Torsten Ramlow
Es gibt eine Welt, die bleibt den meisten von uns verschlossen. Torsten Ramlow kennt sie hingegen gut. Im schwarzen T-Shirt mit den großen Lettern „VIP“ auf Brust und Rücken steht er hinter dem Küchentresen, wo ein riesiger Topf Rosenkohleintopf köchelt, meist lächelnd.
Viele der Gäste der Notübernachtung der Berliner
Stadtmission, manchmal sind es um die 150 pro Abend, begrüßen den
schmalen Mann erfreut. Um so herzlicher, weil er jetzt nicht mehr so
regelmäßig hier arbeitet wie früher. Als ehrenamtlicher Helfer kommt der
44-Jährige gebürtige Kyritzer hierher, wenn er Urlaub oder einen freien
Tag hat. Dann kocht er, teilt Essen aus, wechselt mit vielen der
Obdachlosen, die Nacht für Nacht für ein Essen und ein Lager vor der Tür
in der Lehrter Straße stehen, ein paar Worte. Er nimmt die Bedürftigen
in ihrer Situation ernst, ohne gekünsteltes Mitleid.
Als der
gelernte Maurer 1998 nach Berlin kam, wollte er von der Familie weg –
seine Ehe war gescheitert, den Job hatte er verloren und er trank zu
viel. Vielleicht würde in Berlin alles besser werden, hoffte er. Wohnung
und Arbeit hatte er hier nicht und lebte auf der Straße. Dann zog er
sich eine Verletzung am Sprunggelenk zu. Keinen schien das zu
interessieren. Nach drei Tagen brachte ihn ein mitfühlender Taxifahrer
zur Krankenstation der Stadtmission, damals war sie in die
Magdalenenstraße. Viele Gespräche wurden mit ihm geführt. Er kam in ein
Übergangsheim, versuchte dem Problem Alkohol zu Leibe zu rücken. Einer
der Betreuer sprach ihn an, ob er nicht ehrenamtlich mitarbeiten wolle.
Er bekam die Chance, in der Notübernachtung zu helfen, war
verantwortlich für die Betten und das Außengelände. Nach zwei Jahren
fühlte er, dass es ihm langsam besser ging. Auf Honorarbasis arbeitete
er jetzt für die, die ganz unten waren. Elf Jahre blieb er in der
Stadtmission. Den Alkohol verbannte er erfolgreich aus seinem Leben.
Torsten
Ramlow wurde ehrenamtlicher Malteser, machte eine Ausbildung zum
Rettungssanitäter. Im letzten Jahr lernte er über eine Anzeige eine Frau
kennen und lieben. Er heiratete sie und zog nach Bad Liebenwerder. Er
fand eine Familie und Arbeit in der Rettungsstelle. Gern und regelmäßig
kommt er wieder zurück in die Lehrter Straße, er schätzt die netten
Kollegen dort.
Heute ist er ein fröhlicher Mensch, dankbar für
alles, was ihm in den vergangenen Jahren an Hilfe und Aufmerksamkeit
zuteil wurde. Und er sorgt nun mit dafür, dass auch andere diesen
Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Auseinanderbrechen der Familie,
Obdachlosigkeit, Drogen- oder Alkoholmissbrauch durchbrechen können.
