Zweifeln und Hoffen

Seit drei Jahren betreibt die Schweizer Kommunität Don Camillo in Berlin ein Stadtkloster

Von Markus Geiler (epd)

8. September 2010. Berlin (epd). Aufgeben stand zwar nie richtig zur Debatte. "Aber die erste Zeit war schon hart", sagt Georg Schubert. "Dieser Lärm, diese Schutzlosigkeit und dieser Berliner Winter!" Vor drei Jahren kam der Schweizer mit Frau und Kindern, einer weiteren Familie und einem Ehepaar der Kommunität Don Camillo aus dem idyllischen Montmirail am Fuße des Schweizer Jura nach Berlin in den Prenzlauer Berg. Dort errichteten sie das evangelische Stadtkloster Segen.

Der Kontrast konnte nicht größer sein: Statt eines 1618 erbauten lieblichen Barock-Landsitzes erwartete die Don-Camillo-Pioniere eine 1908 in die Häuserblocks eingelassene marode "Arbeiterkathedrale" mit rußiger Klinkerfassade und dunklem Innenhof. Statt weitem Himmel, Obstbaumwiesen, grasendem Vieh und blauen Seen ein endloser Strom an Autos und Lastwagen auf der Schönhauser Allee.

Von dem ruppigen Äußeren ließen sich die Schweizer bei ihrem ersten Besuch aber nicht abstoßen. Der Ort war ideal für ihr Projekt. "Wir haben das Potenzial gesehen, das die Segenskirche und ihre Gebäude für einen Ort der Stille und Einkehr inmitten der Stadt haben", sagt Schubert. Hier sei Leben, Arbeiten und Beten auf kleinem Raum gut möglich, und diejenigen, die angesprochen werden sollen, wohnen direkt vor der Tür.

Schon lange trugen sich Mitglieder der zwölf Familien umfassenden Schweizer Kommunität mit dem Gedanken, einen Ableger in einer Stadt aufzumachen. Da traf es sich gut, dass einer der Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg-Nord, Gisbert Mangliers, europaweit nach neuen Nutzern der Segenskirche suchte. Die Idee des Stadtklosters Segen wurde geboren als gemeinsames Projekt von Kirchengemeinde und Kommunität.

Im August 2007 kauften die Don Camillos die Kirche ab, traten der Landeskirche bei und die Leute um Schubert machten sich an die Arbeit. Vorrangiges Ziel war die Sanierung des Gebäudekomplexes und der Einbau von Gästezimmern, Bet-, Meditations- und Gemeinschaftsräumen. Dafür stellte die Kommunität für ein Jahr Spendengelder zur Verfügung, damit die Neuberliner sich ganz dem Aufbau widmen können.

Was dann kam, war eine Phase "großer Lernschritte", wie Georg Schubert sagt. Im ersten Winter wurden sie überrollt von Anfragen Obdachloser und Hilfsbedürftiger nach Unterkunft und Essen. Nacht für Nacht quietschte das unverschlossene Eisentor, weil Nachtschwärmer den dunklen Hof gern als Toilette missbrauchten. "Wir mussten lernen, dass es nicht weit von hier eine Armenküche der Franziskaner gibt und dass es kein Zeichen von mangelnder Offenheit ist, wenn man ein Hoftor nachts abschließt", sagt Schubert.

Überrollt wurden sie aber auch von der "schieren Größe" Berlins. "Wir haben uns immer wieder gefragt, wie überlebt man in einer Stadt mit so vielen Reizüberflutungen und Eindrücken, ohne völlig verrückt zu werden", berichtet er. Aber bei allen Zweifeln, die sie immer wieder überkamen: Sie blieben. Zwar ging das eine Ehepaar nach einem Jahr zurück in die Schweiz, dafür kamen aber eine Frau und ein Mann aus der Kommunität zur Unterstützung nach Berlin.

Auch die Spendengelder flossen von Monat zu Monat weiter, wenn auch überwiegend aus der Schweiz. Der Kreis der Spender aus Berlin nehme langsam zu, sagt Schubert. Mittlerweile sind rund 1,3 Millionen Euro in der Schönhauser Allee 161 verbaut, Teile des Innenhofs sind restauriert, es gibt gut ausgebuchte Gästezimmer, einen ruhigen Klostergarten und viele feste und wechselnde Angebote der Kommunität.

Die alltäglichen offenen Stundengebete um 8 und 12 Uhr seien "nicht so der Renner", räumt Schubert allerdings ein. Dafür kommen zur einstündigen "Abendbesinnung" sonntags um 21 Uhr im Schnitt bis zu 50 Menschen aus ganz Berlin. Das ist viel für eine vergnügungssüchtige Stadt mit ihren hunderten Zerstreuungsangeboten. Dazu kommen Meditationswochenenden, Konzerte und die Einladung an Alltagsflüchtlinge, mit der Kommunität eine Zeitlang zusammenzuleben.

Manchmal tue sich die örtliche Kirchengemeinde schwer damit, "was das alles soll", sagt Schubert. Immer mal wieder gebe es Kritik, dass sich die Kommunität nicht an der normalen Gemeindearbeit beteilige, keine Seniorenarbeit, Frauenkreise oder keinen klassischen Sonntagvormittag-Gottesdienst anbiete. Schubert glaubt aber, dass ihr Weg zukunftsträchtig für die Idee eines Stadtklosters ist. Auch für ihn und seine Familie. "Montmirail - die Zeit ist vorbei", sagt er. Ihr Zuhause ist 
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