Christliche Spiritualität - Auszeit für die Seele
In der Spiritualität sucht und findet der Mensch – allein oder gemeinsam mit anderen – die Nähe Gottes. Für evangelische Christinnen und Christen haben die Worte der Heiligen Schrift und die Sakramente zentrale Bedeutung für ihre Spiritualität. Die Kirche hält Rituale für Biographie und Jahreszyklus, für den Rhythmus von Tages-, Jahres- und Lebenszeiten bereit. Dennoch sind den spirituellen Formen in der Kirche nahezu keine Grenzen gesetzt: Sprache, Texte, Bilder, Musik, selbst Kunst und Architektur bieten vielfältige Zugänge zum Evangelium.
Spiritualität ist kein spezifisch christliches Phänomen. Es gibt selbstverständlich eine muslimische Spiritualität, es gibt die Spiritualität buddhistischer Mönche oder indianischer Riten und vieles andere mehr. In allen Religionen begegnen wir Formen der Suche nach Gott, sehen wir praktische Übungen und Lebensformen, die Glauben und Wissen, Erfahrung und Hoffnung zusammenbringen wollen. Es gibt eine neue Sehnsucht nach Spiritualität innerhalb und außerhalb der Kirchen.
Trotz dieser vielfältigen Gestalten ist festzuhalten: Der Begriff Spiritualität ist christlichen Ursprungs. Er leitet sich vom Spiritus Sanctus, dem Heiligen Geist, her. Wo der Heilige Geist Fühlen, Denken und Handeln eines Menschen bestimmt, ist sein Leben spirituell.
Spiritualität in den Alltag integrieren
Christliche Spiritualität meint das Leben im Ganzen. Sie ist eine Frömmigkeitskultur, die den Lebensstil des Christenmenschen kennzeichnet. „Sie lebt aus dem Wechselspiel von Sonntag und Alltag, von sonntäglicher Versammlung um Wort und Sakrament und alltäglichem Gebet, von Gottesdienst am Sonntag und im Alltag der Welt“, sagte Bischof i. R.Wolfgang Huber in einer Predigt zur spirituellen Situation der evangelischen Kirche.
Die Orientierung am Doppelgebot der Liebe – zu Gott und zum Nächsten wie zu sich selbst – bestimme die besondere Gestalt evangelischer Frömmigkeit. „Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln“ lautet Huber zufolge eines ihrer Grundgesetze.
Die Grundbewegung evangelischer Spiritualität habe Martin Luther im Kleinen Katechismus exemplarisch formuliert: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten“.
Dass die so beschriebene Bewegung besondere Räume und Zeiten brauche, sei auch Martin Luther sehr bewusst gewesen, so Bischof i.R.Huber. Zwar habe Luther vor einem naiven Vertrauen in „heilige Räume“ gewarnt: Unter der Elbbrücke könne Gott genauso verehrt werden wie in einem Kirchengebäude. Aber ausdrücklich habe er den Weg der Stille als einen Weg zu Gott empfohlen: „Gleichwie die Sonne in einem stillen Wasser gut zu sehen ist und es kräftig erwärmt, kann sie in einem bewegten, rauschenden Wasser nicht deutlich gesehen werden. Darum, willst du auch erleuchtet und warm werden durch das Evangelium, so gehe hin, wo du still sein und das Bild dir tief ins Herz fassen kannst, da wirst du finden Wunder über Wunder.“
Die Teilhabe an der Wirklichkeit Gottes will verleiblicht werden und in unserem Alltag einen festen Ort erhalten. Deshalb brauchen wir eine Übung der Spiritualität, feste Formen der Frömmigkeit, die uns in guten wie in schweren Tagen tragen und zum „Schwarzbrot unseres Glaubens“ werden können. Dass biblische Texte – die Losungen zum Beispiel – in unserem Leben einen festen Ort haben, ist dafür genauso wichtig wie der Raum für Zeiten der Stille, die Praxis der Meditation und die Übung des Gebets.
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