Ruth Koschel
Ruth Koschel war viel unterwegs. Jetzt ist sie in Belzig angekommen und hält Gottesdienste
Von Karl Hildebrandt
Lektorin sein? Für Ruth Koschel hatte der Weg in dieses Ehrenamt zunächst wenig mit Gemeinde zu tun. Ihr Motiv war persönlicher Art. Vor drei Jahren starb ihr Vater. „Er fehlte mir auch als wandelndes Lexikon für Religion und Glauben“, sagt die 36-Jährige. „Da wollte ich selber mehr wissen.“ Ihr Belziger Pfarrer Matthias Stephan riet ihr zu einem Lektorenkurs, der im Herbst 2008 in ihrer früheren Potsdamer Gemeinde begann. Aber darin ging es mehr um Praxisfragen als um theologisches Grundwissen. „Doch es war gut für mich selbst und um meinen Ort in dieser Kirche zu bestimmen“, sagt die Frau mit dem roten Kopftuch, die ihre jüngste Tochter Esther im Arm hält.
Ruth Koschel wuchs in Hessen auf, war katholisch, „so richtig als Messdienerin und Pfadfinderin“. Nach dem Abitur zog sie nach Brasilien und arbeitete zwei Jahre in einer Alphabetisierungsschule bei Porto Alegre. Von dort kam sie 1994 zum Lehramtsstudium nach Potsdam. Die zum „Innehalten“ erhoffte „atheistische Wüste im Osten“ brachte für sie einen Neuanfang. Sie wurde evangelisch und ging in eine reformierte Gemeinde.
Von der Universität schwenkte sie zum Handwerk um und wurde Bäckerin. Nachts um zwei vor dem Teigkneter zu stehen, das hielt sie nicht ab. Als Gesellin ging sie für zwei Jahre auf die Walz. Dabei traf sie Timo Brenner. Er ist nun ihr Ehemann und selbständiger Zimmerermeister. Ruth Koschel bekam ihren Meisterbrief 2004, kurz nach der Geburt der ersten Tochter Hannah. Sohn Ilja ist drei Jahre und Esther acht Monate alt. Ihren Bäckerberuf lebt die Mutter einstweilen in der Familie aus. Nach Belzig, in das kleine Haus am Waldrand, kamen sie 2006 durch Freunde.
Auf der anderen Straßenseite liegt die Asylunterkunft des Landkreises. „Seit Brasilien wollte ich was mit Flüchtlingen machen“, sagt Ruth Koschel. Nun gibt sie nebenan einen Deutschkurs. Die Begegnungen mit den Familien aus Afghanistan und dem Irak gehen manchmal auch über den Unterricht hinaus.
Und Lektorin sein? Eine Handvoll Gottesdienste hat sie schon gehalten. In Belzig und auf Dörfern, die zur fusionierten Gemeinde Sankt Marien Hoher Fläming Belzig und zum Sprengel Raben-Rädigke gehören. Der Pfarrer ist derzeit allein für die Stadt und 16 Dörfer da. Ruth Koschel fragt nach dem „Verhältnis zwischen Ballast und Essenz“: „Wie viel machen wir, nur um den Laden am Laufen zu halten, und wie viel entspringt der Überzeugung?“ Doch es tut sich etwas, auch aus der Not heraus. So fragt Pfarrer Stephan inzwischen zuerst seine fünf Lektorinnen und Lektoren, ob und wann sie Gottesdienste übernehmen wollen. „Wir sind hier keine Lückenbüßer“, sagt Ruth Koschel.
Besonders die Situation auf den Dörfern beflügelt sie in ihrem Nachsinnen über Gemeinde, Gottesdienst und Glauben: „Wir können doch nicht fünf mit einer Liturgie überrollen, die für fünfzig gedacht ist.“ Sie forscht nach anderen Gottesdienst-Formen, vielleicht mit mehr Gesprächscharakter und erlebt doch, wie wichtig den wenigen, die noch da sind, der tradierte Ablauf ist. Sie will sich Zeit lassen, beobachten, den Austausch üben. Noch sind es ja ihre Gesellenjahre als Lektorin.
