformation und Musik erschöpft sich aber nicht allein in besonderen Veranstaltungen und musikalischen Highlights. Dieses Jahr bietet die Chance, gerade auch die Musik, die uns scheinbar so selbstverständlich Tag für Tag und Woche für Woche in unseren Kirchen und Gemeinderäumen begegnet, hervorzuheben und zu würdigen.
Dass in unseren Kirchen so viel gute und qualitativ hochwertige Musik erklingt, das liegt an den Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern, die die Musik in die Gemeinden tragen und an andere Menschen weitergeben. Es liegt auch an den vielen Ehrenamt­lichen,  die helfen,  die Musik zum Klingen zu bringen. Mit Musik und Ge­sang drücken wir unsere Gefühle und unsere Glaubenserfahr­un­gen aus. Und immer ist das gemeinsame Singen auch ein besonderes Gemein­schafts­­erlebnis.
Dieser göttlichen Gabe der Musik wollen wir in diesem Jahr auf die Spur kommen. Im Hören, im Singen, im Musizieren. Denn: Musik ist tatsächlich eine Kraft, die uns befreien kann. Und herausholen aus den Fesseln und engen Grenzen unserer Welt.

V.
„Der Geist des Herrn ist auf mir,  weil er  mich gesalbt hat, zu verkündi­gen den Armen die frohe Botschaft …“
Wo Jesu Wort Raum gewinnt ist Erfüllung ganz nah.
Auf ihm ruht der Geist, an dem wir alle Anteil haben. Der Geist, der die frohe Botschaft verkündigt, in Wort und Musik.

Im Vertrauen auf ihn rufen wir das Jahr 2012 getrost aus als ein Jahr des Wohlgefallens für Gott und sprechen:
„Dir, Gott, vertrauen wir uns an und rufen zu dir:
Hol Du uns heraus. Und führe uns in ein erfülltes Leben!

Amen.



Grußwort von Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates zur Eröffnung des Jahres „Musik und Reformation"


Sehr geehrter Herr Bischof Dröge,
sehr geehrter Herr Hohberg,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gemeinde,

in fünf Jahre 2017 ist es soweit. Zum 500ten Mal jährt sich der Thesenanschlag Martin Luthers an die Schlosskirche in Wittenberg. Das Jahr „Musik und Reformation", das wir heute hier eröffnen, ist eine der Vorbereitungen auf dieses runde Jubiläum.

Die Reformation ist untrennbar mit dem Namen Martin Luther verbunden.

Martin Luther war nicht nur der große Reformator, der Ketzer gegen Rom, der wortgewaltige Kanzelredner, der geniale Bibelübersetzer, der Tabubrecher, der als Mönch heiratete, der Mann der eine Bewegung beflügelte, die frischen Wind nicht nur durch Deutschland blies, der das Christentum modernisierte, sagen die einen, spaltete, sagen die anderen, der aber unbestritten einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung Deutschlands leistete. Der Kultur, Gesellschaft und Politik nachhaltig prägte.

Martin Luther war auch ein wunderbarer Lieddichter!

Und Martin Luther war auch der erste Medienstar seiner Zeit. Der Buchdruck hat seine Schriften massenhaft verbreitet, die Malerfamilie Cranach hat sein Konterfei massentauglich für die Nachwelt festgehalten. Luther ist die am häufigsten von Künstlern porträtierte Persönlichkeit der deutschen Geschichte.

In regelmäßigen Abständen boten die Luther- und Reformationsjubiläen, Anlass das Lutherbild den jeweils vorherrschenden politischen und kulturellen Gemengelagen anzupassen. Nationalistische Töne waren oft, besonders bei bei den Feierlichkeiten zum 400 Jahrestag der Reformation 1917, unüberhörbar!

Zum letzten Mal wurde 1983 der 500. Geburtstag des Reformators, noch im geteilten Deutschland, gefeiert. Erich Honecker übernahm damals selbst den Vorsitz des staatlichen Lutherkomittees in der DDR und in der Bundesrepublik initiierte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Bernhard Vogel im Bundesrat die offizielle bundesrepublikanische Lutherehrung.

Nicht vergessen werden darf, dass 1983 Bürgerrechts- und Friedensgruppen in der DDR das Jubiläum nutzten um in Form von Thesen ihren Protest zu artikulieren.

Jetzt fünf Jahre vor dem 500 Jahrestag der Reformation ist es Zeit darüber nachzudenken wie wir 2017 das Jubiläum feiern wollen. Weniger Staat, weniger Amtskirche dafür mehr reformatorische Kultur und Kunst, das ist meine Erwartung. Das heute beginnende Jahr „Musik und Reformation" ist deshalb ein so hoffnungsvolles Signal.

Im Namen des Deutschen Kulturrates, seiner acht Sektionen und ihrer 235 Bundeskulturverbände, wünsche ich dem Jahr „Musik und Reformation" viel Erfolg und öffentliche Wahrnehmung.
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