Epheser 3, 1-7
Predigt von Bischof Dr. Markus Dröge im Universitätsgottesdienst am 30. Mai 2010, St. Marien-Kirche Berlin
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
I.
„Geheimsache Gottes.“
Die Heilige Liturgie erfüllt den Kirchenraum, dargeboten im vielstimmigen Chorgesang.
Es ist wie ein Vorgeschmack auf das Loblied vor dem Throne Gottes, mehr noch: die Liturgie verbindet heute schon mit dem himmlischen Lobgesang der Engel.
Stehend, Stunde um Stunde, die Blicke gerichtet auf die Pracht der Ikonen, lässt die Gemeinde sich hineinnehmen in dieses Lob des ewigen Gottes.
Während das Heilige Mahl bereitet wird schützt die Ikonenwand die Priester vor den Blicken der Gläubigen, solange bis die Tür sich öffnet und die Diener Gottes sich mit der himmlischen Speise der Gemeinde zeigen.
Geheimnis des Glaubens.
Die Glocke erklingt. Der Priester verlässt die Sakristei.
Die Gemeinde erhebt sich. Würdigen Schrittes nähert sich der Priester dem Hochaltar, bleibt stehen, beugt die Knie.
Das ewige Licht zeigt an: Hier ist der Herr. Der Tabernakel verbirgt und schützt die Eucharistie. Nur anbetend sollen sich die Gläubigen nahen.
Die Messfeier beginnt.
Geheimnis des Glaubens.
Sowohl in der orthodoxen Liturgie wie im römisch-katholischen Priester- und Eucharistieverständnis wird sinnlich wahrnehmbar, dass der Zugang zur Transzendenz nicht ohne das Bewusstsein der Verborgenheit, nicht ohne ein Gefühl für das Geheimnis Gottes, zu entdecken ist. Was klar, rational, verstehbar ist, kann die Schwelle zum Ewigen nicht überschreiten.
In diesem ökumenischen Umfeld der Christenheit leben wir unseren evangelischen Glauben.
Klar dem Wort verpflichtet, analytisch und kritisch.
Allein der Glaube; Christus allein. Er ist für uns das eine Wort.
Nichts gibt es für uns, als allein den rechtfertigenden Glaubens; nichts als die Gnade; und nichts als die Heilige Schrift.
Haben wir Evangelischen nicht deutlich weniger zu bieten als die Mitkonkurrenten auf dem Markt der Konfessionen?
Keine Heilige Liturgie, keine Fenster zum Himmel, keine leibhaftige Gegenwart des Ewigen, in der Hostie unbegreiflich verborgen.
Karl Barth, obwohl selbst strenger, dialektischer Verfechter des solus christus (Christus allein), meinte, dass dem Protestantismus die Dimension des Geheimnisses abhanden gekommen sei und dass er deshalb langweilig, bedeutungslos und verwildert ist. Stimmt das? – Das ist heute meine Frage.
II.
Eines ist klar. Die heilige Schrift kennt den Geheimnischarakter der Wirklichkeit Gottes sehr wohl. Ich lese aus Epheser 3, die Verse 1-7:
Deshalb sage ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden – ihr habt ja gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch gegeben hat: Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich eben aufs kürzeste geschrieben habe. Daran könnt ihr, wenn ihr's lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben ist.
Hatte Paulus die Kreuzestheologie als das große Geheimnis des Glaubens entfaltet, so setzt der Epheserbrief dieses Geheimnis voraus, aber spitzt es nun auf eine bestimmte These zu:
Er ist unser Friede! Christus ist der Friede.
Die Offenbarung Gottes in Kreuz und Auferstehung entfaltet dort ihre Kraft, wo Mauern überwunden werden und Versöhnung geschieht.
Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, lässt der Epheserbrief den Apostel schreiben. …. Daran könnt ihr, wenn ihr's lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen.
Die Offenbarung des Evangeliums enthüllt nicht etwa eine Lösung, oder eine Strategie oder eine ewige Wahrheit.
Nein, die Offenbarung macht ein Geheimnis erkennbar.
Wer sich für dieses Geheimnis interessiert, der erfährt lediglich die begrenzte Einsicht, die der Apostel in dieses Geheimnis gewonnen hat.
Daran könnt ihr, wenn ihr's lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen …
Das Geheimnis Christi ist eben kein Rätsel.
Ein Rätsel kann ich lösen, will ich lösen. Das macht seinen Reiz aus.
Erst wenn ich alle Wörter gefunden habe, senkrecht und waagerecht, hat das Keuzworträtsel sein Ziel erreicht.
Ein Geheimnis ist etwas anderes. Wenn ich es lösen will wie ein Rätsel, zerstöre ich es.
Es ist wie bei der Liebe. Wenn ich analysieren, berechnen, verstehen will, wohin die Liebe fällt und warum, wenn ich beweisen will, dass die Liebe Liebe ist, dann habe ich das Geschenk zerstört, oder schlimmer noch: Ich werde es erst gar nicht erkennen.
So ist es auch mit der „Geheimsache Gottes“:
Durch Gottes Offenbarung in Christus wird ein Geheimnis bekannt gemacht, das doch Geheimnis bleibt: Die Liebe Gottes, die versöhnt,
die spürbar ist und doch nicht verstehbar,
erkennbar ist und doch nicht greifbar,
erfahrbar ist und doch nicht machbar.
III.
Paulus hat dieses Geheimnis der Liebe Gottes im Blick auf Israel schmerzhaft stehen lassen müssen. Er konnte das Rätsel nicht lösen, warum Israel sich nicht für die neue Offenbarung der Liebe Gottes in Christus gewinnen ließ.
In Römer 9 bis 11 sehen wir Paulus mit dem Rätsel ringen und sich schließlich dem Geheimnis beugen:
„O welch eine tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“
So lauten seine Worte im Predigttext für den heutigen Sonntag Trinitatis.
Bis heute haben wir keine Lösung.
Auch wir müssen die Tatsache stehen lassen, dass Gottes Verheißungen an Israel nicht zurückgenommen sind, und wir doch erleben müssen, dass die Liebe Gottes, die wir in Christus erfahren, für Jüdinnen und Juden wenig überzeugend erscheint.
Ich will Euch dieses Geheimnis nicht verhehlen, schreibt Paulus, damit ihr euch nicht für klug haltet.
Für klug hält sich der, der meint, das Rätsel gelöst zu haben,
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der entweder Israel für verworfen erklärt
-
oder meint, Jüdinnen und Juden christlich missionieren zu müssen.
So schwer es uns fällt, mit ungelösten Rätseln zu leben,
vor Gottes Geheimnis müssen wir uns letztlich doch beugen und erkennen:
Wir ergründen die Wege Gottes nicht!
Paulus litt an dem ungelösten Rätsel Israel.
Wir stehen heute zusätzlich vor der Herausforderung des interreligiösen Dialoges:
Wie bringen wir es zusammen, dass es den einen Gott gibt, der will, dass allen Menschen geholfen werde und dass wir dennoch sehen, wie die unterschiedlichen Religionen kaum zu vereinbaren sind?
Auch hier müssen wir auf der Hut sein vor den großen Rätsellösern, die heute schon zu wissen meinen, dass Christen und Muslime nicht denselben Gott verehren oder die die Spannung meinen nur dadurch lösen zu können, dass entweder die eine Mission siegt oder die andere und die deshalb den Kampf der Kulturen und der Religionen schüren.
Den eigenen Glauben zu bezeugen und dennoch das Geheimnis Gottes stehen zu lassen, erfordert große Spannkraft. Ohne die wird aber kein Friede möglich. Denn Christus ist unser Friede!
IV.
Ist die evangelische Kirche deswegen manchmal langweilig, bedeutungslos und verwildert,
weil sie die Spannkraft nicht mehr aufbringt, die wir dem Neuen Testament abspüren können, bei Paulus nicht anders als im Epheserbrief?
Weil die evangelische Kirche sich lieber als Rätsellöser anbietet,
denn als Bewahrerin der Geheimnisse Gottes?
Ich glaube, wir kommen nicht umhin, hier selbstkritisch zuzugeben:
Ja, da ist etwas dran.
Überall, wo Predigten mit dem Unterton moralischer Überlegenheit aus dem Evangelium zu geradlinig Konzepte ableiten, die als Lösungen für die Probleme der Welt verkauft werden, überall da werden Glaubenserkenntnisse zum Rätsel degradiert.
Überall, wo theologische Positionen mit dem Brustton protestantischer Überzeugung als letzte Wahrheiten verteidigt werden, wo vergessen wird, dass jede auch noch so überzeugte und gut begründete theologische Erkenntnis nicht mehr ist, als das Zeugnis eines oder einer einzelnen Zeugin oder Zeugen –
so wie es der Epheserbrief sagt:
Ihr könnt, wenn ihr's lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. Nicht mehr aber auch nicht weniger –
überall wo das vergessen wird, wird das Geheimnis zum Rätsel degradiert.
Und das wirkt, kritisch betrachtet, nur langweilig, bedeutungslos und verwildert.
Vielleicht ist das ja die Kehrseite unserer Stärke.
Stark ist der Protestantismus in seiner Nähe zur Aufklärung, in seiner Leidenschaft für Transparenz, für Offenheit, für Selbstkritik und für die Aufnahme neuer Erkenntnisse.
Aber seine Schwäche liegt darin, dass bei uns zu oft in aufklärerischer Attitüde die Ehrfurcht vor der Wirklichkeit Gottes beschädigt wird und dadurch kaum noch erkennbar ist, dass auch unser Glaubenseifer von der Sehnsucht nach Transzendenz getrieben ist und dass auch unser Glaube begründet ist in der Kraft des Geheimnisses Gottes.
Vielleicht sollten wir Protestanten beten lernen:
Herr, schenke mir die Kraft, die Rätsel dieser Welt so mutig und engagiert wie möglich zu lösen,
und die Geduld, die Geheimnisse dieser Welt auszuhalten,
und schenke mir die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.
V.
Heute feiern wir das Fest der Heiligen Dreieinigkeit.
Die Lehre vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geist, will uns mit ihren Glaubenssätzen, die die Logik unseres Denkens überschreiten, davor bewahren, die Geheimnisse des Glaubens mit unserem Denken zu leichtfertig zu lösen.
Sie beschreibt, dass der eine Gott vielfältig wirkt und dass er aus unterschiedlichen Perspektiven unterschiedlich zu bezeugen ist.
Sie verbindet die Gläubigen aller christlichen Konfessionen, und lädt alle ein, dem Geheimnis Gottes nachzuspüren,
ob sie vor der Ikonenwand der Heiligen Liturgie lauschen,
oder ob sie die Eucharistie mit dem geweihten Priester feiern
oder ob sie sich vom Wort allein die Gnade zusprechen lassen.
Amen.
