Reformationsgottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Bischof Dr. Markus Dröge, Reformationsgottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, 31. Oktober 2011, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Berlin, Matthäus 10,26-33
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
I.
Mit einem Festgottesdienst und einem Bürgerfest begannen am 2. Oktober die Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum der neuen Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.
Zu diesem besonderen Jubiläum werden bis zum 19. Dezember noch zahlreiche Veranstaltungen und Gottesdienste stattfinden.
Der „geschundenen Turm“ – so bezeichnet der Kunsthistoriker Prof. Dr. Kai Kappel das Gebäudeensemble, das die zerstörte alte Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in der heutigen Form in seine Mitte nimmt.
Es ist ein mutiges Bekenntnis, mit der eigenen Geschichte zu leben – mit der schmerzhaften Erinnerung an Krieg und Zerstörung, mit der Erinnerung an Schuld und Versagen. Es ist das Bekenntnis, die eigene Geschichte nicht einfach ausradieren zu wollen, sondern sich ihr zu stellen. Und es ist gerade deshalb ein Bekenntnis zu Versöhnung und Frieden.
II.
Von einem mutigen Bekennen spricht auch der Predigttext für den heutigen Reformationstag. Ich lese aus dem Matthäus-Evangelium im 10. Kapitel:
Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.
Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.
Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.
Eindringliche Worte Jesu an die, die er gerufen hat und die er nun mit einem Auftrag in die Welt schickt:
„Was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern“,
sagt Jesus den Jüngern.
„Macht sichtbar, für was euer Herz brennt. Steigt auf die Dächer, damit man euch sehen und hören kann. Behaltet nicht für euch, woran ihr glaubt, sondern bekennt, wovon ihr überzeugt seid, trotz aller Risiken und Nebenwirkungen, die das mit sich bringen mag!“
Ein solches öffentliches Bekennen bringt Gefahren mit sich. Illusionslos spricht Jesus deshalb von Spott und Verfolgung, ja von Lebensangst. Und trotz alledem sendet er seine Jünger.
Sie sollen leidenschaftliche Bekenner werden, denn Jesus selbst ist voller Leidenschaft, wenn es um seine Botschaft geht:
„Wer mich bekennt, den bekenne auch ich. Und wer mich verleugnet, den verleugne auch ich vor meinem himmlischen Vater“.
Es geht um die ganze Person. Die Wahrheit steht auf dem Spiel.
III.
Heute gedenken wir eines historischen Datums. Martin Luther hat am 31. Oktober 1517 seine neue Einsicht veröffentlicht. Was er im Studium der Heiligen Schrift für sich neu erkannt hatte, das sollte nicht verborgen sein.Was er im Herzen trug, sollte nicht geheim bleiben.
In 95 prägnanten Sätzen hatte er zusammengefasst, was er für diskussionswürdig hielt. Er scheute nicht das Licht der Öffentlichkeit und nicht die kritische Diskussion sachlicher Kontrahenten. Was Gott ihm anvertraut hatte, wollte er der akademischen Öffentlichkeit zur Disputation vortragen.
Ob er die 95 Thesen wirklich an die Kirchentür in Wittenberg schlug, ist bekanntlich eher ungewiss. Sicher aber ist, dass dieser Diskussionsbeitrag sich in Windeseile verbreitete. Offensichtlich hatte der junge Mönch die Zeichen der Zeit erkannt, den Finger in die Wunden gelegt.
Gegen die Auswüchse der katholischen Kirche des Mittelalters trat Martin Luther mit der epochemachenden Erkenntnis an, dass der Glaube nicht von der Kirche verwaltet werden kann, sondern Sache des einzelnen Menschen und seiner Gewissensüberzeugung ist.
Jede und jeder soll in der Heiligen Schrift seinen Trost finden, in Christus seine Befreiung und im persönlichen Glaubensleben wissen: Ich stehe vor Gott,
- als Sünder, aber gerechtfertigt,
- oft verzagt, aber immer neu ermutigt,
- vom Zweifel nicht verschont, aber vom Wort Gottes immer neu ins Vertrauen gerufen.
Das ist die ungemein befreiende Botschaft des Evangeliums Jesu Christi. Christen auf der ganzen Welt fühlen sich von ihr getragen. Reformatorischer Glaube heißt: Gott allein die Ehre geben, allein auf seine Gnade vertrauen.
Dieses wiederentdeckte, keineswegs neue biblische Glaubensverständnis war in der Kirche zur Zeit Martin Luthers bis zur Unkenntlichkeit hinter verkusteten, teils menschenunwürdigen Traditionen versteckt. Luthers Erkenntnis hat dann eine weltweite Bewegung angestoßen. Die Schwingungen reichen bis heute.
Beim denkwürdigen Besuch Benedikts XVI. im Augustinerkloster in Erfurt am 23. September hat – leider nur hinter verschlossenen Türen – Benedikt die Frage Luthers nach einem gnädigen Gott gewürdigt. Der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, hat die reformatorische Antwort gwürdigt und als eine Gabe für die gesammte Christenheit bezeichnet. Die Reformation hat, so sagte er, „eine starke Theologie der Gewissheit in Zeiten höchster Verunsicherung geschenkt und für die ganze Christenheit in den letzten fünfhundert Jahren lebendig gehalten.“
Aber die Reformation hat nicht nur die Kirche erneuert, sondern auch die Gesellschaft verändert, hat Spuren hinterlassen im Bildungsverständnis, in der Philosophie, im kulturellen und im politischen Leben. Bis zum 500. Jubiläum der Reformation im Jahr 2017 wollen wir in der Evangelischen Kirche in Deutschland diesen Spuren nachgehen.
Im Kern ist die Botschaft des Evangeliums also eine Ermutigung zur Gewissensfreiheit, zum freien Wort und zur öffentlichen Diskussion.
Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.
Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
IV.
Die Botschaft der Reformation muss inzwischen an ihrem Feiertag, dem Reformationsfest, in der öffentlichen Wahrnehmung mit einem Geisterfest konkurrieren. Ich weiß nie recht, ob ich darüber großmütig lächeln oder betroffen traurig sein soll.
Die Botschaft von der Freiheit des Gewissens und von der Ermutigung zur öffentlichen Diskussion des Glaubens hat mit Fratzen und Geistern, mit obskuren Praktiken zur Vertreibung finsterer Mächte zu kämpfen.
So richtig ernst zu nehmen ist das nicht. Denn ist das alles nicht letztlich nur ein Kinderspiel oder eine durchsichtige Masche der Werbebranche?
Vielleicht aber ist es doch ein Symptom für eine Gesellschaft, die die Gewissensfreiheit und die Möglichkeit freier Diskussion für so normal hält, dass sie nicht mehr spürt wie wertvoll diese Freiheiten sind, und deshalb keinen Bedarf mehr für ein Fest, wie das Reformationsfest sieht, das ernsthaft daran erinnert?
Schauen wir auf den arabischen Frühling, dann sehen wir, was Menschen heute noch wagen müssen, um sich diese Rechte zu erkämpfen. Wenn in Tunesien bei den ersten Wahlen 90% der Bevölkerung den Stimmzettel abgegeben haben, dann zeigt dies eine große Sehnsucht nach Freiheit und demokratischer Mitwirkungsmöglichkeit. Die Wahlbeteiligungen bei uns liegen weit darunter.
Und doch sind die Entwicklungen in den nordafrikanischen Staaten nicht ohne Sorgen zu betrachten. Welche Form von Demokratie wird sich entwickeln? Wird es gelingen, Gesellschaften aufzubauen, in denen die Freiheitsrechte inklusive der Religionsfreiheit für alle Menschen, gleich welcher Religion und Konfession, gelten? Wird der Bezug auf die islamische Glaubenstradition diese Freiheiten ermöglichen? So, wie der Gottesbezug in unserer Verfassung eine uneingeschränkte und unteilbare Religionsfreiheit für alle ermöglicht?
Wie immer wir diese Entwicklungen in anderen Gesellschaften beurteilen,
der Reformationstag sollte jedenfalls in unserer Gesellschaft als ein Tag begangen werden, der nicht nur konfessionalistisch die Geburtsstunde der reformatorischen Kirche feiert. Denn erstens wollte Martin Luther mit seinen Thesen keine neue Kirche gründen, zweitens gilt das befreiende Evangelium der biblischen Botschaft für alle Christen gleich und drittens:
Die Erfahrungen der Reformation bieten einen kulturellen Mehrwert, der über die rein kirchliche Bedeutung hinausgeht: Es geht um Gewissensfreiheit und eine offene und öffentliche Diskussionskultur.
Wenn wir als Evangelische Kirche mit Lutherbonbons gegen Halloween vorgehen, dann trifft dies vielleicht ganz gut die kindliche Erfahrungsebene. Wichtiger aber ist dies:
Mit dem Reformationsfest treten wir für eine freie Gesellschaft ein und erinnern daran, dass auch die Reformation eine der lebendigen Quellen dieser Freiheit ist.
Wenn wir das bedenken, dann stört auch der eine oder andere ausgehöhlte Kürbis nicht wirklich.
V.
Mit dem Evangelium bekennt sich die Christenheit zur Freiheit. Und sie tut dies in einer Welt, die vielfach noch unfrei ist. So wie die Kirche als „ecclesia semper reformanda“ immer reformbedürftig bleibt, so bleibt es auch die Gesellschaft, in der wir leben.
Das mutige Bekenntnis zur eigenen Geschichte, zur eigenen Glaubenstradition – trotz aller Brüche und Verirrungen, gehört dazu, so wie diese Kirche, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit ihrem „geschundenen Turm“ sich zu ihrer Geschichte bekennt und gerade deshalb von Freiheit und Versöhnung zeugen kann.
Amen.
