Andreas Böer

Zum 60. Geburtstag von Andreas Böer.

Andreas BöerVon Hans-Wilhelm Pietz

Er ist ein leidenschaftlicher und ausdauernder Wanderer. Da kann es schon in der Frühe losgehen. Da ziehen ihn gerade die hohen Berge an. Da scheut er jene Anstrengung nicht, die vor dem Erlebnis von Weite steht. Seine Begeisterungsfähigkeit und Hartnäckigkeit ziehen andere dabei mit. Richtig schön aber wird es für ihn und die, die ihn begleiten, wenn nach dem Weg die Heimkehr gelungen ist. Richtig schön ist es im Vertrauten, am konkreten Ort.

So erleben wir Andreas Böer im Trubel der Hauptstadt Berlin – als Präses der Synode einer Landeskirche, die von der Prignitz und dem Oderbruch über Brandenburg und Potsdam bis nach Cottbus und Görlitz reicht. So kann er in den Ministerien der Landeshauptstadt Dresden trefflich für die Menschen in der Oberlausitz streiten. So ist er ein nachhaltiger Förderer konkreter Bürgerbegegnung in Europa, hat in Polen und Italien, in Tschechien und Deutschland einen Namen als Mitbegründer der Eurocommunale, eines jährlichen Treffens europäischer Partnerstädte. Zu hause aber ist Andreas Böer in Reichenbach, der kleinen Stadt an der alten Grenze und Verbindungslinie zwischen Sachsen und Preußen.

In Reichenbach / OL. ist er in den 50´er und frühen 60´er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewachsen. Die Flüchtlinge und Vertriebenen, die westlich der Neiße eine Bleibe gefunden hatten, haben schon dem Kind etwas vom Leid des Krieges und von der Aufgabe, einander Heimat zu geben, aber auch viel vom Reichtum der schlesischen Geschichte und Frömmigkeit nahegebracht. Die Ideologisierung im SED-Staat hat sein Empfinden für Wahrhaftigkeit und die Bedeutung von Zivilcourage wachsen lassen. Und wie sich die Klarheit im Bekennen des christlichen Glaubens mit einer intellektuellen Weite und einem sozialen Engagement zum Wohl der Menschen und der Gesellschaft stimmig verbinden, das hat Andreas Böer im Elternhaus erfahren. Im Haus des Reichenbacher Superintendenten Johannes Böer war ja deutlich: Eine lebendige Frömmigkeit und eine glaubwürdige Haltung in der Familie und Öffentlichkeit gehen Hand in Hand.

So gehörte es für ihn zur Folgerichtigkeit seiner Entwicklung, in der DDR auf Anpassungsschritte zu verzichten und damit zu leben, dass man ihm den Zugang zum Abitur verweigerte. Nach der Ausbildung als Funkmechaniker wurde er im Beruf und in den Aufgabenfeldern der Gemeinde schon frühzeitig zur Vertrauensperson. Dabei machte er es sich und anderen nicht bequem. Ein Zeugnis dafür ist ein 1987 von der Wochenzeitung „Die Kirche“ veröffentlichter Aufruf Andreas Böers „Von ängstlicher Anpassung zu befreiender Aufrichtigkeit“. Darin heißt es: „Unser privater Frieden geht uns über alles. Was nach Problemen aussieht, versuchen wir, so weit wie möglich von uns zu schieben. Um nicht aufzufallen, beschränken wir uns und unseren Horizont immer mehr. Unsere Konstruktivität besteht höchstens noch im Herumnörgeln und Meckern an allem und allen.

Wenn wir versuchen, von Gottes Wort her zu leben, stellen wir fest, dass ganz anderes gefragt ist. Wir selbst werden angefragt: nach unserem Umgang mit dem Menschen von nebenan, nach dem Umgang mit der Natur, nach unserem Einwirken auf die Gesellschaft, nach unserem Mittun in der Kirche.“

Ich bin gefragt. Ich bin herausgefordert. Wir dürfen leben und gestalten: Von solchen Glaubenseinsichten hat sich der jetzt 60-Jährige leiten lassen und lässt er sich leiten: in der eigenen Ehe und Familie, als Vater und Großvater, in seinen kirchlichen und öffentlichen Ämtern.

Im Juni 1990 wurde er zum Präses der Synode der Evangelischen Kirche des Görlitzer Kirchengebietes gewählt. Maßgeblich hat er in diesem kirchenleitenden Amt die Wege seiner schlesischen Heimatkirche mitbestimmt, deren Bekenntnis zur Bildungsverantwortung und zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gestärkt, aber auch deren Probleme und Grenzen benannt. So hat er sich schon am Ende der 90´er Jahre angesichts der demographischen Entwicklung und der Notwendigkeit zu einer Orientierung der kirchlichen Strukturen am Auftrag der Kirche für eine deutliche Reform eingesetzt. Den Prozess der Neubildung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat er als Präses nachhaltig vorangebracht und moderiert. Und wir können dankbar dafür sein, dass seine Gaben nun schon in der dritten Legislaturperiode der gemeinsamen Kirche zugute kommen.

Fast genauso lange wie er im Präsesamt ist, versieht Andreas Böer auch das Amt des Bürgermeisters von Reichenbach. Seit 1991 füllt er diese Aufgabe nun schon aus – mit einem Wissen darum, dass die Glaubwürdigkeit politischen Handelns gerade vor Ort zu suchen und vor Ort zu bewähren ist. Mit Aufmerksamkeit und Einfühlung begegnet er den Lebensgeschichten und Anliegen der Menschen. Mit dem Mut zu Entscheidungen widmet er sich den Fragen der Kommunalverwaltung, der Wirtschaftsförderung, der Schulentwicklung. Und im neuen Kreis Görlitz liegen ihm die Wege zu einem tragfähigen Miteinander der so unterschiedlich geprägten Regionen am Herzen.

Manchmal schon haben andere ihn gedrängt, aufzubrechen und seine Erfahrungen auf womöglich größeren Aufgabenfeldern einzubringen. Andreas Böer aber ist geblieben. Er weiß, dass es wohl kein größeres Aufgabenfeld gibt, als am konkreten Ort für andere da zu sein. Da heißt es ja, nach Erfolgen und Niederlagen, nach Zeiten der Übereinstimmung und Zeiten des Streits, in geschenkter Nähe und in gewachsener Distanz immer wieder miteinander anzufangen. Vom Vertrauten auszugehen und mit Weitblick auf das Anvertraute zurückzukommen, das ist ja nicht nur gut, das ist auch schön.
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