Kerstin Griese

Kerstin Griese saß lange im Bundestag. Von ihrer Erfahrung profitiert heute das Diakonische Werk

KGriese.jpgVon Benjamin Lassiwe 

„Kerstin Griese ist eine von uns“, sagte der Rheinische Präses Nikolaus Schneider Anfang Februar in der Berliner Golgathakirche, als die frühere Bundestagsabgeordnete in ihr neues Amt als sozialpolitischer Vorstand des Diakonischen Werks der EKD eingeführt wurde. Treffender hätte er das Leben der 43-jährigen Rheinländerin nicht zusammenfassen können: Aufgewachsen als Tochter eines Pfarrers engagierte sich Kerstin Griese in der evangelischen Jugendarbeit und half im Kindergottesdienst mit. „Ich habe wahrscheinlich alle biblischen Geschichten, die es gibt, einmal gebastelt, geknetet und vorgespielt“, sagt sie. 
Ein Jahr nach dem Abitur trat Kerstin Griese 1986 in die SPD ein. Als Jugendsynodale der Evangelischen Kirche im Rheinland lernte sie Johannes Rau kennen. „Er hat mich geprägt“, sagt sie. „Er hat nie versucht, die Politik für den Glauben oder den Glauben für die Politik zu instrumentalisieren.“ Sie studierte Geschichte und Politikwissenschaften, es folgte die Wahl in den SPD-Parteivorstand und in den Deutschen Bundestag. 
Sieben Jahre lang war Griese Vorsitzende des Familienausschusses, engagierte sich gegen Kinderarmut und für bessere Bildungschancen von Kindern aus bedürftigen Familien. Nahezu zeitgleich wurde sie in die EKD-Synode berufen. Beim Thema Spätabtreibungen setzte sie mit einem Gruppenantrag gegen die Mehrheit in ihrer Partei eine verbindliche Bedenkzeit und die Verpflichtung des Arztes durch, eine Beratung zu vermitteln. „Bis heute respektieren mich deswegen auch Politikerinnen und Politiker anderer Parteien“, sagt Kerstin Griese. Und als Sprecherin des Arbeitskreises „Christinnen und Christen in der SPD“ und kirchenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion bemühte sie sich um Kontakte zwischen Kirche und Sozialdemokratie. 
Am 27. September 2009 änderte sich Kerstin Grieses Leben schlagartig. Nach neun Jahren verlor sie ihr Mandat im Deutschen Bundestag, „gegen einen absoluten Nobody von der CDU“. Spät in der Nacht erfuhr Kerstin Griese von der Landeswahlleiterin von Nordrhein-Westfalen zudem, dass der sicher geglaubte Listenplatz 13 nicht gereicht hatte. Wenn Kerstin Griese davon spricht, merkt man ihr immer noch den Schmerz der Niederlage an. „Ich habe gespürt, wie mich mein Gottvertrauen durch Krisen trägt“, sagt Griese. Eine Woche nach der Wahl riefen Nikolaus Schneider, den Kerstin Griese seit ihrer Kindheit kennt, und der Präsident des Diakonischen Werks der EKD, Klaus-Dieter Kottnik, bei ihr an. Ob sie sich vorstellen könne, in den Vorstand des Diakonischen Werks zu gehen? Kerstin Griese konnte.  Heute ist die ledige und kinderlose Rheinländerin voll in das Tagesgeschäft der Diakonie eingebunden. In einem Sitzungsmarathon beschäftigt sie sich mit der Frage der geplanten Fusion des Diakonischen Werks der EKD mit Brot für die Welt und dem Evangelischen Entwicklungsdienst. Und sie setzt sich dafür ein, dass die Lobbyarbeit der Diakonie für die Schwächsten der Gesellschaft im politischen Berlin professioneller wird. „Ich bin dafür, dass wir dafür auch den Begriff Lobbyismus verwenden – denn das ist nicht nur Aufgabe der Wirtschaftsverbände, sondern auch der Diakonie“, sagt Kerstin Griese.
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