Seelsorger mit Traktorführerschein

Generalsuperintendent Martin Herche hat am 1. Januar 2011 sein Amt im Sprengel Görlitz angetreten. Der Einführungsgottesdienst findet am 22. Januar um 14 Uhr in der Kreuzkirche Görlitz, Erich-Mühsam-Str. 1, 02826 Görlitz, statt.

Generalsuperintendent<br/>Martin Herche<br/>© Die Kirche 201021.1..2011. Von Benjamin Lassiwe

Das Büro riecht noch nach frischer Farbe. Doch auf dem Schreibtisch liegen Akten, und auch das große Bücherregal aus Kiefernholz ist schon gut bestückt. Seit dem ersten Januar arbeitet der bisherige Regionalbischof von Halle, Martin Herche, als Generalsuperintendent von Görlitz – und mit einem Festgottesdienst in der Görlitzer Kreuzkirche wird der Theologe an diesem Samstag auch offiziell in das Amt an der Spitze des von der tschechischen Grenze bis zum Oderbruch reichenden Kirchenbezirks eingeführt.

„Ich will als Generalsuperintendent ein Seelsorger für Pfarrerinnen und Pfarrer sein, aber auch für andere Menschen, die die Unterstützung eines Geistlichen brauchen“, beschreibt der 57jährige Herche seine Pläne für die zehnjährige Amtszeit vorgenommen hat. Vor allem das Zusammenwachsen seines 200.000 Gemeindeglieder zählenden Sprengels liegt ihm am Herzen: Denn am ersten Januar verschmolz der bisherige Sprengel Cottbus mit dem bisherigen Sprengel Görlitz. Und beide hatten ein jeweils eigenes Profil: „Im alten Sprengel Cottbus machte sich die eigene Identität sehr stark an der Person des Generalsuperintendenten fest – Günter Jacob, Forck, Reinhardt Richter, Rolf Wischnath, Asmus“, sagt der großgewachsene, grauhaarige Theologe. Im Gespräch antwortet er langsam und bedächtig, nachdenklich, nicht aus dem Bauch heraus. „Mich haben gleich bei den ersten Gemeindebesuchen Menschen angesprochen, die mir von ihren Begegnungen und den Rüstzeiten mit diesen Vorgängern erzählten.“ Der alte Sprengel Görlitz bildete hingegen bis 2004 als Evangelische Kirche der schlesischen Oberlausitz eine eigene Landeskirche. „Und viele Gemeindemitglieder haben Vorfahren, die jenseits der Neiße lebten, und sehen sich in der schlesischen Tradition.“

Der in Wrietzen geborene Herche hat dagegen seine Wurzeln in der Lausitz: Sein Vater war Pfarrer in Noßdorf bei Forst. „Hier bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen“, sagt Herche. Und hier machte Herche auch die ersten Erfahrungen mit Kirche: Als Jugendlicher half er im Kindergottesdienst, und schon als 15jähriger predigte er in einem Weihnachtsgottesdienst. „In der DDR hatte das zur Folge, dass ich ‚wegen mangelnder politischer Reife’ der Erweiterten Oberschule abgelehnt wurde“, erinnert sich Herche. Auch den heimlichen Berufswunsch, einmal als Sportreporter bei der RUNDSCHAU zu arbeiten, musste er begraben. Stattdessen begann er eine Lehre zum Rinderzüchter, und machte die Straßen rund um Cottbus mit dem Traktor unsicher – in der stillen Hoffnung, einmal Tierarzt werden zu können. Doch kam es anders. Herche ging ans kirchliche Gymnasium in Potsdam-Hermannswerder, machte dort sein Abitur, studierte Theologie in und , wurde Pfarrer in Heringen/Helme, schließlich Superintendent Heiligenstadt und Regionalbischof Halle.

Künftig werden vor allem die Straßen in Ostsachsen und Brandenburg ein Teil seines Zuhauses sein: Als Generalsuperintendent wird er viel reisen, zwischen Görlitz und Frankfurt, Wriezen und Cottbus. Manches hat schon abgefärbt: „Als ich kürzlich zum Mitarbeiterkonvent in Fürstenwalde war, bemerkte ein Teilnehmer, dass ich wieder brandenburgisch spreche“, schmunzelt Herche. Wenn auch noch nicht zu allen Themen seiner neuen Heimat: Auch wenn er ein Gegner der Co2-Verpressung ist, wie er der RUNDSCHAU nach seiner Wahl berichtete, muss „ich mich nicht sofort zu allem äußern“, sagt Martin Herche. „Als Generalsuperintendent kann ich mich äußern, um der Menschen willen, die mir anvertraut sind – aber ich muss es nicht tun, um in den Medien vorzukommen.“ Wichtiger sei es ihm, sich für seine Kirche einzusetzen. Sprachfähig will er für den Glauben sein. „Ich glaube, dass es für jeden Menschen gut ist, wenn es in seinem Leben auch eine Dimension der Transzendenz gibt“, sagt Herche. „Denn es gehört zum Menschsein dazu, dass es letzte Dinge gibt, die wir trotz allem Fortschritt selber nicht beherrschen können.“ Die Kirche könne ein guter Ort sein, um sich damit auseinanderzusetzen. Wobei es dem Theologen wichtig ist, dass das in der Gemeinschaft aller Christen passiert: „Meine große Hoffnung ist es, dass 2017 von Wittenberg ein starkes Signal der Einheit ausgeht.“ Dann nämlich jährt sich Luthers Thesenanschlag zum 500. Mal. Und Herche hofft, dass sich auch Katholiken und Orthodoxe am Jubiläum beteiligen. „Nur gemeinsam sind wir glaubwürdig“, sagt Martin Herche. „Deshalb hoffe ich sehr, dass das Reformationsgedenken die Kirchen zu einem noch besseren Miteinander in versöhnter Verschiedenheit führt.“

Der Artikel ist am 20. Januar 2011 in der Lausitzer Rundschau erschienen.

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